31.10.2011 - 01:13 Uhr

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Bulimie der Leidenschaft

Text: monochromatisch

Die Zeit danach ist immer die schlimmste… Ich hatte es schon vorher gewußt, aber Wissen und Tun sind ja bedauerlicherweise nur entfernte Verwandte, die sich auf den üblichen Familienfeiern gerne aus dem Wege gehen. Noch auf dem Rückweg hatte ich mir fest vorgenommen, mein Ding allein durchzuziehen und beim notwendigen TankStop keine Anhalter mitzunehmen, und nun stand sie in meiner Küche und kochte Kaffee. Nicht so einen plörrigen, den man gedankenlos konsumiert, sondern einen, der einem das Leben und den Tod bewußt macht. Auf dem Tablett, mit dem sie mein Büro betrat, lagen neben der Thermoskanne und den Bechern zwei von Glücks Keksen, fein säuberlich in Zellophan gepackt. Ich goß mir und der Anhalterin Kaffee ein und brach meinen Keks auseinander. »Heute hat sich Ihr Glück total verändert « stand in kleinen Buchstaben auf dem Zettel. Ich hob meinen Kopf und sah Glück scharf an. Es stimmte. Während er sonst ein fröhliches Kerlchen mit rosigen Backen und einem lausbübischem Grinsen war, hockte er nun als kleines Häufchen in der Ecke meines Sofas. Sein Gesicht war eingefallen, die Augen tief in die Höhlen zurückgezogen. Das Licht meiner Schreibtischlampe strich über dieses Gesicht, spielte ein wenig damit und zog sich dann erschrocken zurück, um mit etwas gesünderem zu spielen… Dann lächelte er mich an. Ich wußte, daß mich dieses Lächeln als apokalyptischer Alptraum bis in alle Ewigkeit verfolgen würde…  „Boha, was ist denn mit dir passiert??“ entfuhr es mir. „Sag mal, hättest Du dir keinen anderen Zeitpunkt zum Krankfeiern aussuchen können? Hier geht sowieso im Moment alles drunter und drüber, und jetzt auch noch sowas. Die Zeit zieh ich dir vom Lohn ab, nur, daß Du’s weißt!“ „Nun mach‘ Glück mal nicht so an, ist doch nicht seine Schuld, daß er dir ständig entgleitet“, unterbrach mich meine Anhalterin. „Hast Du ihm jemals aufgeholfen, wenn er auf dem Boden lag? Nein, Du bist über ihn hinweg gestiegen, und ein paarmal hast Du ihn auch getreten, ich hab’s genau gesehen!“  „Jetzt kommst Du mir auch noch quer!“ raunzte ich sie an. „ Und überhaupt, was machst Du eigentlich noch hier, unser Deal war, daß ich dich ein Stück mitnehme, von einer dauerhaften Beziehung war dabei nie die Rede!!“ Als Traurigkeit mich daraufhin mit ihren großen, wäßrigen Augen ansah tat mir das eben Gesagte leid. „He, nun guck nicht so, ich hatte einfach gedacht, daß wir uns nach unserem letzten Treffen nie wieder sehen würden, und daß Du jetzt plötzlich wieder da bist…“ „Ach Du weißt ja, ich kann dir nie wirklich böse sein, ebensowenig, wie ich dich verlassen kann, kannst Du mich verlassen. Wir können uns nicht einfach so trennen, wir müssen uns voneinander losreißen, und ein Stück wird immer beim Anderen bleiben…“ „Nun hör aber auf, Du warst doch wieder bei Pathos im Rhetorikseminar!“  „Stimmt“, erwiderte sie, „und ich werde immer besser, nicht wahr?“ „Ach hör doch auf. Und jetzt mal ernsthaft, warum bist Du hier??“ Erstaunt sah sie mich an: „Weil Du mich brauchst?!“ Diese Antwort irritierte mich. Das sagte ich ihr auch. „Bitte? Wer bitteschön kann Traurigkeit gebrauchen?? Freude, Übermut, Heiterkeit, ja, die braucht man, aber doch nicht Traurigkeit!“ „Jetzt laß mal meine Schwestern aus dem Spiel, um die geht’s gerade nicht. Meine Geschwister spielen nur, ich bin diejenige, mit der Du arbeiten kannst.“ „Ich verstehe echt nicht, was Du meinst. Mir geht es gut, ich habe alles was ich brauche, und da gehörst Du eindeutig nicht dazu!“ „Bist Du dir dabei wirklich ganz sicher?“ flüsterte mir eine sehr bekannte Stimme ins Ohr. Sehnsucht! Von der hatte ich ja schon ewig nichts mehr gehört. Na große Klasse, ich gewann immer mehr den Eindruck, daß sich der Abend zu einem Treffen der lange nicht gesehenen Freunde und Bekannten entwickeln würde… Seufzend ging ich in die Küche, um noch einen Kaffeebecher zu holen. Während ich den Schrank öffnete hörte ich wie sich Kummer über meine Schnapsvorräte hermachte. Er versuchte, wie immer, sich darin zu ertränken, obwohl er ein ganz hervorragender Schwimmer ist.

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Hamburg