12.10.2011 - 18:30 Uhr

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War die Uni gut zu dir?

Text: peter-wagner - und Nadja Schlüter; Foto: o-zero/photocase.com

Mal abgesehen von der Studienreform: Was bleibt einem, wenn man an der Uni war? Hass, sagt unsere Autorin. Liebe, sagt unser Autor. Ein Fall für Zwei.

Nadja Schlüter schreibt, warum die Universität es nicht wert war:

Ich erinnere mich, dass mir eines Nachmittags meine Mitbewohnerin auf dem Fahrrad entgegen kam und als wir abends am Küchentisch zusammen saßen, sagte sie: „Nadja, ich habe dich noch nie mit einem so bösen Gesicht gesehen wie heute Nachmittag.“ Ich glaubte ihr das sofort, da sie mir ja immerhin nicht auf meinem Weg ins Schwimmbad begegnet war, sondern auf meinem Weg zur Uni.  

Ich habe die Universität und mein Studium vom ersten Tag an nicht leiden können. Allein Disziplin und der Wille, Dinge durchzuziehen, haben mich bis hierher, an den Punkt kurz vor meiner Abschlussarbeit manövriert, durch eine See hindurch, die mir von Beginn an feindlich erschien. Die Universität begrüßte mich zunächst mit ihrer vollen Bürokratiegewalt. Die weiteren Unipflichten, also Vorlesungen und Seminare zu besuchen, war mir zuvor sehr verheißungsvoll erschienen: große Hörsäle mit den Denkern der Zukunft drin und Diskussionen, die Freude und einen klug machen. Meine erste Einführungsvorlesung fand dann in einem fensterlosen, völlig überfüllten Hörsaal statt und die Menschen darin waren weniger die Denker von morgen als die aufgeschreckten Kätzchen von heute. In den darauffolgenden Wochen kam es vermehrt zu aufgeregten bis genervten Lamentos der verschiedensten Dozenten über die Unsinnigkeit des Bachelors und unsere, im Vergleich zu früheren Studentengenerationen, kleineren Horizonte. Meine Motivation wurde somit schon sehr früh gedrückt.  

Nach den ersten beiden Semestern wurden zwar aus den aufgeschreckten Kätzchen (zumindest zum Teil) aufstrebende Denker und die bürokratischen Tätigkeiten traten hinter den wissenschaftlichen zurück, trotzdem kam ich nie wirklich in den Veranstaltungen an. Die Seminaratmosphäre hatte für mich immer etwas Fehlerhaftes. Zu willkürlich zusammengewürfelt waren die Menschen dort und zu kurzzeitig war diese Gemeinschaft, als dass es wirklich hätte produktiv sein können. In den Semesterferien standen dann die Hausarbeiten an und jedes Mal hatte ich von neuem die Erkenntnis, dass ich diese wissenschaftlichen Arbeiten zwar schreiben konnte, aber schlichtweg nicht wollte, weil mir der Duktus und die Masse an Reproduktion zuwider waren. Mal ganz davon abgesehen, dass mich nichts länger als eine Ausleih- und Kopierphase in der Seminar- oder Unibibliothek hielt. Das große Solidaritätsgefühl („Wir sitzen alle im gleichen Boot bzw. der gleichen Bibliothek“) stellte sich bei mir nicht ein – ich fühlte mich der Arbeitsweise und den anderen Studenten einfach nicht verbunden. Der Status „Student“ (der finanziell natürlich ungemeine Vorteile hat) kam mir zu vorgefertigt vor und ich wollte diese Rolle nicht erfüllen. Auch im als wonnigste Zeit des Daseins beschworenen Studentenleben wurde ich nicht heimisch. Ich kann mich an keine Uniparty erinnern, die ich zu den besten Partys meines Lebens zählen würde, und ein paar liebe Freunde habe ich zwar gewonnen, aber eine rundum-Freundeskreis-Erneuerung blieb aus. Morgens ausschlafen können, okay, das befürworte ich natürlich. Aber zerstückelte Tagesabläufe nicht. Und sie waren sehr zerstückelt: Nach jeder Veranstaltung radelte ich nach Hause, selbst, wenn ich später eine weitere besuchen musste. Ich wollte nicht bleiben.  

Darum bin ich nun froh, dass ich nie wieder hin muss. Wissenschaftliches Arbeiten macht mir keine Freude, das Studentenleben passt nicht zu meiner Wunschvorstellung von Spaß und Selbstbestimmung und die Caféteria war zwar in Ordnung, aber auch kein Hit.



Peter Wagner schreibt, was ihm die Universität wert war:

Von den Partys will ich nicht anfangen, die waren an meiner Uni zwar saugut, aber darum geht es nicht. Man kann ja auch ohne Universität sehr angenehm feiern, das Zuprosten haben nicht die Studenten erfunden. Ich sehe mich, wenn ich an die Uni zurückdenke, immer am Schwarzen Brett stehen. Es gab mehrere, die auf dem Campus verteilt waren. Dort lagen Zettel für Probeabos von Zeitungen und Magazinen aus, dort wurden Wohnungen ausgeschrieben, Gastvorträge angekündigt, dort haben Leute zum Beispiel für Umweltarbeitskreise geworben oder Unternehmen aus Neuseeland warben um Praktikanten. Daneben hingen die üblichen Plakate von der Fulbright Commission, die von ihren Stipendien für einen USA-Aufenthalt erzählte. Es klingt oll, aber mir fallen immer zuerst diese schwarzen Bretter ein, die mich einmal in die Lesung eines Moralphilosophen lockten und ein andermal auf einen Heilpflanzenbauer in Österreich hinwiesen, der eines Abends in einem kleinen Seminarraum von seinem Leben erzählte. Es gab solche Schwarzen Bretter in meinem Elternhaus nicht. An der Schule gab es ein solches Brett, aber es war langweilig, weil dort immer nur der Hausmeister die verlorenen Gegenstände hintackerte oder für den Schülerwettbewerb Latein geworben wurde. Erst mit den Aushängen an der Uni begriff ich, was es bedeutet, studieren zu dürfen. Studieren ist nicht nur ein Glück, weil man unterwegs etwas lernt, mit dem man durchs Leben gehen kann. Die Uni war für mich tatsächlich die Durchgangsstation zum echten Leben. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich alles, was am Schwarzen Brett als Möglichkeit stand, hätte machen können. Dieses Gefühl finde ich sehr erhebend, es hat ja vor allem mit Freiheit zu tun. Ich kenne bis heute keinen Ort, an dem mir der Kopf noch einmal vergleichbar aufgegangen wäre. Gut, im Internet. Aber sonst?



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deezain
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Mag ich Mag ich nicht

0

13.10.2011 - 12:25 Uhr
deezain

Ich hab die Uni auch gehasst wie die Pest. Ständiges Rumgebastel an der Studienordnung, zäh unbeweglich verkrustete Strukturen (der ganze wissenschaftliche Mittelbau hätte in Gänze rausgeworfen gehört). Grabenkämpfe zwischen Professoren und den Fachbereichen.

Nach einem wirklich intensiven Studium an einer Schweizer Privathochschule war die deutsche Uni ein absoluter Rückschritt und mit Fug und Recht kan man behaupten: andere Strukturen vorausgesetzt, hätte man den doppelten Input und den vierfachen Output in der Hälfte der Zeit schaffen können.

Wie immer in D: Viel Bürokratie. Ständiges Vor und Zurück. Rumgeklüngel. Reibungsverluste bis der Arzt kommt.

Zum Kotzen.

alces
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Mag ich Mag ich nicht

2

13.10.2011 - 12:37 Uhr
alces

Dienstmercedes sagte:
vox_populi sagte:
Dienstmercedes sagte:
Naddel hat Vergleichende Literaturwissenschaften und Geschichte "studiert.



Ja gut, ich mein, da muss selbst Winterzauber nicht mehr nachtreten. Hihi.


Wie war denn das Jura-Studium?


7 Semster, zweistellig und danach Damenwahl als WiMi. L E G E N D A R Y. Und das ganze noch an einer Ost-Uni wo auch die jungen Damen gerne dem FKK frönen anstatt ihre Barbour-Jacken bis oben geschlossen zu halten. Also alles tutti frutti.


Das schöne am Internet - jeder darf seinen TomJones-Moment haben.

Kleine_Fluchten
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Mag ich Mag ich nicht

0

13.10.2011 - 14:10 Uhr
Kleine_Fluchten

Also ich fand das Studentenleben geil. 14 Semesterwochenstunden und das 22 Semester lang. Da war mein erster Job nach dem Studium mit einem4-Stunden-Arbeitstag, 5 Tage die Woche, richtig stressig dagegen!

Gut okay, gebe zu, das ist 20 Jahre her.

Heute ist das wohl nicht mehr so lustig mit verkürztem Abi, dem ganzen Bachelor- und Master-Gedöns und dem Leistungs- und Zeitdruck. Und der Weg zur Rente ist nun auch länger geworden.

Tja, die guten, alten Zeiten...

Roboter2000
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Mag ich Mag ich nicht

2

14.10.2011 - 08:35 Uhr
Roboter2000

@ Kleine_Fluchten.

Geiler Beitrag. Du genießt das Leben anscheinend!

---------------

Ich selbst war nie an einer Uni und bin direkt vom Abi ins Berufsleben gewechselt.

Sicherlich ist mein Blick auf das Uni-Geschehen einigermaßen verklärt aber ich habe meine Studentenfreunde immer sehr beneidet.

Wenn man mit ihnen redet, dann hört man immer wie viele Vorlesungen und Hausarbeiten und so es zu bewältigen gibt und wie stressig alles ist und dann 2 Tage später trifft man sie während der halbstündigen Mittagspause in der Fußgängerzone beim Milchkaffee oder am Abend in der Diskothek wo sie sich mit den jeweils günstigsten Getränken teilweise extrem weggeschädelt haben.

herrlich aber vermutlich nur die halbe Wahrheit.

drolli
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Mag ich Mag ich nicht

0

16.10.2011 - 09:36 Uhr
drolli

Roboter2000 sagte:
...
herrlich aber vermutlich nur die halbe Wahrheit.


Naja, der eigentliche Stress in der Uni ist eher die Unsicherheit, die aber viel mit schlechter Betreuung und ungleichmaessigen Masstaeben zu tun hat.

afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

2

16.10.2011 - 12:33 Uhr
afrirali

das schöne am uni/studentenleben ist, dass man seine zeit relativ gut selbst gestalten kann (oder konnte). man muss durchaus einiges arbeiten, aber genau wann man dies tut, ist einem selbst überlassen. das wirkt dann auf außenstehende wie faulheit.

Douzitou
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Mag ich Mag ich nicht

0

16.10.2011 - 18:18 Uhr
Douzitou

afrirali sagte:
das schöne am uni/studentenleben ist, dass man seine zeit relativ gut selbst gestalten kann (oder konnte). man muss durchaus einiges arbeiten, aber genau wann man dies tut, ist einem selbst überlassen. das wirkt dann auf außenstehende wie faulheit.


Das stimmt und ist zugleich sehr symptomatisch...

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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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