24.08.2011 - 18:30 Uhr

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Der einsame Surfer

Text: peter-wagner - Fotos: Michael Berger

Das nächtliche München hat sich verändert. Man sieht das beim beiläufigen Blick von draußen ins Leben der anderen.

Am interessantesten ist der Mensch am Abend zu Hause. Was isst er, nachdem er den Tagesschweiß in den Wäschekorb gesteckt und Mama angerufen hat? Was macht er, wenn er nur er selbst ist oder sich in der Umgebung der Lieblingsmenschen befindet, die ihn auch mit strähnigen Haaren kennen? Wie füllt er die Zeit, die sein eigentliches Leben ist? 

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Man könnte aus diesen Fragen eine Geschäftsidee machen und Führungen für Touristen anbieten, die zum Beispiel München und seine Bewohner wirklich kennenlernen wollen. Jeden Abend um 19 Uhr träfe man sich und unternähme eine Wanderung durch die Wohnungen der Stadt. Im Laufe einer dreistündigen Tour könnte man an sechs oder sieben Türen klopfen und in die Küchen und die Wohnzimmer der privaten Menschen schauen. Man könnte mit ihnen plaudern. Über den abgelaufenen Tag, über die Sehnsüchte im Leben, die ja immer dann groß werden, wenn die Sonne untergeht. Die jeweiligen Gastgeber müssten sich freilich vorher beim Tourenanbieter registrieren lassen und sich einverstanden erklären, dass man sie zu einer zufällig gewählten Zeit an einem werktäglichen Abend gegen ein kleines Honorar stört. Es sollte schließlich so wenig wie möglich inszeniert sein, wenn man nachvollziehen will, was zum Beispiel in den Wohnungen der Menschen in Haidhausen nach Einbruch der Dunkelheit geschieht. 

Aber solche Touren gibt es nicht, was kein Schaden ist, man will ja in einer Stadt und nicht in einem Zoo leben. Trotzdem hat die Stadt, ob sie es will oder nicht, im Vergleich zum Dorf einen Voyeurismus-Vorsprung. Man schaut im Vorbeigehen oder beim sinnfreien Blick aus dem eigenen Heim in die Wohnung gegenüber zwangsläufig und absichtslos ins Leben der anderen. Vor allem abends werden die fremden Wohnzimmer oder Küchen zu kleinen, ausgeleuchteten Bühnen, deren Szenen in die Nacht strahlen. Und diese Szenen haben sich ziemlich verändert. 

Noch vor ein paar Jahren schienen wahlweise der Fernseher oder der Küchentisch das Zentrum der Wohnungen zu sein. Entweder haben die Menschen in der Küche gegessen und geplaudert oder im Wohnzimmer ferngesehen. Dieses Setting hat, so scheint es, seine Bedeutung verloren. Jetzt steht ganz häufig im Wohnzimmer oder in der Küche ein Laptop auf dem Tisch. Es steht da wie ein Ersatzkaminfeuer, das den einsamen Surfer mit der Farbe der jeweiligen Webseiten beleuchtet. Natürlich wissen wir, dass das Gerät der Kontakt zu Tausenden anderen einsamen Surfern ist, wir benutzen es ja selbst. Aber erst beim Blick in die fremden Wohnungen stellt man fest, wie es aussieht. So fahl. So einsam, dass man sich wünscht, gleich möge jemand beim Surfer an der Tür klingeln und zumindest fragen, was er denn da macht. Was er isst. Wie er seinen Abend verbringt.


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filzkopf
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Mag ich Mag ich nicht

-1

24.08.2011 - 19:41 Uhr
filzkopf

Sollte man doch einfach mal machen!
Leute kennen lernen 2.0 oder so...
Und vielleicht entstehen dabei richtig interessante Gespräche und Freundschaften.

KOS
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Mag ich Mag ich nicht

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24.08.2011 - 20:50 Uhr
KOS

Treffend beobachtet und einfühlsam beschrieben. Dunkelheit, Einsamkeit, fahle Farben ... fast schon romantisch (nicht im modernen Wortsinn).

Hendrix4
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Mag ich Mag ich nicht

1

24.08.2011 - 22:31 Uhr
Hendrix4

Das Internet ist ein Ersatz für die Einsamkeit.

Dienstmercedes
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Mag ich Mag ich nicht

1

24.08.2011 - 22:58 Uhr
Dienstmercedes

Keiner dabei, der sich gerade einen runterholt? Unwahrscheinlich. Höchst unwahrscheinlich.

lady_dawn
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Mag ich Mag ich nicht

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24.08.2011 - 23:20 Uhr
lady_dawn

Warum da gleich die Einsamkeit ins Gespräch kommt,
ist mir völlig unklar.
Es gibt einfach Nachteulen, die eben nachts vor dem Computer sitzen - manche sogar gern (denn wer zwingt sie dazu).

Vielleicht ist das Computerprogramm spannender als das Fernsehprogramm...

majia
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Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2011 - 08:21 Uhr
majia

wenn ich spätabends menschen vor dem pc sehe, denke ich immer, sie arbeiten noch und fühle mich dann irgendwie faul...an einsamkeit denke ich nicht.

lillimarleen
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Mag ich Mag ich nicht

-1

25.08.2011 - 08:39 Uhr
lillimarleen

wohnungen von fremden leuten anzukucken finde ich auch immer sehr spannend. zum beispiel bei der wohnungssuche, wobei das leider immer eher eine stresssituation bedeutet. aber ich habe mich auch schon immer gefragt wie es ist in der altstadt zu wohnen oder direkt an der theresienwiese.

in ansätzen gelingt es ja auch schon, bei den hofflohmärkten oder straßenfesten die häuser und bewohner anderer viertel kennenzulernen. besonders in vierteln mit gutem nachbarschaftszusammenhalt wie im westend oder haidhausen gibt es auch immer wieder veranstaltungen die es erlauben, mal hinter die häuserfassaden sehen zu dürfen.
mehr davon!!!!

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2011 - 09:46 Uhr
octopussy

hm. macht schon ein bisschen nachdenklich. Aber: im Internet hat man immerhin noch Kontakt zu anderen Menschen. Sitzt man nur vor der Glotze, fehlt dieser.
Ja, alleine zuhause vorm Rechner sitzen mag einsam erscheinen. Ist es sicher auch manchmal. Aber ich telefoniere nun mal nicht mit meinen Freunden in Berlin, Stuttgart, Australien, Neuseeland, Dresden, Südamerika... da verbinden einen nun mal besser die Mails oder andere Kommunikationsplattformen.

esth11
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Mag ich Mag ich nicht

-1

25.08.2011 - 11:15 Uhr
esth11

wohnt man in einer dachwohnung wie ich, weiss man, wie die nachbarn ihre abende verbringen, ob man will oder nicht.
es gibt da zb einen, der hat gegenüber von sich am küchentisch einen fernseher auf dem stuhl platziert. irgendwie muss man sich unterhalten während dem essen.

wach-und-klar
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Mag ich Mag ich nicht

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25.08.2011 - 11:33 Uhr
wach-und-klar

allein != einsam

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peter-wagner unbekannt

peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


München