Fuck me gently with your Chainsaw
Zweimal klingeln und einmal verlaufen im Hausflur, dann steht er wieder vor mir. Ein ganzer Sommer liegt zwischen unserer letzten Umarmung und jetzt.Es zieht ein bisschen in meiner Brust, als ich ihn anlächle. Aber es ist nichts im Vergleich zum Schmerz als er das letzte Mal sagte: "Es geht nicht". Dieser Schmerz war so greifbar wie der Abdruck des schlafenden Jungen in meinem Bett. Die Nächte waren schlaflos, die Arbeitstage unproduktiv und jeder Blick auf seine verwaiste Zahnbürste schnürte mir die Kehle zu. Ich fand mich selbst fürchterlich albern, schwach - kurzum: emotional inkontinent. Innerlich hoffe ich, dass er meine weinerlichen Emails gelöscht, den handgeschriebenen Brief beim Umzug verloren hat.
Jetzt sitzt er auf meinem Bett, wärmt sich an einem Tee und lacht. Ich lache mit, ehrlich. Doch ich sollte sauer sein, enttäuscht, ich sollte Fragen stellen. Seit seinem letzten „Es geht nicht“ ist nicht einmal soviel Zeit verstrichen wie wir miteinander verbracht haben. Es war kurz und heftig. Es war überraschend einfach am Anfang. Es war furchtbar schlimm zum Schluss. Jetzt sitzt er hier, trotzdem.
Sechs Woche hatte er mir gegönnt. Sechs Wochen schweigen, dann rief er wieder an. Seitdem immer wieder. Und Emails. Die Stille dazwischen lässt mich jedes Mal zur Ruhe kommen. Immer denke ich: Jetzt hört er mit den Höflichkeiten auf. Jetzt lässt er mich fallen wie die Anderen. Jetzt ist es ihm wirklich alles egal. Und dann klingelt doch das Telefon. Manchmal gehe ich sofort ran. Es fällt mir immer leichter zu warten. Meistens will ich ihn einfach fesseln, die Fresse polieren und zwingen endlich zu sagen was der Quatsch jetzt noch soll. Ich würde die Wörter langsam und laut formulieren, als würde ich mit einem total schwachsinnigen Kind reden: WAS WILLST DU NOCH VON MIR?
Nie sagt er was er will, bis vor kurzem: „Was machst du nächste Woche?“.
Jetzt liegt er wie selbstverständlich in meinem Bett. Es ist als würde er den Atem anhalten. Er liegt dicht an der Wand, die Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Ich müsste mich nicht einmal umdrehen und könnte ihn dennoch berühren.
(...) Der Raum da zwischen uns wird nicht geringer, wir spüren nicht einmal des anderen Hand. Durch fünfmal Stoff weiß ich, dass deine Hüften und deine Arme glatt und schmiegsam sind. (...) Es tut fast weh, die Hand nicht auszustrecken und dich zu streicheln, sacht und ohne Scham (...).*Der Morgen ist komisch. Eine Anspannung liegt in der Luft, dabei ist nichts passiert. Nichts, worüber wir auch noch reden müssten. Ich kaue auf meiner Unterlippe und ärgere mich, im halbdunklen Zimmer beim Licht der Straßenlampe die durch das orangefarbene Laub auf mein Bett schien, nicht doch gesprochen zu haben. Der Junge nimmt sein Zeug, umarmt mich fest und geht. Die Tür fällt ins Schloss, die WG wartet am Küchentisch auf die Zusammenfassung: "Ich weiß nicht, ob wir jetzt Freunde sein sollen."
Er klingelt, läuft polternd die Stufen wieder hoch, er hat was liegen lassen. Wir stehen wieder im Türrahmen, stammeln etwas. Seine Arme schnellen vor, umarmen mich. "Wie oft kommst du jetzt wieder? Soll ich dich dann jedes Mal in den Arm nehmen, dich verabschieden", frage ich halblaut. Er nickt. Ich nicke.
Alles auf Anfang. Fragt sich nur was beginnt...

*Auszug aus "Ungesagtes", Gedicht von Heinz Kahlau
(Bildquelle: http://www.todayandtomorrow.net/wp-conte...)
- Die Eine 10.05.2012
- Wir kaufen ein Hausboot! 09.05.2012
- Das Altbekannte. 08.05.2012
- Ich kann so vieles 28.04.2012
- Love of the loveless 20.04.2012
Alle Kommentare anzeigen
Alle Kommentare anzeigen








0
24.11.2011 - 19:10 Uhr
131111