05.12.2011 - 18:30 Uhr

9 15 Über Twitter weiterempfehlen

Zwitschernd Gehör verschafft

Text: julia-friese - Foto: privat

"Ey, für alles gibt es gelb!" Ohne Julia Probsts Twitter-Lippenableseservice hätten wir wohl nie erfahren, was Löw und Co während der WM 2010 über die Plätze fluchten. Über 5000 Follower hefteten sich an die Twitter-Fersen des gehörlosen Fußballfans. Eine Popularität, die sie geschickt nutzte, um auf Barrierenfreiheit aufmerksam zu machen. Mit Erfolg - denn jetzt wählte der amerikanische Mikroblogging-Riese die Neu-Ulmerin unter die Top Tweets 2011. Trotzdem verkündete sie jetzt, ihren Account stillegen zu wollen.



jetzt.de: Frau Probst, Sie alias @EinAugenschmaus sind als einzige Deutsche unter den Top Tweets 2011 gelandet. Neben Protest-Twitter-Nutzern aus Ägypten und Notfall-Twitter-Nutzern aus Japans Tsnuami...
Julia Probst: Ich muss mich immer noch kneifen, dass das wirklich so ist. Diese Nennung ist quasi sowas wie der Twitter-Oscar. Wirklich eine immense Ehre. Und fast noch viel wichtiger: Jetzt weiß sogar Amerika Bescheid, wie wenig barrierefrei Deutschland ist.

Zwei Tage bevor Ihnen die höchste "Twitterwürde" zuteil wurde, hatten sie allerdings bekannt gegeben, den öffentlichen Einsatz für Barrierefreiheit beenden zu wollen. Wieso?

Weil ich einfach müde bin, für etwas kämpfen zu müssen, was mir laut Gesetz eigentlich fraglos zusteht. Die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention, in die Deutschland 2009 einwilligte, erfüllen wir noch lange nicht. Ein einfaches Beispiel: Ich war 2010 beim Tag der offenen Tür des Bundeskanzleramtes. Außer dem Film über das Behördentelefon, welches es auch in Gebärdensprache gibt, war kein einziger Film mit Untertiteln oder Gebärdensprache versehen. Dieses Jahr war ich wieder dort und die Rede der Bundeskanzlerin war selbstverständlich wieder ohne Gebärdensprachdolmetscher. Da bin ich aufgestanden und hab mich zu Wort gemeldet: „Ich würde gerne mitbekommen, was hier gesagt wird. Doch es ist mir nicht möglich, da ich nicht hören kann." Merkel hat sich daraufhin entschuldigt und gesagt, dass man nicht daran gedacht habe, aber dass man dann nächstes Jahr ganz sicher einen Gebärdensprachdolmetscher haben werde...

Aber Sie glauben nicht daran?
Nein, eher nicht. Schauen Sie, ich habe den Regierungssprecher Seibert auf Twitter gefragt, warum der Videopodcast und die "Fragen und Antwort"-Videos der Bundeskanzlerin ohne Untertitel auskommen müssen. Darauf twitterte er zurück, dass er mit seinen Kollegen darüber nachdenken würde. Später gab es dann tatsächlich Untertitel. Das war etwas, was ich erreichen konnte. Aber die restlichen Inhalte des YouTube-Kanals der Regierung blieben weiterhin ohne Untertitel. Da frag ich mich doch ganz ernsthaft, warum die Regierung es nicht schafft selbstständig weiterzudenken, wenn ich sie doch auf den richtigen Weg gelotst habe?

Was wäre denn Ihre Top Anti-Barriere-Liste 2012? Was sollte sich in Deutschland am besten morgen ändern?
1. Zunächst müsste das komplette TV Programm mit hochwertigen 1:1 Untertiteln versehen werden. Außerdem sollte es bei allen Nachrichten- und  Kindersendungen Gebärdensprachdolmetscher geben. Und das nicht zuletzt deswegen, weil Gehörlose und Schwerhörige ab 2013 Rundfunkgebühren zahlen sollen.

2. Die Filmförderungsanstalten müssten in ihren Förderrichtlinien verpflichtende Angaben zur Barrierefreiheit aufnehmen, so dass Filme nur dann gefördert werden, wenn sie Untertitel und Audiodeskription für Blinde berücksichtigen. 

3. Der öffentliche Nah- und Fernverkehr sollte dazu verpflichtet werden, dass die digitalen Laufschriftanzeigen auf jedem Gleis aktuelle Informationen zeigen. Und auch in den Zügen sollte Laufschrift selbstverständlich sein, wenn der Zug Verspätung hat oder wenn man auf offener Strecke steht.

Das wären jetzt meine Top 3 Forderungen für Gehörlose und Schwerhörige. Aber es gibt da wirklich noch sehr viel mehr zu tun...

In vielen anderen EU Ländern wie  z.B. Großbritannien oder Griechenland sind Gebärdensprachdolmetscher wenigstens bei den Nachrichten schon lange Usus. Was glauben Sie woran das liegt, dass Deutschland da so hinterherhinkt?

Das Fernsehen sagt auf Nachfrage immer wieder, dass es zu teuer sei Gebärdensprachdolmetscher zu zeigen. Aber absurderweise, wenn dann einer vor Ort ist, wie beim Bundesparteitag der Grünen im November oder der SPD in Berlin am Sonntag, dann zeigen sie ihn nicht.

Und dadurch, dass die Gebärdensprachdolmetscher nicht zu sehen sind, sind für die Zuschauer auch die Gehörlosen weitestgehend nicht zu sehen.
Genau. Wir sind unsichtbar in der Masse.

Haben Sie schon mal bei einem Sender angerufen und gefragt, warum der Dolmetscher nicht mit ins Bild darf?
Oh, ja! Das sei technisch nicht möglich, heißt es dann. Im Zuge des Arabischen Frühlings habe ich mitbekommen, dass in Ägypten Gebärdensprachdolmetscher im Fernsehen selbstverständlich sind. In Ägypten - aus Deutschlands Sicht ist das ein Schwellenland!

Als Sie verkündeten, nun nicht mehr öffentlich aktiv sein zu wollen, hagelte es seitens ihrer Follower recht harsche Kritik. Von „im Stich lassen“ war die Rede. Braucht es wirklich „bekannte" Gallionsfiguren, um etwas zu erreichen?
Nein, jeder kann immer mal wieder die Qualität oder das Vorhandensein der Untertitel im deutschen Fernsehen überprüfen, Kritik üben und sie den Fernsehsendern mitteilen. Oder auch Transkriptionen von Reden anbieten, oder Untertitel in Videos einbauen. Spätestens im Alter werden wir alle davon profitieren. Und mir ist es wichtig zu betonen, dass ich nie zu einer Symbolfigur werden wollte, das hat sich durch den Ableseservice einfach entwickelt, dass ich Deutschlands bekannteste Gehörlose wurde. Und mit einem gewissen Bekanntheitsgrad, kommt dann schließlich auch eine gewisse Verantwortung. Aller Voraussicht nach werde ich wohl weiter bloggen und twittern müssen.

Müssen?

Ja, denn durch die Top Tweets Liste, habe ich jetzt noch ein bisschen mehr Stimme als vorher. Selbst die Huffington Post hat über mich berichtet. Aber nichtsdestotrotz werde ich erstmal eine wohlverdiente Pause einlegen. Um danach mit neuen Plänen - ich überlege beispielsweise auch einer Partei beizutreten - aktiv zu werden. Und bis ich zurückkomme, kann ich ihnen zum Beispiel  Christiane Link, Alexander Görsdorf und Judith Göller ans Herz legen, denn außer mir gibt es ja auch noch eine ganze Reihe anderer Blogger und Mikroblogger, die für Barrierefreiheit kämpfen.


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soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

1

05.12.2011 - 21:44 Uhr
soylentyellow

Ich glaube dass die Mehrheit der Zuschauer eher am Fußball als an Barrierefreiheit interessiert war.

lea2
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Mag ich Mag ich nicht

5

05.12.2011 - 21:52 Uhr
lea2

armes deutschland wirklich, sehr peinlich

JudithGoeller
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Mag ich Mag ich nicht

2

05.12.2011 - 22:34 Uhr
JudithGoeller

Es ist ein ganz tolles Interview - danke an Julia!
Die Barrierefreiheit und die Untertitelung sind sehr wichtig für hörgeschädigte Menschen, aber auch für hörende Menschen - in Sachen Bildung in den Medien/TV (Sprache, Fremdsprache, Wissen)

Bloggerkollegin
Judith Göller
http://www.gehoerlosblog.de

Kalef
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Mag ich Mag ich nicht

3

06.12.2011 - 00:54 Uhr
Kalef

das war doch mal lesenswert!

HartImNehmen
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0

06.12.2011 - 01:00 Uhr
HartImNehmen

Hm. So sehr ich das Interesse der Gehörlosen ja nachvollziehen kann - aber die Forderung, *alles* solle untertitelt sein, finde ich ziemlich schwierig. Wer zahlt's denn? Auf das Problem, das Gebärdendolmetscher Geld kosten, weiß selbst Probst nur zu sagen, daß zT existierende Dolmetscher nicht gezeigt würden. Aber das löst eben nicht die Frage, wer und 'wieso' für all die zusätzlichen Dolmetscher aufkommen wird.

Sinnvoll fände ich auch hier wieder eine ausgewogene Lösung: Natürlich braucht die Barrierefreiheit noch viel Nachhilfe. Aber unrealistische Forderungen sind da mMn nicht hilfreich.

pitz
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2

06.12.2011 - 09:43 Uhr
pitz

ah, ein kommentar der sorte "ich bin kein diskriminierer, aber"! na große klasse.

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

1

06.12.2011 - 09:50 Uhr
Digital_Data

Danke für ein sehr gutes Interview.

Da ich oft amerikanische Serien und Filme im Original schaue, beim zweiten Mal dann aber checken will, was ich so überhört habe und mir das Ganze noch einmal mit englischen Untertiteln anschaue, weiß ich, dass es englische Untertitel für fast alles Englische irgendwo zu finden gibt. Auch sind auf englischen DVDs immer auch englische Untertitel mit drauf. Die Texte existieren ja, ich meine man hat ja Drehbücher und die sind heute doch meistens in digitaler Form vorhanden, so dass man hier einfach mit Copy & Paste arbeiten kann. Außerdem ist es regelmäßig möglich bei englischen Gästen in TV-Sendungen Voice-Over-Übersetzungen anzubieten. Ich denke, da fehlt es wirklich nur am Willen und am Verständnis. TV-Sendungen werden it einem riesigen auch personellen Aufwand produziert, da zusätzlich ein oder zwei Gebärdendolmetscher oder Untertitel-Typistinnen, erscheint nicht so aus der Möglichkeit.

Wie schlimm das in der Bahn ist merkt man ja, wenn man mal in einem Wagen sitzt in dem der Lautsprecher nicht richtig funktioniert. Auch bei vielen Ticket-Verkaufsstellen könnte man durch ein zweites Display viel erreichen. Jeder dumme PC ist heute Multi-Display fähig. In Landshut z.B. stellt man dauernd Schilder auf die geriffelten Leiltinien für Blinde im Bahnhof, da fehlt es einfach an Information was das überhaupt ist. Eigentlich könnte man solche Leitlinien auf jedem Gehsteig haben. Auf Autobahnen Rüttelstreifen für eingeschlafene Leute geht ja auch.

Ähnlich ist es mit Webseiten. Dank den Layoutern der Medienagenturen, die unbedingt kleinste Schrift mit festen Pixel-Angaben eintragen müssen, lassen sich die Schriften oft nur mit dem Zoomfaktor verändern. Aber das verändert alles und zerschießt manschmal unschön das Layout, gerade auch bei Eingabemasken oder siehe sueddeutsche.de Ratespiele. Oft fehlten auch Beschreibungen zu Bildern, auch das gehört zur Barrierefreiheit, da gehört der Alt-Tag gefüllt, auch das ist nur begrenzt hier auf Jetzt.de oder teilweise bei User-Texten gar nicht möglich. Auch Tastatur-Short-Cuts für Links stehen auf dieser Liste. Trotzdem bekommen regelmäßig deutsche Seiten, die die minimalsten Anforderugen nicht erfüllen, Online-Awards. Ich hab das auch hier schon mehrfach angesprochen, aber wirklich passieren tut nichts.

Digital_Data

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

1

06.12.2011 - 11:39 Uhr
soylentyellow

"aber die Forderung, *alles* solle untertitelt sein, finde ich ziemlich schwierig. Wer zahlt's denn? "

Ich schließe mich da DD an, selbst für raubmordkopierte Filme findet man *immer* (englische) Untertitel, egal wie obskur der Film ist. (OK, wenn der Film allzu obskur ist dann geht die Qualität in den Keller, aber immerhin, Untertitel ist da).

Im französischen Fernsehen kommt (bzw. kam) auch immer ganz viel mit hardcoded Untertiteln, das ist sehr praktisch wenn man, wie ich, Französisch nicht so gut kann.

Wer die bezahlt hat oder woher die kommen oder woher man die hat das weiß ich allerdings auch nicht. Das Ganze könnte aber eine Alternative für Gehörlose sein, wenn Dir keiner hilft dann hilf Dir selbst.

Ein Problem an Untertiteln könnte allerdings sein dass anscheinend nicht alle Gehörlosen so firm sind mit der deutschen (oder sogar der englischen) Sprache da die Muttersprache Gehörloser logischerweise die Gebärdensprache ist. D.h. Deutsch ist die erste und Englisch wäre die zweite Fremdsprache, ich lasse mich da aber gerne eines besseren belehren.

Außerdem: Wer hat denn noch einen Fernseher außer meiner Oma?

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Mag ich Mag ich nicht

1

06.12.2011 - 11:40 Uhr
soylentyellow

"Auch bei vielen Ticket-Verkaufsstellen könnte man durch ein zweites Display viel erreichen."

DAS habe ich auch noch nie verstanden, es ist so viel einfacher wenn man sieht was der andere auch sieht weil dann kann man sich über das Gleiche viel besser unterhalten ("nee, die Verbindung über Nürnberg")

voiceofregret
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Mag ich Mag ich nicht

0

06.12.2011 - 12:48 Uhr
voiceofregret

soylentyellow sagte:

Außerdem: Wer hat denn noch einen Fernseher außer meiner Oma?



natürlich niemand! wie absurd!

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