09.11.2011 - 15:41 Uhr

3 4

Fieber

Text: amplifythegoodtimes in Tagebuchschreiber (1132)

Aus persönlicher Erfahrung kann ich leider gar nicht nachvollziehen, wieso Humor einem durch schwere Zeiten helfen soll. Zwar mache ich, auch wenn ich wirklich verzweifelt bin, manchmal einen Witz oder lache über den Witz eines anderen, aber es hilft überhaupt nicht. Es macht eigentlich alles nur noch schlimmer. Lustig zu sein, erscheint mir vollkommen falsch und unangebracht in diesen Momenten, eine unzulässige Ablenkung von dem, womit man sich jetzt bitte abzufinden habe. Wer weiter Witze macht, der kann sein Elend nicht beenden, weil er's gar nicht richtig ernst nimmt. Schlimmer noch: Wenn ich im Elend einen Witz mache, dann dekonstruiere ich damit nicht das Elend, sondern den Humor. Ein Witz im Elend ist wie eine Erektion, wenn man mit Grippe und Fieber im Bett liegt: Auf einmal völlig fehl am Platz und in dem schroffen Gegensatz zu dem Grundgefühl drumherum erscheinen Erektion und Witz plötzlich als im Grunde schrecklich einsamer, falscher, alberner, bitterer Reiz-Reaktions-Müll. Man könnte auch sagen: Gerade dass man Humor auch im Leid haben kann, zeigt doch, dass er nichts ist, das irgendwie von Bedeutung wäre. Wenn ich mich also entscheiden müsste, lachend durchs Leben zu gehen oder gar nicht, weil das der chinesischen Kalenderspruchweisheit zufolge die einzigen beiden Optionen sind, dann lieber gar nicht.


Neue Texte zum Label 'Anmerkungen':
Textoptionen
Mehr Texte von
amplifythegoodtimes
Mehr Texte zum Label
Anmerkungen
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
4 Kommentare

speichern
allesodernichts
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

09.11.2011 - 15:48 Uhr
allesodernichts

Ich bin an einigen stellen gedanklich etwas abgelenkt vom vermutlichen Thema des Textes, das zeigt dass Intellekt auch nur sowas wie ein Witz ist, oder?

noplacespecial
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

09.11.2011 - 16:46 Uhr
noplacespecial

wenn du wieder gesund bist, wirst du diesen text vielleicht nochmal lesen und dann eventuell merken, dass das doch nicht dein ernst sein kann.

norweg
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

09.11.2011 - 21:04 Uhr
norweg

oha. ich habe gerade das gegenteil erlebt!

EtwasdasmanmaggibtmankeinenoriginellenNamen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

23.11.2011 - 16:34 Uhr
Etwasdasmanmaggibtman…

Erinnert mich ein bisserl an Max Frisch, der fragen lässt, warum Revolutionäre den Humor fürchten. Leute, die noch was zu verlieren haben, lassen sich schwerer zu Revolutionen bewegen und solang man noch Humor hat, hat man halt noch was zu verlieren, würd ich meinen. Die Ventilfunktion des Humors kann auch problematisch sein in Fällen, in denen eine ordentliche Explosion produktiver (d.h. destruktiver, aber damit langfristig produktiver) wäre... kreative Zerstörung und so.

Davon abgesehen finde ich aber die Kultivierung einer gewissen Wertschätzung fürs Absurde eine rechte sinnvolle Strategie angesichts existentieller Krisen (klar zeigt das, dass es nichts von Bedeutung ist ... aber gerade das ist ja die Pointe, der Frieden mit einer womöglichen Bedeutungslosigkeit) - ob das unter Humor fällt? Was weiß ich.

Bei tangibleren Leiden und Unzufriedenheit mit Dingen, an denen sich tatsächlich was ändern lässt, kann mir der Humor aber auch mal gestohlen bleiben.

Mehr lesen:

Deine Geschichte erzählen