27.11.2011 - 11:52 Uhr

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Sass

Text: insideoutside

Sass könnte man, so wie sie ist, in einen Roman übernehmen, ohne viel dazudichten zu müssen.

Sie tauchte irgendwann in unserer Wohnung auf, blieb ein paar Tage und ging wieder, als meine Mitbewohnerin aus dem Urlaub zurückkam. Wir kochten und aßen jeden Abend gemeinsam und hielten uns reuelos gegenseitig mit Gesprächen bis tief in die Nacht von der Arbeit ab. Gemeinsam kletterten wir auf den Hügel im Park, betrachteten die Stadt um uns herum und erhaschten die letzten Sonnenstrahlen des Tages, bis es uns fröstelte.

Sass wäre wahrscheinlich die Frau, mit der ich anstandslos mitgehen würde, wenn sie mich dazu aufforderte. Wir waren von Anfang an so eng, dass es mir fast selbst unheimlich war und ich misstrauisch wurde, da mich ihre Präsenz nicht im geringsten zu stören begann. Ich langweile mich furchtbar schnell, aber diesmal musste ich mich schwer zurückhalten, um nicht völlig überwältigt zu werden von einem Gefühl, welches sich oft genug bei mir regt, welches ich aber immer in die Schranken zu weisen wusste. Bei Sass hatte ich keine Angst. Sie gab mir weder das Gefühl, mir überlegen zu sein - obwohl dem sehr wohl der Fall war und ist -, noch stellte sie jemals irgendwelche Bedingungen an unsere Freundschaft.

Sass ist (noch) kleiner als ich, trägt einen selbst zurechtgestutzten dunkelbraunen Bob und sieht mit ihrer Hornbrille und ihrem stets Make-up-freien, neurodermitisch fleckigen Gesicht eigentlich aus wie ein Junge. Hübsch ist sie keineswegs. Ihre Kleidungsstücke flickt sie selbst zusammen, findet sie irgendwo auf dem Flohmarkt oder zieht sie aus einer der riesigen, knarrenden Schatztruhen auf dem Dachboden ihrer Großeltern. Meist vergisst sie ohnehin, ihre Pyjamahose zu wechseln, wenn sie rausgeht, und selten sehe ich sie mit gewaschenen Haaren. Die riechen dann schon mal nach dem Kopfkissen, das sie sich manchmal an den Küchentisch neben dem Holzofen holt, um weiter die Nacht durchzulesen und zwischendurch zu dösen.

Sass schreibt. Sie sammelt Bilder, ist eine Musik- und Filmfanatikerin und umgibt sich zu Hause mit Kleinstwesen aus Holz, Muscheln und Kieselsteinen. Überall sind Postkarten an Büchern und Papierstapeln angelehnt. Am Wochenende, bei schönem Wetter, packt sie ein paar Bücher zusammen und fährt mit ihrem rostigen Klapperrad in den Wald. Sie ist eigentlich nie erreichbar und stets alleine unterwegs. Auf Nachrichten antwortet sie erst Tage später. Aber sie antwortet.

Sass behauptet, jeden Tag einen toten Vogel zu finden und ist begeistert von dieser Tatsache. Die Vorliebe für Spaziergänge auf alten Friedhöfen ist so ein Spleen, den wir ohne Worte teilen. Ich habe sie allerdings noch nie gefragt, ob der tote Vogel dann auf dem Fenstersims liegt, wenn sie nicht nach draußen geht, was ja oft genug vorkommt. Das muss ich mir für das nächste Mal merken.

Wir sehen uns höchstens zwei/dreimal im Jahr. Ob wir in der gleichen Stadt wohnen oder nicht, macht dabei keinen Unterschied. Sass ist immerzu beschäftigt. Ich störe sie ungern und habe auch selbst genug zu tun. Der Austausch ist dafür jedes Mal ein umso bereichernderes, weit ausgedehntes Ereignis, welches mich über Wochen beflügeln kann und das uns über alle Grenzen hinweg mit jedem Mal enger aneinanderbindet.


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2 Kommentare

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alter_hund
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Mag ich Mag ich nicht

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21.11.2011 - 22:57 Uhr
alter_hund

Mit einem Wort: eine Lebenskünstlerin.

Kirschkernfunkeln
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Mag ich Mag ich nicht

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22.11.2011 - 00:26 Uhr
Kirschkernfunkeln

Wie schön. :) Solche Freundschaften sind pures Gold.
Und der Hund hat recht. -nick-


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insideoutside unbekannt

insideoutside

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.