27.09.2011 - 13:00 Uhr

11 23 Über Twitter weiterempfehlen

Max gegen Zuckerberg

Text: steffi-hentschke - Fotos: dapd, privat

Max Schrems, 23, aus Wien hat gemeinsam mit Kommilitonen Facebook angezeigt, weil das Soziale Netzwerk alle Daten seiner Nutzer speichert. Die Behörden in Irland, wo das Unternehmen seinen Europasitz hat, nehmen die Anzeige ernst. Ein Interview über missachteten Datenschutz.



jetzt.de: Max, bist du noch bei Facebook angemeldet?
Max:
Ich bin noch angemeldet, ja. Ich vertrete nämlich die Philosophie, dass verbessern besser ist als sich zu verweigern. Eigentlich ist Social Media ja ein cooles Prinzip, nur leider wird es im Moment noch von vielen Unternehmen ausgenutzt. Mir ist es aber zu wider, dass ich mir ein so gutes Produkt wie Facebook wegnehmen lassen soll. Deshalb sind unsere Beschwerden mit Verbesserungsvorschlägen versehen.  

Was ist dein Problem mit dem sozialen Netzwerk?
Insgesamt haben wir ja 22 Anzeigen erstattet, die alle ein anderes Problem im Fokus haben. Das Zentralste aber ist die Sache mit dem Löschen – Facebook speichert einfach alles, egal, ob der Nutzer das bereits gelöscht hat. Das ist unserer Meinung nach ein totaler Skandal. Denn wir als Nutzer haben zwar die Aufgabe, Content zu liefern. Macht darüber haben wir aber nicht, sondern nur das Unternehmen.  

Du hast dir alle Daten, die Facebook über dich hat, schicken lassen. Was war das für ein Gefühl, diese Informationen vor dir zu haben?
Ich befasse mich schon recht lang mit dem Thema Datenschutz. Ich dachte mir auch schon, dass mir Facebook eine ganze Menge Unterlagen schicken würde. Als ich dann aber diese 1.200 Seiten hatte, da war ich doch schockiert. Alles wurde gespeichert – alle Nachrichten, alle Chats inklusive sensiblen Informationen über Freunde. Wenn ich als Nutzer etwas lösche, wird das zwar in den Akten von Facebook vermerkt, gelöscht wird die Information jedoch nicht.  

Schon andere haben sich mit Mark Zuckerberg angelegt. Die Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss behaupten zum Beispiel seit Jahren erfolglos, die wahren Facebook-Gründer zu sein. Was unterscheidet eure Anzeige von Anderen?
Anders als die Winklevoss-Brüder haben wir absolut kein finanzielles Interesse. Wir machen das aus Idealismus, womit wir natürlich nicht die Einzigen sind. Was uns aber unterscheidet ist, dass wir in Europa gegen Facebook vorgehen. Die meisten Klagen und Beschwerden kamen bisher aus den USA. Darüber hinaus haben wir uns an die richtige Stelle gewandt – an die Behörden in Irland. Die haben die Möglichkeit, Macht über Facebook auszuüben, was sie jetzt auch tun.  

Wie fühlst du dich – als David, der gegen Goliath kämpft?
Ehrlich gesagt: Wenn es nach mir ginge, würden alle Medien nur über die Probleme bei Facebook berichten und uns außen vor lassen. Denn wir wissen ja noch gar nicht, was bei der ganzen Sache rauskommen wird. Deshalb hat es keinen Sinn, sich in den Vordergrund zu stellen. Wir wollen einfach, dass für diesen Konzern die gleichen Regeln gelten wie für andere Unternehmen auch – das ist mehr eine Gerechtigkeitsfrage, die wir stellen und bei der wir nicht viel mehr außer Portokosten verlieren können. 
 
Max

Die irischen Behörden reagierten prompt auf die Anzeigen. Hättet Ihr damit gerechnet und was passiert dort gerade?
Hätten die Iren nicht reagiert, hätten wir uns an Brüssel gewandt, denn die irischen Behörden haben die Pflicht, sich um diese Anzeigen zu kümmern. Das wussten wir und die Behörden selbst auch – das sich etwas tun wird, war also klar. Dass wir aber nach circa vier Tagen einen langen Brief aus Irland bekommen würden, kam vollkommen überraschend. Darin heißt es, dass man sich der Sache annehmen würde. Ein oder zwei Wochen später gab es dann tatsächlich auch die Ankündigung einer Betriebsprüfung bei Facebook Irland – die prüfen den Konzern jetzt auf Herz und Nieren.  

Warum muss sich Facebook nicht an die europäischen Datenschutzbestimmungen halten?
Ich glaube, das liegt daran, dass der Datenschutz in Europa noch relativ am Anfang steht. Das meiste läuft noch über Beschwerden, die der Bürger vor die Behörden zerren muss. Von selbst passiert da kaum etwas. Die Bußgelder für Vergehen gegen den Datenschutz sind außerdem minimal – da wägen Unternehmen ab, ob es sich lohnt, sich an die Regeln zu halten oder ob es billiger ist, dagegen zu verstoßen.  

In Deutschland gibt es in jeder Partei mindestens einen, der sich mit Netzthemen und Datenschutz befasst. Wie ist das in Österreich – ist Datenschutz ein politisch relevantes Thema?
Deutschland ist den meisten Ländern in Sachen Datenschutz weit voraus; es ist einfach ein viel wichtigeres Thema. Bei uns in Österreich setzen sich hauptsächlich die Grünen dafür ein, den Konservativen ist es egal und die FPÖ spricht eigentlich nur über Ausländer. Warum das so ist, kann ich nur vermuten: Ich glaube, die Österreicher sind in diesem Punkt weniger kritisch als die Deutschen und nehmen vieles eher hin.  

Facebook wird zurzeit umgebaut. Neue Funktionen sollen dafür sorgen, dass das Netzwerk zum Lebensarchiv wird. Was hältst du von der Idee?
Das ist ja erstmal typisch Facebook – erstmal machen, dann gucken, wie Nutzer und Politik darauf reagieren. Das größte Problem bei den neuen Funktionen ist meiner Meinung nach, dass sich der Zweck von Facebook ändert. Wenn ich meine Daten freigebe, sind die rechtlich immer an einen bestimmten Zweck gebunden. Der bisherige Zweck von Status-Updates war es, zu kommunizieren. Jetzt soll das Netzwerk Lebensarchiv sein. Damit ändert sich sein Zweck, ohne dass der Nutzer dem zugestimmt hat. Ob das rechtlich haltbar ist, wage ich zu bezweifeln.  

Was versprecht Ihr Euch von den Anzeigen?
Im idealen Fall kann ich in einem Jahr auf Facebook gehen, ohne dabei Sorgenfalten im Gesicht haben zu müssen. Wir wünschen uns einfach, dass Facebook seine Datenschutzbedingungen verbessert. Es wäre auch schon ein echter Quantensprung, wenn nur die Hälfte unsere Verbesserungsvorschläge angenommen würde.

Die Aktion bringt ja auch einen gewissen Imageschaden. Müsste man nicht schon deshalb Einsicht zeigen?
Witzigerweise zeigt sich Facebook davon wenig beeindruckt. Welches andere große Unternehmen kann es sich erlauben, zum Beispiel auf Pressefragen gar nicht zu reagieren? Ich glaube, die denken einfach, dass die Nutzer eh dabei bleiben. Wo sollen sie sonst auch hin? Bei Google+ gibt es doch die gleichen Probleme in grün.  

Hat Facebook auf die Anzeigen überhaupt reagiert?
Das Management hat uns eine Mail geschrieben mit der Frage, ob man darüber nicht einmal reden könne. Wir haben sie dann auf einen Kaffee in Wien eingeladen. Darauf haben sie aber noch nicht reagiert und ich wüsste auch nicht, worüber man da sprechen sollte – die vertreten die eine Meinung, wir eine andere.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
steffi-hentschke
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
23 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

Dienstmercedes
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-11

27.09.2011 - 14:00 Uhr
Dienstmercedes

Tja, sowas machen Leute ohne Job und ohne Hirn. Im Rahmen der Gauss´schen Normalverteilung gibt es eben auch zwei Enden.

hans_castorp
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

3

27.09.2011 - 14:02 Uhr
hans_castorp

Dienstmercedes sagte:
Tja, sowas machen Leute ohne Job und ohne Hirn. Im Rahmen der Gauss´schen Normalverteilung gibt es eben auch zwei Enden.


uhh, wie erleuchtend, dienstmercedes!

memao
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

3

27.09.2011 - 14:05 Uhr
memao

gut, dass es leute ohne hirn und ohne job gibt.

Aporia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

27.09.2011 - 14:55 Uhr
Aporia

Man darf gespannt sein. Immerhin sind Daten heutzutage so was wie eine Währung und Facebook ist der Handelsplatz dafür. (Oder so ähnlich.)

clemmie
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

27.09.2011 - 15:38 Uhr
clemmie

die bildunterschriften von jetzt.de sind top! "max" - aha.

soylentyellow
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

27.09.2011 - 16:27 Uhr
soylentyellow

Und wie stellt sich Max das vor wie fb dann die Dienstleistung (Speicher und Bandbreite ist billig aber nicht umsonst) bezahlen soll?

(Auch wenn das natürlich das Problem von fb und nicht von Max ist - aber fragen tue ich trotzdem)

ein_oxymoron
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

6

27.09.2011 - 18:01 Uhr
ein_oxymoron

soylentyellow sagte:
Und wie stellt sich Max das vor wie fb dann die Dienstleistung (Speicher und Bandbreite ist billig aber nicht umsonst) bezahlen soll?

zum beispiel mit daten, die nicht vom benutzer "geloescht" wurden. ich fuer meinen teil wuerde dem laden wieder wesentlich mehr daten zur verfuegung stellen, wenn er privatsphaere und datenschutz nicht fuer ueberfluessig halten wuerde und wenn ich mein zeug ggfs. wieder loeschen koennte.

solefald
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

27.09.2011 - 20:27 Uhr
solefald

So schlecht finde ich diese Aktion von dem jungen Mann gar nicht.
Aber diese Aussage " Bei uns in Österreich setzen sich hauptsächlich die Grünen dafür ein, den Konservativen ist es egal und die FPÖ spricht eigentlich nur über Ausländer" sagt schon viel über das Land ( und andere Nationen sicher auch) aus.

Dazu noch der post hier: logging out of facebook is not enough
http://nikcub.appspot.com/logging-out-of...

TillCologne
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

27.09.2011 - 20:57 Uhr
TillCologne

Der Zweck des "f8" Updates ist das Sammeln und Verknüpfen von Daten, wie es dieses in dieser massiven Reichweite noch in keiner Form gegeben hat. Mit der automatischen Erfassung in allen Lebensbereichen (durch Drittanbieter) wird sozusagen die Post-Privacy-Ära eingeleitet. Man muss der Veröffentlichung des eigenen Lebens erst widersprechen, was niemand tut.

Wenn Facebook die Algorithmen geschickt verknüpft, auswertet und das exklusive Wissen an Werbetreibende und Wirtschaftsunternehmen verkauft, ist das wohl effektiver als Geld drucken. Aussagekräftige (Wahl-)Statistiken lassen sich schon mit ca. 2.000 Menschen erstellen. Facebook hat ca. 800.000.000 Nutzer. Da geht was.

Die geplante Timeline ist im Prinzip ein trojanisches Pferd getarnt als User-Nutzen oder Mehrwert, um die Daten-Sammelwut nett zu verpacken. Wer bei Facebook aktiv ist, macht automatisch mit, ob er will oder nicht.


In Zukunft und durch Anzeigen wie oben beschrieben, wird sich zeigen ob die Nutzer das Update annehmen oder mehr Wert auf Datenschutz legen.

--
http://goo.gl/SMYZd

keentom
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

27.09.2011 - 22:22 Uhr
keentom

Endlich mal jemand, der was macht und nicht immer nur redet!

Weiter Seite 1 2 3

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

steffi-hentschke unbekannt

steffi-hentschke

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.