Falsches Spiel
Sie ist für Informatik in Kiel eingeschrieben, wird dort aber nie einen Hörsaal von innen sehen. Unsere Autorin, die für diesen Text lieber anonym bleiben möchte, ist eine Scheinstudentin. Das Bachelor-Master-System lässt ihr keine Wahl, sagt sie.

Es sind ein paar Klicks und meine Sorgen sind vorerst gelöst: Ich bin wieder offiziell Studentin, eingeschrieben für Informatik in Kiel. Jeder, dem ich das erzähle, muss lachen, so wenig passt dieses Fach zu mir. Aber das muss es auch nicht. Ich werde dort keine einzige Vorlesung besuchen. Ich habe mich bloß registriert für dieses kleine weiße Papier, auf dem Immatrikulationsbescheinigung steht. Offizieller Status: Bachelor-Zweitstudium. Inoffizieller Status: Scheinstudentin. Man könnte jetzt sagen, ich betrüge. Oder man sagt, das System lässt mir keine andere Wahl.
„Und, was machst du jetzt?“ Ich kann die Frage kaum noch hören. Seit diesem Sommer habe ich meinen Bachelor in der Tasche und habe mich zum Wintersemester bei verschiedenen Masterstudiengängen beworben. Es stimmt, ich habe mich nur auf Unis konzentriert, bei denen das Auswahlverfahren sehr hart ist. Aber das sind nun mal die, an denen ich studieren will. Leider waren immer nur Absagen im Briefkasten. Ich weiß, es gibt schlimmeres, als mit 23 Jahren noch einmal alle Freiheiten zu haben und machen zu können, was ich will: Praktika, Reisen, Jobben – mir selbst macht das gar nicht viel aus, wenn sich nicht jede Station in meinem Leben nahtlos an die vorangegangene reiht. Ich weiß genau, dass ich noch einen Master machen möchte, ob ein Semester früher oder später, spielt eigentlich keine Rolle. So eine Pause kann ja auch gewollt sein. Nicht jeder Scheinstudent hat eine Absage bekommen, manchen geht es ums Durchatmen, um Orientierung oder Praxiserfahrungen, was ebenso wichtig wie jeder Abschluss ist. Aber jedes „Luftschnappen“ wird denkbar schwer gemacht. Offensichtlich sieht das System das Ganze weniger locker als ich. Zumindest macht es mir die Übergangsphase bis zum Beginn meines Master-Studiums denkbar schwer.
Abgesehen davon, dass ich kein BAföG mehr bekommen würde, wenn ich nicht mehr immatrikuliert wäre, sind da weitere gravierende Probleme: Kindergeld und Krankenkasse. Für mich geht es um 184 Euro Kindergeld im Monat, die ich ohne Studentenstatus nicht mehr bekommen würde. Außerdem bin ich über meine Mutter familienversichert, wäre ich keine Studentin mehr, müsste ich mich selbst gesetzlich krankenversichern mit rund 80 Euro im Monat. Da wirkt der Verwaltungsbeitrag von 104,50 Euro im Semester geradezu harmlos. Bevor ich mit dem Master beginne, werde ich noch Praktika machen. Ich habe mich schon für einige beworben, unter anderem bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Auch sie verlangen in jedem Fall für eine Hospitanz eine Immatrikulationsbescheinigung, aus „versicherungstechnischen Gründen“, wie es heißt.
In meinem Freundeskreis stecken viele in der gleichen Situation wie ich. Also haben wir uns jetzt kurz vor Fristende in unterschiedlichen Unis eingeschrieben, in zulassungsfreie Fächer wie Archäologie, Niederlandistik oder Physik. Um eines klar zu sagen: Eigentlich möchte ich nicht betrügen und Vorteile einheimsen, die mir nicht „offiziell“ zustehen. Aber was ist die Alternative?
Das Komische ist, alle spielen dieses seltsame Spiel mit. Dass die Unis sich nicht beschweren, ist verständlich, kassieren sie doch ohne weitere Gegenleistung vom Scheinstudenten den Verwaltungsbeitrag – je nach Bundesland ohne Studiengebühren zwischen 100 und 300 Euro. Viele Studiensekretariate bestätigen mir, dass sie von einem größeren Teil Karteileichen unter den Immatrikulationen ausgehen. Nachgezählt und verfolgt hat es aber keiner. Schließlich macht sich auch niemand juristisch strafbar, jedem ist freigestellt, ob er ein angemeldetes Semester absolviert oder nicht.
Aber warum gibt es hier keine Übergangslösung? Man könnte beispielsweise unterschreiben, dass man fest vorhat, innerhalb eines bestimmten Zeitraums wieder ein Studium aufzunehmen und wäre so auf der sicheren Seite. Sollte dieses Vorhaben nicht eingehalten werden können, müssten die zusätzlichen Beiträge zurückgezahlt werden. So wäre der Vorgang transparent.
- Der gecastete Jesus 24.05.2012
- Sorry, ich hab' einen Freund... 21.05.2012
- Gema in gerecht 21.05.2012
- Die Zukunft des Horst Seehofer 15.05.2012
- Das ABC zu NRW 11.05.2012
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
Das ist nicht der erste Text, bei dem sich jemand beschwert, dass ein einfaches "ich will aber auch Masters!" nicht genug ist, um auf den bisherigen Studienabschluss noch einen weiteren, "besseren", von der Allgemeinheit finanzierten draufzusetzen, damit man sich später im Arbeitsmarkt noch besser durchsetzen kann.
Und niemand scheint auf die Idee zu kommen, dass es einen Grund gibt, warum es die Eingangshürden gibt. Genauso wenig, wie niemand auf die Idee kommt, stattdessen vielleicht mal...hmmm...einen Job zu ergreifen.
Nein, stattdessen pocht man auf sein gottgegebenes Recht, doch bitte an den besten Hochschulen dieses Landes den Masters machen zu dürfen, und geht das nicht, ist "das System" dran Schuld und lässt einem keine andere Wahl.
Naja, zumindest verdoppelt ihre Immatrikulation die Frauenquote ihres Jahrgangs für den Fachbereich. Ist ja schon mal was.
13.10.2011 - 18:58 Uhr
apollyon
Hatten wir nicht gerade den Artikel, wo sich alle beschwert haben, wie schlimm Studiengebühren sind?
Zumindest sind Studiengebühren ein gutes Mittel, um diesen Schwindel abzustellen.
abgesehen davon, dass nicht sicher ist, dass es je mit dem master klappt gibt es so ein system für doktoranden in spe - aber das sind wohl einfach weniger, so dass das nicht ins gewicht fällt.
melancholieunduebermut sagte:
warum sollte es eine übergangslösung geben ? man könnte ja auch arbeiten um sich seinen lebensunterhalt zu finanzieren, wie jeder andere mensch auch ? warum sollte sie das nicht tun ?
Herrgott, darum geht es doch nicht. Es gehört nun mal auch zur Ausbildung, vielleicht mal ein längeres Praktikum zu machen oder ein halbes Jahr Sprachunterricht im Ausland zu nehmen. Ersteres habe ich nach dem Abi gemacht, selbstverständlich unbezahlt. Und meine Mutter wäre ganz schön in Schwierigkeiten gekommen, wenn sie das Kindergeld in dieser Zeit nicht gehabt hätte.
Ich weiß nicht, ob man vielleicht einen Sonderantrag hätte stellen können, aber "an der Uni einschreiben" war die einfachste Lösung.
melancholieunduebermut sagte:
kein verständnis.
Naja. Andere fangen aus Interesse 5 verschiedene Studien an und bringen nichts zu Ende. Wenn es merkwürdigerweise massive Vergünstigungen dafür gibt, sich irgendwo einzuschreiben, warum sollte man es dann nicht tun? Es steht ja nirgendwo, das man dann auch zur Vorlesung gehen muss.
13.10.2011 - 19:48 Uhr
clnet
Alle Kommentare anzeigen








6
13.10.2011 - 18:35 Uhr
wollmops