Die Buchmacher
Du willst Schriftsteller werden? Unser Autor erklärt dir die sechs Typen, denen du auf dem Weg zum ersten Roman begegnest.

Der Agent
Ein guter Literaturagent weiß, dass du ein Buchautor bist, meistens bevor du es selbst weißt. Sein erster Auftritt besteht oft genug in einem kurzen Anruf, bei dem er sagt, er hätte da was von dir gelesen und tja, wäre das nicht auch ein ganzes Buch wert? Eher unwahrscheinlich, dass er auf diese schmeichelnde Anmache die Antwort „Buch? Igitt!“ hört. Viel wahrscheinlicher hat er ein paar Wochen später einen Vertrag mit dir geschlossen, der dich in die Lage versetzt, fortan Sätze mit „Mein Agent . . .“ zu beginnen und ihn fortan berechtigt, immer 10 bis 20 Prozent von deinen zukünftigen Buchumsätzen einzustreichen. Danach wird dich dein Agent freundlich zur Arbeit antreiben, dein Exposé zweimal zurückgehen lassen, obwohl „eigentlich alles super“ ist, bis er es im dritten Anlauf für gut genug befindet, damit an einen Verlag heranzutreten. In welchen Worten dort über dich gefeilscht wird, erfährst du nicht, zum Glück. Die paar Wochen, die seine Maklertätigkeit jetzt dauert, sind die beste Zeit des Buchautorenlebens, genieße sie, gehe in sogenannte Künstlerkneipen und drücke dort die Daumen, dass sich dein Agent ein ehrgeiziges finanzielles Monatssoll auferlegt hat, denn er verhandelt ja nicht nur für dich sondern auch für sich. Agenten sind bei Verlagen deswegen im Durchschnitt etwa so beliebt wie Hagelschäden bei Chauffeuren. Andererseits haben die großen Agenturen den Verlagen die unangenehme Funktion des Vorlektorats abgenommen, die legendäre Suche nach einem Verlag, der dein Buch nimmt, ist also eher der Suche nach einem seriösen Agenten gewichen, der dein Buch vertreten möchte. Anfangs macht er die Arbeit, dafür wird es hinterher für ihn um so einfacher. Ist erstmal ein Verlag für deinen Bestseller gefunden (zu diesem Zeitpunkt vermuten noch alle stark, dass es einer wird) und ein Vorschuss ausgehandelt, gibt es nur noch ein Problem: Du musst jetzt liefern.
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Die Lektorin
Dein Agent begleitet dich bis zu deiner Lektorin wie deine Mutter dich früher zur Kindergärtnerin begleitet hat. Im Gegensatz dazu aber knurren sich Lektorin und Agent bei deiner Übergabe unauffällig an. Kein Wunder: Hättest du, wie früher, direkt nach einem Verlag gesucht, wäre den das Ganze um mindestens die Hälfte günstiger gekommen. Eine Lektorin ist, wie man es sich vorstellt, ein dünnhäutiger Mensch, der sehr viele Papierstapel in seinem Büro hat. Sie ist nett, aber immer auch ein bisschen gestresst und irgendwie nicht mal ansatzweise so aufgeregt über dein Buchprojekt, wie es dein Agent dir überliefert hatte. Der leichte Stress rührt daher, dass ihr Chef der Verleger ist und damit so ungefähr der Einzige in einem Verlag, der sich um Geld Sorgen macht. Gelegentlich gibt er diese Sorge an seine Lektoren weiter und deine hat deswegen wieder zu rauchen angefangen. Die Arbeit mit der Lektorin hattest du dir ein bisschen romantischer vorgestellt als sie in Wirklichkeit ist: Sie ruft alle zwei Monate an und fragt einigermaßen unverhohlen, wann es denn soweit wäre. Richtig ernst wird es spätestens an dem Tag, an dem sie dir Vorschaukataloge für die nächste Saison zuschickt. Dein Buch ist auf Seite 36 zu sehen, versehen mit einem erstaunlichen Titel und einem haarsträubenden Cover. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Am Tag nachdem du dein Manuskript in Gänze abgegeben hast, fängst du auch wieder mit dem Rauchen an. Schließlich weißt du eigentlich überhaupt nicht, ob es was taugt und auch dein Agent, sonst zuverlässiger (und gutbezahlter) Motivator, ist auf einmal nicht zu erreichen. Nach 14 Tagen kommt dein Text im Word-Korrekturmodus zurück und hat sehr viele Anmerkungen. Anfangs möchtest du noch wegen jeder Einzelnen bei deiner Lektorin anrufen und auf dein Recht als angehendes Genie pochen, aber das legt sich. Am Ende der Korrekturphase nimmst du auch ganze Seitenstreichungen kommentarlos hin. Die Wahrheit ist: Du kannst den ollen, gefledderten Text nicht mehr ausstehen und deine Lektorin auch nicht. Höchste Zeit, dass er gedruckt wird.
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Die Vertreter
Von diesen grauen Eminenzen der Buchwelt hast du bisher kaum etwas gewusst. Je konkreter aber dein Buch zusammenwächst, desto häufiger murmelt deine Lektorin ein leises Stoßgebet, in dem sie die Gunst der Vertreter für dein Buch erfleht. Gemeint sind tatsächlich richtige Vertreter, die mit einem Kombi die Buchhandlungen in ihrem Gebiet abklappern und dort die neuen Titel ihrer Verlage anpreisen, damit die Buchhändler einen Stapel davon nehmen und vielleicht sogar auf dem „guten Tisch“ platzieren. Das ist handfeste Überzeugungsarbeit und deswegen ist es so wichtig, dass dein Buch vor allem den Vertretern gefällt. Zu diesem Zweck gibt es in jedem Verlag zweimal im Jahr die eine Vertretertagung, bei der alle Lektoren bis hin zum Verleger sehr nervös sind – etwa so wie die Bürgermeister bei einer Olympiabewerbung. Es kann vorkommen, dass du als Autor noch dazu geladen wirst, um persönlich für dich zu trommeln. Dabei wirst du feststellen, dass die Vertreter ausgesprochen freundliche Menschen sind, die dein Buch schon besser kennen als du selbst. Nie wieder wirst du sinnvollere und kniffligere Fragen gestellt bekommen, nie wieder wirst du Menschen begegnen, die so genau über deine Zukunft Bescheid zu wissen scheinen – und trotzdem geschickt allen diesbezüglichen Fragen ausweichen. Sie sind aber nicht die einzigen, die den Daumen über deinem fast fertigen Buch heben und senken. Es gibt noch Menschen in der Marketingabteilung, denen dein Namen zu lang, der Titel zu nichtssagend, die Coverfarbe zu langweilig ist, und die damit immer Recht haben dürfen. Es gibt Vertriebsleute, die den Erscheinungszeitpunkt für grundfalsch halten, und es gibt die Assistentin des Verlegers, der seit 30 Jahren im Verlag als Stimme des Volkes allerhöchste Urteilskraft zugeschrieben wird und wegen der in letzter Sekunde die Papierdicke verändert wird („Das fühlt sich so dünn an!“) und alle Anglizismen und Fäkalausdrücke in deinem Text gestrichen werden („So was gehört nicht in ein Buch!“).
Auf der nächsten Seite lernst du den Buchhändler, die anderen Autoren und natürlich den Leser kennen.
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