04.08.2011 - 18:30 Uhr

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Die Alltagsmissionare

Text: philipp-mattheis - credit: complize / photocase.com

Sie essen kein Fleisch mehr, haben mit dem Rauchen aufgehört und trinken nur in Maßen. Was die Bücher "Tiere essen" und "Endlich Nichtraucher" aus einst angenehmen Zeitgenossen machen

Der IQ eines Schweins ist so hoch wie der eines geistig behinderten Kinds. Das war das erste, was Paul sagte, als ich ihn auf der Grillfeier traf. Es folgte weitere Satzmonster wie: „Manchen Hühnern wird nur der halbe Kopf weggesäbelt“ und „Fische sind sehr sensible Lebewesen.“ Paul ist seit zwei Wochen Vegetarier. Es war dies der Tag, als er „Tiere essen“ von Jonathan Safran Froer zu Ende gelesen hatte. Seitdem dreht sich jede Konversation, an der Paul beteiligt ist um die Rechtmäßigkeit des Fleischverkehrs. Paul ist zum Alltagsmissionar geworden und Fleisch ist sein Konversations-Brandbeschleuniger. Man muss nur „Ich esse kein Fleisch mehr sagen“ und schon prasseln die Sätze von allen Seiten herein. Niemand kann nichts mehr sagen. „Iss halt Bio-Fleisch“, sagte Paul’s Freundin, woraufhin Paul entgegnete, Bio- und Nicht-Bio-Schweine werden im selben Schlachthof gemordet. Ein anorektisch aussehendes Mädchen stimmte Paul sofort zu. Ein anderes sagte: „Professor G. bot im nächsten Semester ja ein Seminar zum Thema „Fleisch“ an.“ Da ginge es aber um Sex, wirft eine dritte ein. Ein Junge mit vielen Mitessern auf der Nase schob sich ein mariniertes Stück Tier in den Mund und schmatzte: „Ich könnte nie auf Fleisch verzichten“, woraufhin das anorektisch aussehende Mädchen angewidert den Kopf verdrehte. Bis auf den Jungen mit den vielen Mitessern auf der Nase konnte kein Mensch mehr auf der Grillfeier gedankenlos sein Fleisch essen. Die einen fühlten sich besser, weil sie schon seit ihrem vierten Lebensjahr nicht mehr zur Gruppe der Karnivoren gehörten, die anderen kauten trotzig bis konsterniert auf ihrem Lamm, Huhn und Schwein herum. Und eine Hundehalterin streichelte hektisch ihren Dackel, als sei es ein Baby, das sie vor einer Menschenfresser-Miliz schützen müsse. Paul ist die dritte Person in meinem Bekanntenkreis, die durch „Tiere essen“ zum Vegetarier geworden ist. Ich habe Angst vor diesem Buch. Ich mag Bücher nicht, die funktionieren, und aus Menschen Alltagsmissionare machen. Ich habe den Verdacht, dass Alltagsmissionare dieselben Prototypen von Mensch sind, die vor 300 Jahren rothaarige Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätten.
„Tiere essen“, sagt Paul, erzählt einem nur das, was man eh schon weiß. Dass wir zuviel Fleisch essen, dass das ungesund ist und dass Sterben halt immer eine unappetitliche Sache ist, weil das Elektrobad, durch das die Hühner geschwenkt werden, nur 95 Prozent der Hühner tötet. Der Rest lebt noch irgendwie weiter, bis die Kopfabsäbelmaschine den Rest erledigt. Aber genau das ist ja das Schlimme! Ich meine nicht das Elektrobad (das ist natürlich auch schlimm), sondern die Tatsache, dass bereits bekannte Fakten wiederholt werden, die plötzlich eine Verhaltensänderung bewirken. „Tiere essen“ ist ein Bestseller, Froer ist zum Millionär geworden, nur weil er alles noch mal prägnant zusammengefasst hat. Andere Alltagsmissionare haben „Endlich Nichtraucher!“ von Allan Carr gelesen, (das ich übrigens schon dreimal angefangen, aber nie zu Ende gelesen habe). Zündet man sich eine Zigarette an, sagen die: „Die brauchst du gar nicht. Bildest du dir nur ein. Wirklich. Ist so.“ Man kann das noch ignorieren, auch wenn man sagen möchte: Hast du nicht die letzten 15 Jahre 20 Zigaretten am Tag geraucht? Im Laufe des Abends wird der zum Nichtraucher bekehrte Alltagsmissionar betrunken. Riecht er in diesem Zustand Rauch, schäumt der ganze Eifer über und er brüllt: „Verdammt, du bildest dir nur ein, dass du süchtig bist! Hör endlich auf!“. Der Vegetarier schreit: „Ist dir bewusst, wie viel Gift in diesem Stück Huhn drinsteckt? Dioxine, Antibiotika alles?“ Dem betrunkenen, Ex-Raucher-Vegetarier möchte man in diesem Moment das Buch „Endlich ohne Alkohol!“ oder „Jetzt ist es genug! Leben ohne Alkohol“ empfehlen, damit er Ruhe gibt. Aber nur in diesem Moment erscheint meist jemand, der stolz erzählt, er mache gerade eine dreimonatige Alkoholpause und seitdem laufe alles in seinem Leben viel besser. Alltagsmissionaren kann man ihre Abstinenz schwer übel nehmen, sie tun ja das Richtige. Sie schaffen das, was man sich selbst an Sylvester vornimmt, aber nie einhält. Alltagsmissionare sind bewundernswerte Menschen, nur leider führen sie einem mit aggressiven Methoden die eigene Schwäche vor Augen. Deswegen will man Alltagsmissionare zumindest in Momenten, in denen man sich gehen lassen möchte, nicht in seiner Nähe haben. Ein Alltagsmissionar auf einer Party ist wie Handwerker um sieben Uhr morgens. Sie tun das Notwendige und Richtige – trotzdem möchte man sie im Vorhof der Hölle brennen sehen.


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Bolm
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Mag ich Mag ich nicht

-1

04.08.2011 - 18:50 Uhr
Bolm

Die meisten Alltagsmissionare sind einfach Vollidioten, die ein Buch über irgendwas gelesen haben und sich nun "promovierte Wissenschaftler" in eben diesem Bereich als Plakette anhängen. Und wie heuchlerisch ist es denn bitte, wenn man anderen sagt, sie sollten aufhören zu Rauchen und gleichzeitig kippt man den Ethanol in sich hinein. Solchen Menschen möchte ich einfach eine reinhauen. Alles Hobbypussies, die sich für was besseres halten ohne wissenschaftlich auf dem Niveau eines Kindes zu sein.
Kein Alkohol und kein Nikotin kann ich so unterstreichen und das kann man genauso auch durch Paper belegen, jedoch geht mir diese Antifleisch-Bewegung gehörig auf den Senkel. Wenn dich das System des Tierermordens stört, kannst du immer selbst schlachten oder jagen (entsprechende Lizenz vorrausgesetzt). Der Körper ist nun einfach so aufgebaut, dass wir zumindest zum Teil carnivor leben sollten. Aber okay, esst ruhig weiter eure Salatblätter und kaut auf den Paprikastückchen herum, Proteine werden sowieso überbewertet. Sagt euch bestimmt auch jeder Naturwissenschaftler mit Ahnung über Stoffwechselwege. Pff... Silverstervorsätze? Weiterhin kein EtOH und kein Nikotin, dafür beim (zumeist weißen) Fleisch bleiben!

_Anton_
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Mag ich Mag ich nicht

2

04.08.2011 - 19:09 Uhr
_Anton_

Alltagsmissionare sind nun wirklich nervige Zeitgenossen, da stimme ich dir vollkommen zu.
Nicht aber darin, dass „Tiere essen" nur das erzählt, was man eh schon weiß.
Ich bin durch das Buch auch zum 90%-Vegetarier geworden - aber weniger wg. der eigentl. jedem bekannten Schlachthaus-Grausamkeiten - sondern v.a. weil es mir erstmals den historischen Irrsinn des immer gewaltigeren weltweiten Fleischkonsums klar gemacht hat.

Meiner Meinung nach soll jeder ganz alleine für sich selbst entscheiden, ob/wieviel Fleisch er essen will. Aber jeder sollte sich darüber bewusst sein, was das eigentl. bedeutet - und sollte also bspw. "Tiere essen" gelesen haben..

regenbogenregina
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Mag ich Mag ich nicht

4

04.08.2011 - 19:11 Uhr
regenbogenregina

...die Rechtmäßigkeit des Fleischverkehrs...


Na, da hast du wohl an etwas anderes gedacht, als du diesesn Artikel geschrieben hast!

libelle
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Mag ich Mag ich nicht

3

04.08.2011 - 19:14 Uhr
libelle

allerdings heißt der gute jonathan safran immer noch "foer", nicht "froer" ;)

Alasiaperle
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Mag ich Mag ich nicht

1

04.08.2011 - 19:30 Uhr
Alasiaperle

Ich emfehle die Bücher von Carr nur wenn jemand aufhören möchte. Aber auf eine Party predigen - nee. Da läuft etwas falsch.

Mila81
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.08.2011 - 19:32 Uhr
Mila81

über den Fleischverkehr bin ich auch gestolpert :D

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Mag ich Mag ich nicht

0

04.08.2011 - 19:34 Uhr
Mila81

Ich hab das Gefühl das 70% aller Kommentare unter so Redaktionstexten aus Hinweisen auf Rechtschreibfehler oder falschen Satzbau oder was auch immer bestehen

voiceofregret
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.08.2011 - 19:47 Uhr
voiceofregret

Mila81 sagte:
Ich hab das Gefühl das 70% aller Kommentare unter so Redaktionstexten aus Hinweisen auf Rechtschreibfehler oder falschen Satzbau oder was auch immer bestehen


so ist es - sIlvester.

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Mag ich Mag ich nicht

1

04.08.2011 - 19:49 Uhr
voiceofregret

Bolm sagte:
Der Körper ist nun einfach so aufgebaut, dass wir zumindest zum Teil carnivor leben sollten. Aber okay, esst ruhig weiter eure Salatblätter und kaut auf den Paprikastückchen herum, Proteine werden sowieso überbewertet. Sagt euch bestimmt auch jeder Naturwissenschaftler mit Ahnung über Stoffwechselwege.



gottseidank weiß der naturwissenchaftler auch, wie das mit dem stoffwechsel, proteinen in lebensmitteln etc. wirklich ist.

moondog
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Mag ich Mag ich nicht

6

04.08.2011 - 19:51 Uhr
moondog

uch, ja, ich kenn auch ne Reihe von Leuten, die durch "Tiere essen" zumindest bewusster Fleisch essen bzw. reduzierter. Find ich jetzt nicht schlecht.

Zum Thema Alltagsmissionare: Leute, die denken sie ständen irgendwie moralisch höher und hätten daher das Recht ungefragt Ratschläge zu geben wie ich mein Leben zu leben habe? Danke, nein.

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