Bring die Zeit zum Stillstand!
Stell dir vor, du wärst ein Land. Würdest du gern in dieses Land einreisen? Wäre es ein Land, so, wie du es magst, oder so, wie die anderen es sich vorstellen? Die Autorin und Professorin Miriam Meckel hat für "jetzt Uni&Job" eine sehr persönliche Rede geschrieben - an die Hochschulabsolventen des nächsten Jahres.
Vor einigen Tagen hatte ich ein Päckchen in meinem Briefkasten. Eine Freundin aus Berlin hatte es geschickt, und drin war ein Kinderbuch über die Gegensätze des menschlichen Lebens: „Freiheit und Notwendigkeit“, „Das Ich und der Andere“, „Ursache und Wirkung“. Oder auch „Sein und Schein“. Ist es nicht etwas früh, so dachte ich erst, schon Kindern zu erklären, dass diese Welt nicht linear, nicht logisch, nicht endlos ist und sich auch nicht nur um einen selbst dreht? Und dann habe ich angefangen zu lesen und gemerkt: Es ist andersrum. Denn wer als Kind schon versteht, dass wir alle immer Mittelpunkt unseres Lebens und Lot unserer Welt sind, dass wir uns selbst verorten müssen zwischen den gegensätzlichen Leitplanken dieser Welt, der hat es als Erwachsener leichter. Und da wusste ich, warum meine Freundin das Buch nicht nur ihrer kleinen Tochter, sondern auch mir gegeben hat.Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? So heißt dieses Kinderbuch. Eine schöne Frage, die wir uns immer wieder stellen können – vor der ersten Partnerschaft, vor der Heirat, vor der Entscheidung für oder gegen einen Karriereschritt. Ja, was wäre dann, wenn es nur so aussähe, als wäre ich da? Nichts wäre. Nichts – weil ich nicht da wäre. Aber auch nichts, weil das niemanden interessieren würde. Die Welt dreht sich ohne uns. Das Leben geht weiter – mit und ohne uns. Gelegentlich kann es helfen, sich das klarzumachen.
Bevor wir jetzt so richtig schön schlechte Laune kriegen, nehmen wir doch die Kurve zum Kern des Buchs. Wie sagt das schöne kleine Büchlein zum Gegensatz von „Zeit und Ewigkeit“: „Wir werden geboren, wir wachsen auf, wir sterben. Unser Leben währt also eine bestimmte Zeitspanne. Doch wenn wir etwas tun, was uns wirklich gefällt, scheint die Zeit stillzustehen.“ Und darum geht es: Bringen Sie die Zeit zum Stillstand! Tun Sie das, was Ihnen wirklich gefällt. Und tun Sie es nicht erst, wenn es fast zu spät ist.

Wenn Ihnen das gelingen soll, müssen Sie die Gegensätze Ihres Lebens ausloten. Es gibt nie nur ein Ziel oder einen Zweck, sondern immer einen Weg dahin. Und dieser Weg macht den größeren und substanzielleren Teil des Ganzen aus. Denn wenn Sie angekommen sind, sind Sie da. Was nun? Es gibt manchmal nichts Schrecklicheres als die Vollendung. Angekommen zu sein in dem Job, der Lebensform, der gesellschaftlichen Anerkennung, die man sich immer gewünscht hat. Der Weg liegt dann hinter uns. Aber was liegt noch vor uns?
Ich habe gut vierzig Jahre gebraucht, um das selbst zu begreifen. Um zu begreifen, dass ich in manchem nur eine Rolle spiele, dass ich mein Leben nach den Vorgaben anderer ausrichte, nach der Gesellschaft, in der ich lebe – und dass mich das ziemlich unglücklich gemacht hat. Ich habe viel Zeit gebraucht, um zu fühlen, was mich wirklich glücklich macht: intensives Denken und Schreiben. Und zwar außerhalb der Standards, in die uns die Politik, die Wirtschaft, ja leider auch die Wissenschaft zwingen. Ich weiß nicht, ob ich von dieser Leidenschaft hätte leben können, die ein deutsches Finanzamt vermutlich unter „Liebhaberei“ abtun würde. Ich hätte nicht so viel gesellschaftliche Anerkennung genossen wie als Staatssekretärin oder Professorin. Hätte und wäre. Weiß ich das? Ich weiß es nicht. Und ich wäre heute froh, dieser Konjunktiv wäre mir schon früher gleichgültig gewesen. Denn mit intensivem Denken und Schreiben bin ich glücklich.
Wir leben in einer Gesellschaft, die ich als sehr angepasst empfinde. Die von den Gegensätzen des Lebens nur eine Seite sehen will. In der nur der Erfolg zählt und der Misserfolg ein Schandmal ist, das man verstecken muss. In der nur der Starke, Gesunde vorankommt und Krankheit als Sprache des Körpers nicht mehr gehört und verstanden wird. In der Sie Zielvereinbarungen, aber keine Wegvereinbarungen treffen, immer im Dienst, aber nie privat oder in Entspannung sein sollen, oft multitasken, aber nichts mehr in Ruhe durchdenken dürfen. Damit ignoriert diese Gesellschaft, dass es nicht geradlinig, leicht und eindimensional zugehen kann in dieser Welt, und damit zwingt sie manchen, die Gefühle zu sich selbst und zu dem, was wir sind und tun möchten, hintanzustellen. Und so bleibt nur ein Teil des Satzes aus dem wunderbaren Kinderbuch übrig. „Wir werden geboren, wir wachsen auf, wir sterben.“
Natürlich tun wir so, als wär das anders. Als hätten wir Optionen. Als wäre jede Entscheidung für die Gradlinigkeit, Leichtigkeit und Eindimensionalität frei und selbstbestimmt getroffen. Und dann fügt es sich doch schön, dass die Lebenslinie, die der Erfolgreiche für sich zieht, gerade, direkt und bruchlos ist. Zumindest bis zu einem Punkt. Bis zu dem Bruchpunkt, an dem die Gegensätze ihr Recht einfordern. An dem wir mit unserer Vereinfachung an der Welt in ihrer Komplexität scheitern. Und dann tut es weh. Nicht nur körperlich. Es tut auch in der Seele weh. Weil wir plötzlich sagen müssen: Das bin nicht ich.

Dabei sind die Menschen, die im Wortsinne einmal aus der Rolle gefallen sind, diejenigen, die wirklich faszinieren können. Mit denen man nächtelang reden und sich betrinken kann, weil sie nicht um sechs joggen und um sieben am Schreibtisch sitzen müssen. Weil sie nicht jeden Tag die makrobiotische Diät sklavisch durchziehen. Weil sie nicht mit Ende zwanzig schon im Loft im Prenzelberg wohnen, biologisch kochen, ihre Kinder in den mehrsprachigen Kindergarten schicken, regelmäßig für Amnesty spenden und grün wählen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich spende auch für Amnesty. Aber ich habe meine Erfahrungen gemacht mit einem Drop-out. Ich habe lange ein Leben geführt, das fremdbestimmt war, angepasst an das, was andere richtig fanden, nicht aber ich. Ein Leben auf der Überholspur, in dem alles nur noch an einem vorbeizieht. Und dann gab es die Vollbremsung als Burn-out. Ich bin heute froh darüber, auch wenn es schwierige Zeiten waren. An dem Punkt bin ich aufgewacht. Seitdem bin ich wieder wütend über die Glättung der Gegensätze, den Mainstream, der immer alles richtig macht. Auch Wut ist ein Gefühl.
Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? Eine gute Frage. Was, wenn es nur so aussieht, als wär alles so? Noch bessere Frage. Sie kann einen aus der Bahn werfen. Und das kann heilsam sein. Ist ein geplatzter Luftballon noch ein Luftballon? Natürlich ist er das, wenn wir das so wollen. Das ist unsere Macht über die Wirklichkeit: Wir können sie denken, kreativ entwerfen, handeln nach unseren Gefühlen und Gedanken, etwas machen aus unserem Leben. Das kann anstrengend sein. Das fordert die Menschen. Das provoziert Gegenwind und Widerstand. Aber wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich spüre, dass mich jemand an den Schultern packt und in eine Richtung schieben will, in die ich nicht will, spüre ich, dass ich lebe. Dann merke ich, warum ich mich widersetze. Dann weiß ich, wo ich hinwill und wohin nicht. Ganz im Sinne des von mir verehrten Anthropologen Gregory Bateson: „Es sind Unterschiede, die den Unterschied machen.“

Machen Sie einen Unterschied – für Ihr Leben, das vor Ihnen liegt, für sich selbst, nur dann können Sie auch für die Gesellschaft, in der Sie leben, einen Unterschied machen. Lassen Sie die Gegensätze zu, die unser Leben bestimmen und lebenswert machen. Lassen Sie sich nicht funktionalisieren für das, was angeblich unser aller Ziel ist. Was ist unser aller Ziel? Mehr Arbeitsplätze? Wirtschaftswachstum? Die Rettung des Euro? Weltfrieden? Machen Sie einen Unterschied da, wo Sie sind, wo Sie leben, bei den Menschen, die mit Ihnen leben. Und auch bei sich selbst. Sie leben das ganze Leben mit sich! Sie können sich nicht von sich trennen, scheiden lassen, sich verlassen und ein neues Ich suchen. Und an welchen entferntesten Ort der Welt Sie auch fliegen: Sie holen sich immer selbst am Flughafen ab. In so einem Moment kann es sehr schön sein, zu sich zu sagen: Ich mag, wer da kommt. Weil Sie nicht nur tun, was Ihnen gefällt, und die Zeit bleibt stehen. Sie sind sogar, was Ihnen gefällt. Sie sind Sie selbst. Wenn das so ist, dann ist das Leben mehr als der Zeitabstand zwischen Geborenwerden und Sterben.
Stellen Sie sich vor – in Anlehnung an die Geschichte, die der Philosoph Amartya Sen zu Beginn seines Buches Die Identitätsfalle erzählt –, Sie wären ein Land, in das Sie selbst einreisen. Ein Herr an der Passkontrolle fragt Sie, ob Ihnen das Land, in das Sie da gerade einreisen, sehr vertraut ist und ob Sie es mögen. Dann wäre es schön, wenn Sie sagen könnten: Ja, das ist so. Trotz aller Wirrnisse, durch die das Land gegangen ist, komme ich immer gern zurück. Trotz aller Dürrezeiten weiß ich, dass ich noch immer eine neue Quelle finden werde, um mich daran zu laben. Trotz der unwirtlichen Landschaften erinnere ich, dass ich gern auf Höhenzügen gewandert bin, aber auch gern in den Tälern gezeltet habe, weil jeder Ort seinen eigenen Reiz und seine eigenen Erfahrungen dargeboten hat.
Wenn Sie also in dieses Land, das Sie selbst sind, eingereist sind, dann spüren Sie doch der Frage noch mal nach: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? Es wäre doch schön, wenn Sie dann sagen könnten: Das sieht nicht nur so aus, ich bin da. Und das bin ich! Ich habe Spuren hinterlassen auf diesem Land. Solche, die nicht nur den ausgetrampelten Pfaden gefolgt sind, sondern vieles erkundet haben, auch das Unwegsame und Steinige. Und die Reisen, die ich durch dieses Land gemacht habe, sind mir in Erinnerung geblieben und fühlen sich gut und richtig an.
Steve Jobs hat einmal gesagt, was er hinterlassen wolle, sei ein „ding in the universe“, ein Kratzer im Universum. Es muss nicht das Universum sein. Es reicht, wenn es Ihnen gelingt, gelegentlich einen Kratzer in Ihrem eigenen Universum zuzulassen. Schon damit machen Sie einen Unterschied.
Miriam Meckel, 44, ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, Schweiz, und Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University, USA. Sie hat vor zwei Jahren ein Buch über ihre Burn-out-Erfahrung, geschrieben: „Brief an mein Leben“. Ihr neues Buch „NEXT – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns“ handelt von der totalen Vernetzung unserer digitalisierten und technisierten Welt.
Die Bilder zum Text stammen von Josh Keyes, 42. Der Künstler aus Portland, USA, nennt seine Arbeiten „Öko-Surrealismus“: Sie spiegeln wider, wie sich die Welt verändert; sie sind, schreibt Keyes, ein Ausdruck der Sorge um den Planeten. Weitere Motive finden sich online auf joshkeyes.net.
- Professor Maus 24.11.2011
- Wo seid ihr? 23.11.2011
- Wintersachen 20.11.2011
- Ein Ja auf Zeit 20.11.2011
- Der versteht euch alle 20.11.2011
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
Aber einen Satz muss ich dennoch loswerden, warum es eigentlich klar sein sollte, warum Leute mit "Kratzern" immer spannender sind als die linearen Typen: Kein gutes Buch, das ich je gelesen habe, handelte von linearen Menschen. Sondern immer nur von kaputten.
Jetzt gibt es aber Leute, denen Sachen Spaß machen, die einfach Geld kosten. Was ist mit denen? Ein Leben lang nach der einzig wahren Berufung suchen, Nudeln mit Ketchup essen oder irgendwann eben einen Job akzeptieren und eben "nur" meistens der Zeit Spaß daran haben?
Ja, es gibt Mädchen die irgendwann vom Prinz auf dem Schimmel abgeholt werden und dann die große Liebe für immer haben! Klar, es gibt Leute, die haben den Traumjob der immer und jederzeit super Spaß macht. Ja, es gibt Lottogewinner auch wenn man es kaum glaube mag, weiß man wie unwahrscheinlich es ist.
Realistisch gesehen läuft es doch immer auf's Gleiche raus: Nicht mit dem Erstbesten zufrieden geben aber halt auch nicht ewig suchen. Irgendwann akzeptieren und sagen: Ja, die Nachbarin hat vielleicht schönere Beine aber hey, es ist okay! Der Job macht nicht JEDEN Tag Spaß aber im großen und ganzen gibt es okay Geld für was das im Großen und Ganzen interessant ist. Die Kunst ist wohl eher, großen Spaß an etwas zu finden was objektiv betrachtet gar nicht mal so toll ist.
"The happiest man is not the one that has the most, but the one that needs the least."
22.11.2011 - 00:33 Uhr
Scio
Ich frage dabei immer: warum werden so viele Bücher über das Wie? und Warum? des Lebens von Menschen geschrieben werden, die in der ersten Hälfte ihres Lebens keine Gedanken daran verschwendet haben, worum es im Leben eigentlich geht, sondern sich strikt um ihre Karriere gekümmert haben?
Liegt es vielleicht daran, dass Wahrheiten nur von denen ausgesprochen werden können, die sie erst spät begriffen haben und somit erst erlernen mussten?
Oder liegt es daran, dass all die anderen zuvor scheitern: weil dieses Land kein guter Boden für Individualisten ist, die statt durch Vorzeige-Lebenslauf schon frühzeitig durch Eigenmotivation an ihren ganz persönlichen Kratzer im Universum arbeiten?
aufklolesen sagte:
Ich finde den Text schwierig. Im Grunde kommt er nicht über eine Ratgeber-Lektüre im Bewusster-Lebe-Jetzt!-Manier hinweg. Vor allem stößt es auf, dass die Autorin selbst eine spät Bekehrte ist, die nach einer stattlichen Karriere andere mit missionarischem Eifer dazu ermütigt, ihren eigenen Weg zu gehen.
Genau das ist auch mein Problem, mit dem Text und mit der Autorin. Wenn schon so ein "mach was aus dir" dann doch gleich ne Schippe Pathos mehr drauf, und wenn sie schon Steve Jobs zitiert, kann sie auch gleich auf seine Rede am Absolventen verweisen und muss sich hier nicht wieder ein wenig selbst zelebrieren. Diese Frau und ihre Attitüde finde ich ab und an sehr schwierig und anstrengend.
Ich glaube, nicht das "intensive Denken und Schreiben" macht sie glücklich, sondern die Tatsache, dass sie ihr Leben - im Guten wie im Schlechten - für beispielhaft und einzigartig hält und demzufolge für sich in Anspruch nimmt, über höhere Weihen und Einsichten zu verfügen. Das haben andere an anderer Stelle aber erschöpfender behandelt, als ich das kann.
alcofribas sagte:
aufklolesen sagte:
Ich finde den Text schwierig. Im Grunde kommt er nicht über eine Ratgeber-Lektüre im Bewusster-Lebe-Jetzt!-Manier hinweg. Vor allem stößt es auf, dass die Autorin selbst eine spät Bekehrte ist, die nach einer stattlichen Karriere andere mit missionarischem Eifer dazu ermütigt, ihren eigenen Weg zu gehen.
Genau das ist auch mein Problem, mit dem Text und mit der Autorin. Wenn schon so ein "mach was aus dir" dann doch gleich ne Schippe Pathos mehr drauf, und wenn sie schon Steve Jobs zitiert, kann sie auch gleich auf seine Rede am Absolventen verweisen und muss sich hier nicht wieder ein wenig selbst zelebrieren. Diese Frau und ihre Attitüde finde ich ab und an sehr schwierig und anstrengend.
das sehe ich sehr aehnlich. sie haette das jobs-zitat besser an den anfang gestellt, dann waere ich gewarnt gewesen und haette mir das lesen von diesem text gleich sparen koennen.
Alle Kommentare anzeigen








1
21.11.2011 - 14:29 Uhr
salamatu
ist der text eigentlich pathetisch?
muss man sich mit diesem text identifizieren können, um ihn zu mögen?