08.08.2011 - 18:30 Uhr

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Ampersand

Text: melan

Ich weiß nicht, sagte Liebchen, wo oder wie man diesen Feststeller für Fenster und Türen der Tiger DBPa anbringen soll. So jedenfalls zerstört er die Gummilamellen dieser Tür. Außerdem frage ich dich nicht noch einmal, ob du das Calcium genommen hast wegen der erhöhten Sonneneinstrahlung.

Ich hatte das Calcium nicht genommen, ich hatte das Fachinger nicht getrunken, ich hatte den Schmetterling nicht gerettet, ich hatte im Unwetter, das letzte Nacht über die Insel zog, nicht geschlafen, sondern im Halbwachen fantasiert, ich hätte einen Mord begangen.

Ich sah vom Balkon, wo die Terrakottatöpfe stehen, auf das Ende der Gartenstraße, an dem das Farbengeschäft meiner Großtante (ein bösartige Frau) stand, und dahinter lag das Haus, in dem sie gewohnt hatte bis zum Ende, und in dem meine Schwester und ich sie als Kinder im Spätsommer immer hatten besuchen müssen, wobei wir ins staubigste Zimmer des Hauses gelegt wurden, welches das mit den Büchern war. Dort hatte ich einen billig aufbereiteten Bildband der Insel gefunden und auf einer alten Fotografie das Haus in der Gartenstraße wiedererkannt und mich gewundert darüber, dass anstelle des Familiennamens meiner Großtante, welches auch der Mädchenname meiner Großmutter war, über dem Eingang des Farbengeschäfts der Name: Benjamin van der Wal prangte.

Liebchen fragte mich, ob wir heute essen gehen würden, dann müsse er noch das Après Soleil-Spray auftragen, man gewönne es aus Kaktusextrakt, und es sei wohltuend und feutchtigkeitsspendend. Dann suchte er mir einen Hut. Ich sagte, wenn es wohltuend sei, solle er es ruhig auftragen, wenn wir essen gingen, würde er nach Kaktus riechen, das röche ich allemal lieber, sagte ich, als den Geruch den die dicke Fischköchin um sich trug und in deine Augen blicke ich und es ist immer Muschelzeit in ihnen. Liebchen sagte, der Archivar Ampersand sei ihm unheimlich und auf dem Dach seines Hauses hätten mehr Krähen gesessen als auf jedem anderen Haus.

Ich aber sagte, vor den Krähen hätte ich keine Angst, die Möwen seien es, die ich fürchte! Und ich erzählte auch, wie ich im kleinen Weiher im Park neben der Waldkirche zum ersten Mal in meinem Leben ein schwarzes Schwanenpaar gesehen hatte. Als Kind, sagte ich, habe ich die Insel geliebt und die endlosen Spaziergänge durch die Salzwiese am Ostende, in der überall zwischen den lilafarbenen Blüten der Strandaster, tote, teilweise von irgendeinem Tier abgenagte Hasenskelette gelegen hätten und einmal sogar, an einer Stelle von der aus man schon Baltrum sehen konnte, eine tote Robbe, nur eine und ohne Schädel und umhüllt von jener seltenen Mischung aus Nebel und Gischt, die es hier im Herbst schon mal gibt. Schließlich gestand ich, während Liebchen sich die Sonnenbrille aufsetzte und neben mir stand in seinen unglaublich kurzen Hosen, dass ich Ampersand sehen wolle, um zu wissen, wer Benjamin van der Wal gewesen sei, der vor meiner Familie in der Gartenstraße 2 gewohnt habe, und der aus irgendeinem Grund die Insel mit seiner Familie hatte verlassen müssen. Von Ampersand wusste ich immerhin, dass meine Vorfahren eine Reihe von Inselvogten gestellt hatten, bevor sich einer von ihnen an einer gestrandeten Barke bereichert und die Ladung unter den Insulanern verteilt hatte, anstatt sie, wie es sich gehört hätte, samt und sonders dem Haus Hannover zuzustellen.

Meine Großtante, die ich damals nach van der Wal fragte, hatte einen Blick mit meiner Großmutter gewechselt, die aber wie zumeist unverwandt in die Leere blickte, und gesagt, von Benjamin van der Wal und von seiner Familie wisse sie nichts. Da habe, sagte ich Liebchen, meine Oma geblinzelt, als würde sie sich an etwas erinnern, und habe gesagt, dass doch die Frau von Benjamin van der Wal die ganze Nordsee, die Insel und besonders unsere Familie verflucht habe, als sie die Insel verließen. Warum die van der Wals die Insel hatten verlassen müssen, sagte mir meine Großmutter, die von ihrer älteren Schwester einen so vernichtenden Blick erhalten hatte, dass sie, zart und verträumt wie sie immer gewesen war, zu zittern begann, freilich nicht. Dafür aber das der Fluch der Frau von van der Wal etwas mit ewiger Langeweile zu tun gehabt habe, und dass sie auf Grund ihrer eignen Erfahrung nie an der Wahrhaftigkeit dieses Fluches habe zweifeln können. Schluss nun, hatte meine Großtante gezischt, wir müssen zum Priester.

Der Priester, auch daran erinnerte ich mich erst durch Ampersands Insel-Archiv, war ein katholischer Pfarrer vom Festland. Ich erinnerte mich, dass meine Mutter einmal erzählt hatte, dass sie sich immer gewundert hatte, warum, als sie ihrerseits als Kind die Insel besuchte, auf der ihre Mutter, meine Großmutter, ja schon lange nicht mehr lebte, die Nachbarin, die einen Pleines geheiratet hatte und mit der wir auf eine unergründliche Weise verwandt waren, die Familie meiner Großmutter und ihrer Schwester immer Katholikenjuden genannt hatte, und sie sich davor nie gewundert hatte, dass ihre Familie mütterlicherseits mit großem Selbstbewusstsein katholisch war, obwohl sie mitten in der nördlichen sogenannten katholischen Diaspora gelebt hatte. Genauer gesagt, konnte Ampersand mir anhand seiner Bücher nachweisen, waren die Familie meiner Großmutter und ihrer fünf Geschwister, sogar fast die einzigen Katholiken auf der Insel gewesen, und die kleine Pfarrkirche wäre 1884 hauptsächlich für Kurgäste eingerichtet worden. Erst 1974 wurde die sie offiziell zu einer Pfarrgemeinde, die sich damals immer noch hauptsächlich aus Mitgliedern meiner Familie und dem Zuzug von Heimatvertrieben zusammensetzte.

 

Wir gehen also essen, sagte Liebchen und seufzte, dann suchte er nach der Sprayflasche mit dem Après-Soleil und bald roch ich Kaktusblüten, die der salzige Wind wegwehte, und die Quallen trieben an den Strand, und die Muschelschalen auf den Wegen um die Waldkirche herum krachten unter den Schritten, und eines Tages würden die toten Hasen der Salzwiese auferstehen und Rache üben und ein Heer kopfloser Robben wird gegen die Deiche anschwimmen und wir und Unsergleichen, all die, die unendlich in die Leere starren können, werden Erlösung erfahren oder die uns gebührende Buße. Deswegen, sagte ich zu Ampersand und dem Priester, sollt ihr die Möwen fürchten.





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gebrocheneslicht
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Mag ich Mag ich nicht

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08.08.2011 - 15:13 Uhr
gebrocheneslicht

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Wen Bier hindert, der trinkt es falsch. (Benn)