Alle gegen den Lehrer
Manchmal fühlt man sich in Sozialen Netzwerken ganz schlimm an die Schulzeit erinnert. Was Stinkefinger im Internet mit Rebellen im Klassenzimmer gemeinsam haben.
Angestrichen:As the first point of interaction with a user’s profile, all profile photos on Google+ are reviewed to make sure they are in line with our User Content and Conduct Policy. Our policy page states, “Your Profile Picture cannot include mature or offensive content.” Your profile photo was taken down as a violation of this policy.
(Auf deutsch und knapp gesagt: Google schaut sich alle Profilfotos auf Google+ an. Wenn ein Motiv anstößig ist, wird es entfernt.)
Wo steht das?
In einem Blogpost von MG Siegler, einem Kolumnisten der Interseite TechCrunch. Er hatte ein Profilfoto hochgeladen, auf dem er den Mittelfinger zeigt. Plötzlich entdeckte er, dass ein Google-Mitarbeiter in sein Profil gegangen war und das Foto entfernt hatte. Als Siegler es wieder hochgeladen hatte, war es schon bald wieder verschwunden – zurück blieb eine Notiz, aus der wir oben zitiert haben. MG Siegler schrieb darüber.
Und das war’s dann?
Nicht ganz. Allerhand Leute haben den Blogeintrag weitergetragen und schließlich ruft eine TechCrunch-Kollegin dazu auf, den Google-Menschen auf ganz vielen Profilbildern den Mittelfinger zu zeigen. Weil es nicht besonders einsichtig sei, weshalb Google allerhand Links auf Porno-Inhalte im Netzwerk belässt, sich aber peinlich genau um nackte Mittelfinger kümmert.

Was lernen wir?
Mindestens zwei Dinge. Erstens: Mittelfinger locken Besucher ins eigene Profil. Zweitens: Soziale Netzwerke erinnern an die gute alte Schule.
Hm?
Die Schulzeit ist der vielleicht am meisten regulierte und reglementierte Zeitabschnitt des Lebens. Selbst das Arbeitsleben kann da nicht mithalten. Blöden Kollegen, einem schlechten Arbeitsklima oder beschissenen Chefs kann man zur Not auskommen - mit einer Kündigung. In der Schule geht das nicht. Einem blöden Lehrer zum Beispiel, der immer die gleichen zwei bevorzugt oder die gleichen zwei benachteiligt, kann man nicht ausweichen. Weder als einzelner Schüler noch als Klasse. Im Normalfall ist man für mindestens ein Schuljahr an diese eine Person dort vorne gebunden, muss sie aushalten und klarkommen. Hin und wieder entwickelt sich in einer solchen Situation und in einer solchen Klasse eine Gruppendynamik. Wenn sich zum Beispiel alle einig sind, dass eine 6 wegen angeblichen Abschreibens ungerechtfertigt waren. Dann gibt es Pausendiskussionen über Fairness und Gängelung, dann entdeckt die Klasse manchmal ihre Rechte und dass man als Schüler nicht zwangsläufig dem Depp sein Depp sein muss. Im Idealfall geht der Klassensprecher nach vorne und sucht das Gespräch. Oder es gibt Gesten der Solidarität und bei der nächsten Arbeit geben alle Schüler leere Blätter ab. Kommt nicht so oft vor, kommt aber vor.
Solche Momente der Zivilcourage (wie berechtigt sie im Einzelfall sein mögen oder nicht) tragen etwas Erhabenes in sich. Das sind die Momente, in denen man versteht, was Widerstand bedeutet und in denen man sich fragen kann, wieviel im Leben gegeben ist und wann man sich wehren muss. In der Schule sind die Stellungen ja auch so schön klar: Hier die Klasse, da der Lehrer. Im Grunde eine wahnsinnig konfrontative Situation, aus der hin und wieder echtes Gemeinschaftsgefühl entsteht.
Die Mittelfinger-Geschichte erinnert einen genau daran. Eine riesige Klasse hat sich im Sozialen Netzwerk zusammengefunden und reibt sich mit Genuss am Lehrer, sobald er ins Klassenzimmer kommt: Einer spürt die Ungerechtigkeit, informiert die anderen und versucht, einen Sog gegen die Ungerechtigkeit zu erzeugen: „Los, wir zeigen alle den Mittelfinger.“ Und plötzlich hat man das Gefühl, nicht mehr auf Google Plus oder Facebook zu sein. Sondern in der Schule.
Ob das ein schöner Gedanke ist, soll jeder selbst entscheiden. Immerhin: Bei Facebook und Google kann man sich abmelden, wenn einem der Lehrer nicht passt. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil. In der Schule ging das leider nicht.
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Und plötzlich hat man das Gefühl, nicht mehr auf Google Plus oder Facebook zu sein. Sondern in der Schule.
.im Kindergarten...
´Hauptsache dagegen´ (zusammengefasst) schon als Qualitätsmerkmal hinzustellen ist doch sehr fragwürdig, auch wenn sie am Ende mit " soll jeder selbst entscheiden" noch den Anschein einer Objektivität retten wollen, die sie schon zu Beginn ihres Textes einer nur teilweise verborgenen Polemik opfern. Das Thema Meinungsfreiheit bzw. Info.-kontrolle ausgerechnet am Stinkefinger festzumachen ist wenn man sich in der Welt oder auch nur in Facebook umschaut doch zumind. fragwürdig. Die Art wie sie eine parallele zur Schule ziehen zeigt zudem, dass sie entweder schlecht oder zumindest sehr einseitig recherchiert haben , nach dem Motto Schule, Lehrer = Feind + Macht + Rechte und Schüler =rechtlos. Der Situation an Schulen und dem Verhältnis zw. Schülern und Lehrern wird dies wohl kaum gerecht.
Schade, von der SZ hatte ich mir bei so einem wichtigen Thema mehr erhofft.
M. Uebel
Diese ist dann verboten, wenn es sich gegen eine geschützte Gruppe (Religionen, Rassen, Geschlechter, sexuelle Identitäten, ...) - wer legt diese fest? - richtet, auch wenn das Gesagte nicht illegal ist.
Viele Youtubenutzer waren der Meinung des "Clowns", luden das Video aus der Dropbox herunter und dann wieder auf Youtube hoch. Google lenkte schließlich ein.
Zensur in Medien, die oft hinter dem "Hausrecht" einer Webseite versteckt wird, ist nicht neu. Die Süddeutsche Zeitung nebst anderen deutschen Printmedien aus vergangenen Zeiten spielt ja hier ganz vorne mit. Dass diese vermeintliche Machtdemonstration eigentlich ein Zeichen geistiger Schwäche ist, sofern es sich bei den zensierten Texten nicht um tatsächliches bloßes Geschimpfe handelt, haben viele Redakteure noch nicht verstanden.
Vielleicht dauert das noch ein oder zwei Generationen.
04.01.2012 - 05:38 Uhr
StaticBool
TheBowie sagte: Das Thema Meinungsfreiheit bzw. Info.-kontrolle ausgerechnet am Stinkefinger festzumachen ist wenn man sich in der Welt oder auch nur in Facebook umschaut doch zumind. fragwürdig.
Ich würde sogar sagen "zumindest untertrieben". Wie schon erwähnt, gibt es hier bei der Süddeutschen Zeitung zumindest im "Hauptteil" der Onlinezeitung eine Zensur, die weit über das Entfernen von "F... Dich, Du Opfa"-Kommentaren hinaus geht!
"Sendezeiten" einzuführen und zu fast jedem Thema eine Vorkontrolle aller Nutzerbeiträge zu schalten widerspricht dem Gedanken einer Community, die eigentlich so viel Potential hätte.
Ich selbst zumindest mache mir hier keine große Mühe mehr mit dem Schreiben, auch wenn ich es immer noch gelegentlich tue. Schließlich muss ich damit rechnen, dass bei Missfallen der Kommentar ohne Begründung vernichtet wird!
Da zitiere ich lieber Teile des Textes und schreibe meine Kommentare in einen Blog, in dem sie stehen bleiben. Wenn dort jemand Probleme mit dem Gesagten hat, muss er diese argumentativ entkräften, wenn er kann.
Aber dazu ist nicht nur die SZ leider zu feige.








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03.01.2012 - 00:06 Uhr
apollyon
Aber, hah, da zeige ich doch viel mehr Zivilcourage: Auf der Jugendseite einer seriösen Qualitätszeitung bin ich so obszön und strecke allen Leuten die Zunge raus, um so die unschuldige Jugend zu verderben.
...kommt, macht mit!