02.01.2012 - 18:30 Uhr

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Die schmarotzenden Selbstverwirklicher

Text: julia-friese - Foto: MisterQM / photocase.com

Trifft man die alten Schulfreunde zum Jahresende in der Heimatstadt wieder, kommt der Kassensturz: Jeder erzählt, was er gerade macht und was er in diesem Jahr erreicht hat. Die einen haben schillernde Bilanzen vorzuweisen, die anderen nicht. Und die einen haben spendierfreudigere Eltern als die anderen. Könnte das etwas miteinander zu tun haben?


„Ich bin immer noch nicht fertig“, entschuldigt sich Anna, vorraussetzend, dass jeder weiß, was sie meint. Denn sie entschuldigt sich dieses Jahr schon zum dritten Mal in Folge. Es sind die Tage am Ende des Jahres. Die meisten nach dem Abi Ausgeflogenen sind wieder in ihrem Nest, und es kommt zum alljährlichen Ehemalige-Schulfreundestammtisch. Und genauso unvermeidlich folgt direkt nach der Begrüßung die große Bestandsaufnahme: "Und was machst du so?"

Anna macht das: Sie steckt Tomatensaft servierend in der Gangway eines Inlandfliegers fest und schafft es für den ersehnten Abschluss einfach zu selten in die Hörsäle ihres Teilzeitstudiums. Schultern zuckend fügt sie hinzu, was „Spannendes“ habe sie auch nicht zu berichten, sie sei aber auch jetzt gerade auf Standby, jederzeit könne ihr Telefon klingeln, sie müsste dann schnell zum Flughafen. Und damit hat Anna das Wort beim alljährlichen Bilanzieren verloren. Ihrem Tischnachbar Matteo bleibt es aber auch nicht lange. Denn der macht irgendwas mit Innendienst, in irgend so einer kleinen Firma, die wiederum irgendwas mit Hygienetechnik macht. Und das interessiert irgendwie auch niemanden so richtig. 

Die ehemaligen Schulfreunde staunen wesentlich lieber über Filmwissenschafts-Mara, die sich gerade ehrenamtlich für behinderte Kinder im Libanon einsetzt. Oder über Thilo, der dieses Jahr konsequent sein BWL-Studium geschmissen hat, weil er weiß, was er stattdessen will, dieses Buch nämlich, für das er zwar keinen Verlag, aber dafür einen Cover-Zeichner hat, schließlich hat er da letztens so einen in der Bar kennen gelernt. Thilo redet und redet. Und Mara wird gefragt und gefragt.

Die Augen der Zuhörer glänzen. Steve Jobs habe ja auch gesagt, man müsse seinem Herzen folgen, hungrig und tollkühn bleiben, um eine Delle ins Universum schlagen, sagt einer. Und alles nickt. Die meiste Redezeit beim Bilanzieren gebührt den Idealisten, weil man ihnen am liebsten zuhört. Sie haben die spannenderen Geschichten zu erzählen. Weil sie sich nicht zum schnellen Bachelor-Master-Abschluss durch die Semester jagen lassen. Weil sie unbekümmert lang studieren und sich nicht dafür entschuldigen, Erfahrungen zu sammeln statt Credit Points. Weil sie ihren Prinzipien treu bleiben und weiterhin so lange entspannt testen und „Nein“ sagen werden, bis die perfekte Betätigung gefunden ist.

Doch dann, völlig unangekündigt aus einer stillen Ecke: „Wirst du eigentlich noch von deinen Eltern finanziert?“

Eine unschuldige Frage, aber dennoch von solcher Einschlagskraft, dass die blinkenden Besonderheitslämpchen über Mara-Thilo plötzlich erlöschen. Eine gespannte Sekunde nichts. Von seitlich rechts unten blickt Mara-Thilo auf.
 „Joa.“ 
Verharrende Schiefhaltung, das Mundwerk drei Geschwindigkeitsstufen langsamer. „Die überweisen mir halt was. Aber jetzt nicht viel.“ Und mit einem Krach bricht Glanz und Glorie über Mara-Thilo zusammen. Das tolle Idealisten-Individuum hängt noch an der Nabelschnur.

All ihre Aktivitäten erscheinen plötzlich wie Klassenfahrten, ihre Ansichten naiv und verzichtbar. Sie sind vom Tisch. Inlandsflug-Anna nippt an ihrem Bier, Hygienetechnik-Marcel blickt auf sein Smartphone. Sie haben das Geld dafür selbst verdient.

Und plötzlich gesellt sich zwischen Endjahresbrause und Wiedersehensfeierlichkeit die Frage nach einer ganz anderen Bilanz: Wo wäre ich heute eigentlich ohne meine Eltern? Bis wann ist diese finanzielle Nabelschnur eigentlich okay? 

Vorsorglich nimmt man noch einen Schluck feierliches Getränk, geht seine eigenen monatlichen Einkünfte durch, überlegt, addiert, subtrahiert. Fasst schließlich einen neuen Jahresvorsatz: Ende 2013 komplett auf eigenen Füßen stehen. Oder? Das angepeilte Auslandspraktikum und die Lebenslauf und Erfahrungsschatz aufpolierende Extra-Aktivitäten fielen damit vom Tisch, weil sie zu teuer wären. Prüfend geht man all seine Altersklassen-Genosssen durch: Von wem kann man sicher sagen, dass er ohne jegliches Mama-Zubrot lebt?

Es sind die Menschen in den Ausbildungsberufen, die einmal im Jahr in den Urlaub fliegen und Auto fahren. Es sind die, die ihr Studium ohne Extra-Projekte dem Bafög-Zeitplan gemäß durchgezogen haben. Es sind die Studienabbrecher, deren einstiger Nebenjob zu einer Vollzeitstelle wurde. Und es sind die Ausnahmen mit Stipendium oder Dualstudiengang.

Aber der Großteil der mitt- bis spätzwanziger Studierten oder Studierenden, der einem einfällt, bekommt Hilfe. Die Eltern erstatten ihnen den Krankenkassenbeitrag, zahlen die Miete oder überlassen ihnen die Berliner Eigentumswohnung. Die betretenen, rechnenden Gesichter am Endjahrestisch machen deutlich: Wir sind nicht die Generation, die sich im Pool der unendlichen Möglichkeiten nicht zu einer Entscheidung durchschwimmen kann. Wir sind die Generation, die zumindest zum Teil aus Selbstverwiklichungs-Schmarotzern besteht, die sich nicht entscheiden müssen. Papi-Privilegierte, die mit sicherem Fangnetz das Ideal anstreben und dafür auch noch den Applaus, die Zuhörer und die bewundernden Blicke ernten. Während andere still und einfach für sich selbst aufkommen, die Dinge geregelt kriegen, kurz: längst in der Realität angekommen sind.

Anna muss den Ehemaligen-Stammtisch verfrüht verlassen. Jetzt noch arbeiten?, fragt ihre ehemalige beste Schulfreundin mit vorgeschobener Unterlippe. Sie umarmen sich und dann verfällt der Tisch wieder ins Palaver. Als der Begriff „Bedingungsloses Grundeinkommen“ fällt, lacht einer, das sei doch naive Scheiße. Er ist 27, hat eine Wohnung in München und einen unregelmäßigen Geringverdienst.


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wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

-2

02.01.2012 - 18:35 Uhr
wollmops

Heul doch.

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Mag ich Mag ich nicht

-1

02.01.2012 - 18:44 Uhr
wollmops

Daum doch.

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

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02.01.2012 - 19:03 Uhr
alcofribas

Vielleicht ein Vorteil meines fortgeschrittenen Alters, dass, wenn ich in solcher Runde sitze, jeder sein eigenes Geld verdient. Vor ein paar Jahren war das allerdings anders und ich kann nicht bestreiten, dass ich solche Beobachtungen auch gemacht habe. Aber geheult habe ich nicht, es hat alles seine Richtigkeit, ob man nun von der elterlichen Kohle rumdaddelt oder auf eigenen Füßen steht, gell :)

BananenBill
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02.01.2012 - 19:03 Uhr
BananenBill

Sowas fragt bei meinen Idealistenfreunden keiner.

moritzs7
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2

02.01.2012 - 19:08 Uhr
moritzs7

Tja. True Story. Und das dümmste ist, daß die ganzen Schmarotzer-Söhnchen und -Töchterchen dann noch relativ reibungslos nach sieben Praktika in Top-Stellen und dem entsprechenden Vitamin B auch irgendwann in entsprechenden Stellen landen werden. Ohne je irgendwas von der Realität mitbekommen zu haben. Aber naja, sie waren halt auch immer engagiert und aktiv und kreativ so....

Benep
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6

02.01.2012 - 19:10 Uhr
Benep

Naja, dabei sollte man vielleicht bedenken, dass das Bildungssystem in Deutschland auf die Unterstützung durch die Eltern baut. Arbeiten und nebenbei Studieren reicht sehr häufig nicht zum leben. Bafög gibt es "nur" wenn bestimmte Einkommensgrenzen unterschritten werden. Ist dies nicht der Fall !Müssen! die Eltern einen bestimmten Betrag leisten. Das kann man kritisieren und z. B. einen zinslosen Kredit für alle Studenten fordern aber denjenigen mit aus staatlicher Sicht finanziell ausreichend ausgestatteten Eltern schmarotzen vorzuwerfen ist gewagt.

ein_oxymoron
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1

02.01.2012 - 19:19 Uhr
ein_oxymoron

man kann auch ohne elterliche ueberweisungen "seinem herzen folgen". allerdings wird man dann unter umstaenden auch mal das "hungrig und tollkuehn" woertlich nehmen muessen. was sicher nicht das schlechteste ist.
"where, then, lies the answer? in choice: which shall it be - bankruptcy of purse, or bankruptcy of life?"

BananenBill
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02.01.2012 - 19:28 Uhr
BananenBill

ein_oxymoron sagte:
man kann auch ohne elterliche ueberweisungen "seinem herzen folgen". allerdings wird man dann unter umstaenden auch mal das "hungrig und tollkuehn" woertlich nehmen muessen. was sicher nicht das schlechteste ist.
"where, then, lies the answer? in choice: which shall it be - bankruptcy of purse, or bankruptcy of life?"


vice versa: man kann auch mit geld von seinen eltern vollzeit arbeiten, idealistische abenteuer machen und lebenserfahrung sammeln. wie ich artikel wie den da oben nicht mehr sehen kann... :(

ein_oxymoron
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2

02.01.2012 - 19:44 Uhr
ein_oxymoron

ich behaupte mal, die wenigsten menschen haben die eier, sich gegen groessere widerstaende durchzusetzen und die verantwortung dafuer zu uebernehmen, "ihrem herzen zu folgen" (ausser, sie wollen wirklich, wirklich bwl oder medizin oder jura studieren - ich weiss, dass es das gibt). nur, die mit den spendablen eltern brauchen diese eier nicht, deswegen koennen sie es trotzdem machen, und deswegen gibt es mehr "schmarotzende" als selbstaendige selbstverwirklicher.

ich behaupte weiter, dass die erfahrungen, die man sich selbst erarbeitet hat, wertvoller und lehrreicher sind als die spendierten. von daher braucht sich die saftschubsendingens nicht unbedingt vor der waisenheimtante zu verstecken.

lea2
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Mag ich Mag ich nicht

3

02.01.2012 - 19:45 Uhr
lea2

naja, kommt drauf an.
ich hatte mal ein wohl umsorgtes bübchen als wg-mitbewohner, den mami und papi mittags aus dem bett geklingelt haben, damit der bub sein studium fertig bekommt, dass sie finanzieren.
während ich mich mit ner halben stelle komplett selbst finanziert hab. noch gegensätzlicher ging es kaum. geärgert hab ich mich nur insofern. als dass der kerl ein veritables riesenbaby war. ansonsten hab ich mich für alle gefreut, deren eltern genug kohle hatten, ihnen das studium zu finanzieren und sie dabei auch noch tolle urlaube in fernost machen konnten. hätten meine eltern auch gemacht. demnach, was soll der neid, hätte eh nix geändert.

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julia-friese offline

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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.