'komme gleich wieder
Münchner Hauptbahnhof, vier Menschen treffen sich im ICE. Sie teilen sich einen Tisch und auf den Anzeigen über ihren Sitzen prangt dasselbe Ziel. Obwohl der eine mindestens Ende Vierzig ist und einen Vollbart trägt, während die anderen höchstens dreißig und zwei von ihnen Frauen sind, ähneln sie sich verblüffend, wie sie mit routinierten Bewegungen ihre Laptops auf dem Tisch platzieren, einander dabei unverbindlich freundlich zunicken und ihre Ohren mit Kopfhörern verplomben. Sie docken ihre UMTS-Karten an die PCs, die gelb, grün und zweimal blau aufleuchten.
Was die Vier noch nicht wissen: Anja studiert Schauspiel in ihrer Heimat Hamburg, Sarah würde das gerne und überlegt, wie sie es bei ihrem Bewerbungsgespräch morgen am besten anstellt. Sie modelt und hat schon ein paar kleine Rollen gespielt. Sascha ist Kulturjournalist und für eine Reportage gerade auf der Suche nach Nachwuchs-Schauspielern, die von ihren Umwegen zur Bühne berichten. Außerdem sucht er eine Bleibe in Hamburg, weil seine Freundin zu ihrem Professor gezogen ist und er die Miete alleine nicht bezahlen kann. Holger ist der Boss in einem Streichquartett und sucht Schauspieltalente, die bei einem Theaterprojekt gegen geringe Aufwandsentschädigung Erfahrung sammeln wollen. Außerdem steht in seiner Männer-WG ein Zimmer leer.
Ich frage mich, ob es die Idee von Social Media war, dass wir unser Gegenüber übersehen, weil wir mit Leuten chatten, die gerade woanders sind. Dass wir mit unseren Gedanken überhaupt immerzu irgendwo anders als dort sind, wo wir uns gerade befinden. Früher gab es mal Debatten über abwesende Väter, die nur am Wochenende zu Hause waren. Was ist eigentlich mit dieser ganzen Generation extrem hipper, permanent abwesender Menschen, die den ersten Hauptsatz der Thermodynamik unterwandern, indem sie sich im Überall in Nichts auflösen? Ich überlege, mit wie vielen Menschen aus meinem Bekanntenkreis ich mich eine halbe Stunde lang unterhalten kann, ohne dass sie zwischendurch eine Mail checken müssen.
An meinem Tisch gibt es keine Kopfhörer. Zwei Damen telefonieren. „Der lebt und hat erreichbar zu sein“, schimpft die eine in den Hörer. Sie hat vorhin versucht zu schlafen, sich aber nur genervt hin- und hergedreht. Ihre Augen sehen müde aus. „Eine Kanzlei ist kein Job für zwischendurch. Wenn er sich bis morgen nicht gemeldet hat, war's das“, sagt sie. Die andere hat frisch blondierte Haarspitzen und flötet: „Ach, unterwegs nach Frankfurt! Na schau mal an."
Der Zug fährt durch ein Gebirgstal. Nebel hängt tief zwischen den Felsen und die Bäume ragen wie Gespenster aus einem Bach. „Scheißnetz“, meckert die gestresste Rothaarige. „Hallo? Sorry, du wir sind hier in der totalen Einöde, ich meld' mich später“, trällert die Blondierte und baut ihren Computer auf. Die UMTS-Karte blinkt blau. Draußen rauscht die Einöde am Fenster vorbei: Bäche, Bäume, zwei Rehe, drei Greifvögel und ein Regenbogen. Irgendwo in der Nähe war mal ein nicht ganz unbedeutender Dichter so ergriffen vom Ambiente, dass er in einer Schutzhütte ein Gedicht in den Fensterrahmen schnitzte. „Über allen Gipfeln ist Ruh...“
„Das ist mir egal, ob er frei hat“, sagt die Rothaarige. Das Netz ist zurück. Schade eigentlich. Womöglich hätte sie sonst aus Versehen doch noch aus dem Fenster geschaut. „Wird Kaffee gewünscht?“, fragt ein Bahn-Mitarbeiter. Niemand reagiert. Nicht mal ein Zucken. Er läuft vorbei wie eine lästige Bildstörung. Ich frage mich, ob der steigende Ritalin-Konsum bei Kindern nichts weiter als ein Missverständnis ist. Vielleicht sind die alle überhaupt nicht hyperaktiv, sondern nur auf der Suche nach einem Weg, gegen die Chat-Kumpels ihrer Eltern zu gewinnen. Im Café eine Banane quer essen fällt einfach besser auf als eine Eins in Mathe.
Eine Viertelstunde vor Hamburg beginnt die Mannschaft am Nebentisch, ihr Gerät zusammenzupacken. Sie sitzen sich schweigend gegenüber und wirken irgendwie hilflos, weil sie nicht mehr wissen, wo sie hinschauen sollen. Draußen ist es dunkel. Irgendwann traut sich Sarah, ein Gespräch zu beginnen. „Wisst ihr, wie ich zum Theater komme? Ich nicht von hier und so aufgeregt, dass ich vorher nicht mal geguckt hab, wo mein Hotel ist.“ ...
Der Zug hält an. „Ich mail dir“, sagt Sascha zu Holger. „Ich schick dir gleich nachher 'ne Facebook-Einladung“, sagt Sarah zu Anja. „Und wir telefonieren auf jeden Fall, ja?“, sagt sie zu Sascha. Anja und Holger tauschen schnell Visitenkarten. Sascha nickt nur noch lächelnd, denn er hat schon sein Handy am Ohr. „Hola! Bist du schon gelandet? Echt? Boah, in Valencia wär ich jetzt echt auch gern...“
Irgendwie erinnert mich das hier an die Nummer bei Matrix. All diese Menschen, die in ihren Nährlösungen als Energiezellen liegen und ein Leben träumen, das sie verpassen. Der Unterschied ist, dass es gar keine perfiden Maschinen dafür braucht, denen das irgendwas bringt. Wir legen uns alle hübsch freiwillig und total umsonst in unsere Kokons, solange wir das iPhone mitnehmen dürfen, um immer darüber im Bilde zu sein, auf welche Weise sich Anna, Sina und Jochen gerade langweilen. Wir kommentieren unsere Langeweile dann gegenseitig uns fühlen und wahnsinnig lebendig. Wir sind nie um einen Kommentar verlegen. Nur manchmal, wenn unsere Großeltern am Telefon fragen, was es Neues gibt, geraten wir in ernste Erklärungsnot.








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14.11.2011 - 08:47 Uhr
starbuck3