Wer hat Schuld am Hunger?
Aktionskünstler haben einen Kurzfilm über Nahrungsmittelspekulationen gedreht, in dem ein Pressesprecher der Deutschen Bank mit einer zynischen Bemerkung auffällt. Die Bank droht nun mit Straftantrag, sollte die Passage nicht herausgeschnitten werden.
Die Hungersnot am Horn von Afrika ist inzwischen wieder aus den Nachrichten verschwunden, was leider nicht bedeutet, dass niemand mehr Hunger leidet. Die Ursachen der laut UNO größten Hungersnot seit 20 Jahren sind vielfältig: Eine lang anhaltende Dürre führte zu Ernteausfällen, der Bürgerkrieg in Somalia verschärfte die Situation.Wenn Menschen Hunger leiden, sind allerdings auch Spekulationen an Terminbörsen mit Schuld, durch welche die Preise für Nahrungsmittel und Agrarrohstoffe immer wieder in die Höhe getrieben werden. Das "Zentrum für politische Schönheit", eine Gruppe von Aktionskünstlern, hat einen Film gedreht, in dem die Künstler sich mit der Verantwortung für die Nahrungsmittelspekulationen auseinandersetzen:
Die Künstler begleiten in dem Film eine offenbar fiktive Fondsmanagerin, die über sich selbst sagt:
"Mein Geschäftsgebiet war der Hunger. Ich weiß nicht, wie viele Tote es sind - ich hab keine Ahnung. Aber ganz sicher habe ich mehr Menschenleben auf dem Gewissen, als all die Generäle und Politiker, die man wegen Kriegsverbrechen vor Tribunale gestellt hat." Schließlich stellt die Bankerin die Frage: "Warum hat diese Gesellschaft kein Interesse daran, Menschen wie mich zu verfolgen und zur Rechenschaft zu ziehen?"
Das Zentrum für politische Schönheit hat aber auch mit einem echten Bankmitarbeiter über Nahrungsmittelspekulationen und Hungerkrisen gesprochen: dem Pressesprecher der Deutschen Bank. Im Film ist zu sehen, wie der Aktivist Philipp Ruch sein Handy vor sich auf dem Tisch liegen hat. Er hat in der Pressestelle der Deutschen Bank angerufen. Über die Lautsprecher-Funktion kann der Zuschauer mithören. Ruch fasst die Aussagen des Pressesprechers zusammen, dass also nicht die Banken, sondern die Menschen in Somalia für ihre Armut selbst verantwortlich seien. Daraufhin antwortet der Pressesprecher: "Natürlich sind die selbst schuld!"
Der Deutschen Bank passt diese Aussage natürlich nicht in ihre Außendarstellung – und droht den Aktionskünstlern nun mit einem Strafantrag, sollte die Interviewpassage nicht aus dem Film entfernt werden. Die Deutsche Bank argumentiert in einem Schreiben an die Organisation, der Pressesprecher habe ein "vertrauliches Hintergrundgespräch zu Ihrer persönlichen Information" geführt, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen sei.
Das Zentrum für politische Schönheit hat inzwischen wiederum erklärt, dass der interviewte Pressesprecher über die Aufzeichnung des Telefonats sehr wohl informiert gewesen sei. In einer Presseerklärung der Organisation heißt es:
"Der Kameramann des Films erklärt: ‚Der Deutschen Bank ist peinlich, was ihr Pressesprecher gegenüber dem Zentrum für Politische Schönheit öffentlich erklärt hat. Frank Hartmann wurde darüber aufgeklärt, dass das Gespräch aufgezeichnet wird.’"
Und wenn es nicht so wäre? Das unangekündigte Mitschneiden eines Telefonats ist schließlich verboten. Der Anwalt Thomas Stadler hat in seinem Blog bereits eine juristische Einschätzung gegeben – und glaubt, dass die Argumentation der Bank auf "schwachen Beinen" steht:
"Bereits die strafrechtliche Kommentarliteratur geht davon aus, dass bei Telefongesprächen im Geschäfts- und Behördenverkehr oftmals eine mutmaßliche Einwilligung in Betracht kommt. Das gilt m.E. in besonderem Maße für den Pressesprecher eines großen Unternehmens, der telefonische Auskünfte erteilt bzw. Fragen beantwortet. Nachdem gerade ein Pressesprecher immer damit rechnen muss, dass seine Aussagen veröffentlicht werden, ist schon die Frage, ob überhaupt von einer 'Vertraulichkeit des Wortes' ausgegangen werden kann."
Nun ist die Aufregung groß, der Film verbreitet sich schnell im Netz. Durch ihre Androhung strafrechtlicher Konsequenzen hat die Deutsche Bank den eigenen Imageschaden also wahrscheinlich eher vergrößert als eingegrenzt.
UPDATE: Ein Sprecher der Deutschen Bank hat uns folgendes Statement zu dem Fall zukommen lassen:
"Wir werden nicht gegen Herrn Ruch klagen. Damit würden wir ihm zu viel Ehre erweisen, denn es geht ihm offenbar vor allem um eine möglichst öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung mit der Bank. Wir halten jedoch daran fest, dass Herr Ruch nach unserer Auffassung rechtswidrig gehandelt hat, indem er ein Telefonat mit einem Pressesprecher der Bank, das nach dessen Erinnerung als Hintergrundgespräch, also nicht zum Zitieren, deklariert war, nicht nur aufgezeichnet, sondern auch Passagen daraus veröffentlicht hat, in denen sich der Sprecher nicht korrekt wiedergegeben sieht. Seine in dem Film wiedergegebenen Ansichten entsprechen jedenfalls nicht der Position der Deutschen Bank"
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"Wenn ein Unternehmen das richtige tut, wird es von den Leuten bestraft."
Ich denke, das sagt alles über unser Wirtschaftssystem, die Moral und die Ethik.
Digital_Data
Ich gratuliere der Deutschen Bank zu einem Pressesprecher der auch mal Klartext redet, das ist mir allemal lieber als dieses übliche PR Gewäsch wo man sich das zuhören auch sparen kann weil sowieso nix bei rumkommt. Aber ob sich die Doku-Filmer damit einen Gefallen getan haben bezweifle ich weil jetzt Pressesprecher auch in Hintergrundgesprächen noch mehr darauf achten werden keine tatsächlichen Informationen weiterzugeben sondern ihre Worte noch mehr auf die Goldwaage legen werden und das dient dann nicht wirklich der guten Sache (dass der Journalist nicht nur im Dunkeln tappt sondern auch mal was erfährt.
Schade, dass gerade eine so wichtige Angelegenheit so ungeschickt angegangen wird. Die gute Sache schneidet sich dabei ins eigene Fleisch.
- heißt im endeffekt, dass wir, also du und ich, am tod dieser menschen mitverantwowrtlich sind, solange wir unser system stützen... so schauts aus!
Das Probelm ist, der einfache Mensch soll ja garnicht schuldig sein, sondern sich beim Bier zur Wurst über den Sündenbock pekieren können. Danach gesellt er oder sie sich vielleicht auch zu den "Occupy"-Leuten und malt sich ein Schild wie das "Bring your Banker to your Henker" eines Hamburger Potestlers.
Ob es den Somaliern hilft Faktoren wie Korruption, Infrastrukturmangel und Misswirtschaft zu verleugnen, möchte ich zumindest in Frage stellen, aber personalisierte Kapitalismuskritik führt ganz sicher zu nichts Gutem oder wie August Bebel es formluiert hat "Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls".
Natürlich sind die Leute dort selbst schuld.
Ganz genau so wie wir als Deutsche Gesellschaft Alle zusammen selbst schuld sind daran, dass wir uns von einer korrupten Regierung kollektiv in die Hartz-IV-Sklaverei verkaufen haben lassen, WEIL WIR DIE RÄUBER UND KÄUFLINGE ZU IHREN GUNSTEN UND UNSEREN LASTEN HABEN GEWÄHREN LASSEN.
Und ist ja nicht so, dass es zu wenig gesetzliche Grundlagen gäbe um der Meschpoke auch hierzulande ordentlich einzuheizen
Die Frage nach dem Wert einer Gesellschaft, welche keinerlei interesse zeigt diejenigen ernsthaft zu verfolgen, die aus Mangel, Elend und Hunger ein "gutes" = lukratives G'schäftl machen ist hier wesentlich angebrachter als eine Verteufelung der Deutschen Bank nur dafür, dass ihr Pressesprecher IM KONTEXT die Zusammenfassung des Anrufers bejaht.
Um wirklich etwas Grundlegendes zum Besseren zu wenden muss vermutlich erst mal "die Wirtschaft" samt ihrer Repräsentanten ähnlich angesehen werden wie die Kirche samt ihrer religiösen Repräsentanten: Sie hat in der Politik nichts zu suchen, Kirche und Staat sind in ernstzunehmenden Gesellschaften getrennt, staatlicher Fundamentalismus und Wächterräte sind etwas für gescheiterte Staaten oder Diktaturen.
Und es ist sicherlich nicht falsch, einen wie den H.W.Sinn (0-Ton: "... es wird immer Menschen geben die von ihrer Arbeit n icht Leben können...") als ausgemachten Fundamentalisten zu bezeichnen, der religiösen Hetztern anderer Strömungen in Nichts nachsteht.
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16.12.2011 - 19:56 Uhr
soylentyellow