Rap Rendezvous. Wir hören neue Platten mit Thomas D
Einmal im Monat plaudern wir mit einem Vertreter aus dem HipHop-Kosmos über aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit Thomas D über die Neuerscheinungen von Jay-Z & Kanye West, Grieves, Wu-Tang Clan, Royce Da 59 und Lil Wayne.

Als Teil der Fantastischen Vier war Thomas D einer der ersten, der Rap in deutscher Sprache über die elaborierten Szene-Zirkel hinaus einem breiten Publikum nähergebracht hat – und somit maßgeblich daran beteiligt war, dass HipHop in Deutschland überhaupt so groß werden konnte, wie er es heutzutage ist. Obwohl die Fantas mittlerweile kaum noch als Rap-, sondern vielmehr als Pop-Band wahrgenommen werden, tut das ihrer Liebe für das gesprochene Wort allgemein und Sprechgesang im Speziellen keinen Abbruch. Vor allem Thomas D hat trotz seines weitgefächerten Musikgeschmacks nie den Bezug zu der Kultur verloren, die ihn groß gemacht hat. Im Dezember ist er wieder mit den Fantastischen Vier auf Tour und hat dort sicherlich auch den einen oder anderen Deutschrap-Klassiker im Gepäck.
Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und:
Jay-Z & Kanye West – "Watch The Throne"

Jay-Z & Kanye West sind zwei der größten HipHop-Künstler des Planeten – entsprechend vorfreudig wurde die Platte erwartet. Konnten die Beiden die hohen Erwartungen erfüllen?
Ja – das Album ist aber ein „Grower“ und braucht ein paar Durchläufe, um seine Pracht vollends zu entfalten. Ich dachte eigentlich, es müsste sofort einschlagen wie eine Bombe, aber ich habe tatsächlich ein bisschen gebraucht, bis es mich richtig gepackt hat. Irgendwann habe ich aber einzelne Zeilen oder Melodien nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Wahrscheinlich zeugt genau das von der Genialität dieses Albums; dass es sich mir nicht direkt beim ersten Durchhören voll und ganz erschlossen hat.
Kannst du in Worte fassen, warum die Platte bei dir irgendwann doch noch ihre Wirkung entfaltet hat?
Es ist ja so: Irgendwann haben gesungene Refrains in der amerikanischen Rap-Musik Einzug erhalten, und diese Platte zeigt eindrucksvoll, wie man diese Refrains mit geilen Raps kombiniert. Auf diese Weise bekommen die ganzen „Normalos“ ihre poppigen Mitsing-Refrains, die ins Ohr gehen und die Hardcore-Heads können sich an der Reimtechnik und den schönen Bildern in den Strophen erfreuen. Auf der Platte ergänzt sich das alles grandios, die Übergänge sind fließend und die Gäste harmonieren wunderbar miteinander.
Ein Journalisten-Kollege hat über den Ansatz der Platte geschrieben: „Zwei gealterte Männer klopfen sich auf die Brust - und inszenieren das Ganze als Rockoper.“ Ist dieses Statement für dich nachvollziehbar?
Ich weiß auf jeden Fall, was gemeint ist. Aber man darf bei Künstlern wie Jay-Z und Kanye West keine Weisheiten erwarten. Wenn man vertonte Philosophie hören will, ist man bei den Beiden schlichtweg falsch. Außerdem geht es im Rap doch häufig um vertontes Auf-die-Brust-Geklopfe. Aber mal ehrlich: Wenn jemand lauthals und berechtigt verkünden kann, dass er es geschafft hat, dann doch wohl Kanye West und Jay-Z.
Kanye ist ein Meister darin, aus einem einzigen Sample ganze Songs zusammenzustricken – das hat er auch auf dieser Platte wieder bewiesen. Liegt darin da große Geheimnis seiner Produktionen?
Ich habe mal gelesen, dass Kanye einmal tagelang versucht hat, einen Bass für einen Beat zu finden – vier Tage am Stück hat er dazu den Loop gehört, bis er irgendwann den passenden Basslauf hatte. Und diese Perfektion kann man hören. Auf dieser Platte ist kein Geräusch zu viel oder bloß zufällig da – das ist wahnsinnig ausgefuchst.
Grieves – "Together/Apart"

Der Albumtitel gibt es bereits vor – auf dem Konzeptalbum geht es vor allem um das Aufarbeiten der inneren Zerrissenheit und die Erkenntnis von der Dualität der Dinge. Das ist doch sicherlich etwas, das du als „Reflektorfalke“ nachvollziehen kannst, oder?
Klar. Ich mag die Themen, mit denen er sich beschäftigt. Aber die Platte geht nicht so richtig auf. Mir fehlt da was. Die hält sich zu sehr auf in ihrem Gefühl der Introvertiertheit und schafft es nie, mal daraus auszubrechen. Die Platte wird niemals richtig groß, und das ist mir auf Albumlänge einfach zu wenig. Das hat sicherlich seine Berechtigung, wird mir nach drei, vier Stücken aber zu eintönig.
Die Musik von Grieves wird häufig mit Emo-Rap umschrieben. Ist das eine Begrifflichkeit, mit der du etwas anfangen kannst?
Ja, das finde ich ziemlich zutreffend. Das ist zwar nicht depressiv, aber sehr nachdenklich. Mir fehlt da aber eine Spur Größenwahn. Grieves macht keine Musik fürs Auto, sondern eher für ein verdunkeltes Zimmer bei Kerzenschein und einem Glas Rotwein.
Grieves hat für den Song „Sunny Side Of Hell“ das Stück „Sunny“ von Bobby Hebb verwendet, einen der am häufigsten gecoverten Songs der Popgeschichte. Ist es nicht „gefährlich“, einen solchen Song zu benutzen, weil es schnell ausgelutscht klingen könnte, weil man ihn bereits zu oft gehört hat?
Samplen ist eh so ein Thema: Ich habe zum Beispiel gehört, dass Kanye West allein 14 Leute eingestellt hat, die für ihn Samples suchen. Die treffen sich dann jede Woche und jeder von diesen 14 Leuten bringt seine Top-5-Samples mit an den Tisch. Das ist ja Wahnsinn – eröffnet ihm aber natürlich die Möglichkeit, permanent auf großartiges Material zurückgreifen zu können, das er jedoch häufig sehr bruchstückhaft und krumm einsetzt. Wir bei den Fantas sind fast vollkommen davon weg und spielen die Sachen im Zweifelsfall lieber nach oder verändern sie – wir wollen eben auch gerne etwas Eigenes schaffen. Grieves hingegen hat „Sunny“ sehr offensichtlich und 1:1 gesamplet. Mir fehlt da die Eigenständigkeit, das Neue, das Innovative. Grieves benutzt lediglich den Ruhm und den Bekanntheitsgrad des Original-Stücks, und das finde ich ein wenig schwach.
- Rap Rendezvous: Wir hören neue Platten mit Tobi 12.04.2012
- Rap Rendezvous. Wir hören neue Platten mit den Orsons 01.03.2012
- Rap Rendezvous Spezial: Was war und was kommt im Hiphop? 29.12.2011
- Rap-Rendezvous: Wir hören neue Platten mit Spax 22.12.2011
- Rap Review Rendezvous .Wir hören neue Platten mit Flipstar (Creutzfeld & Jakob) 23.08.2011
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!






