03.08.2011 - 18:30 Uhr

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Im Penthouse

Text: melan

Zu den Klängen des Warschauer Symphonie-Orchesters, das aus dem Kurhaus hinauf zu uns im Penthouse dringt, blicke ich von der Dachterasse über das Meer, während im Hintergrund Liebchen sich Sylter Salatfrische auf den Sonnbrand löffelt, und ich denke an den Parsifal.

Ein großer Schmetterling, den ich schon dreimal befreit habe, fliegt durch die großen Türen und setzt sich auf den Tisch aus Acryl, neben die zwei Flaschen Fachinger Heilwasser, das die Darmreinigung fördert – auf natürlichem Weg

Ich lasse mir vom Liebchen den Sonnenbrand zeigen, ich probiere die Sylter Salatfrische, ich rede von den Blaubeeren und dem Sanddorn und den Ebereschen und am Wasser die Strandquecke, rede vom Meersenf, dem Strandhafer, dann im Argonnerwäldchen der Sonnentau, der Königsfarm, der Keulen-Bärlapp und das Hunds-Veilchen … ich könnte für immer so weiter machen, aber ich lasse es, denn ich bin klug genug und weiß, wohin meine Langeweiligkeit die Menschen treibt.

Über uns sind die Woken verschwunden und die Sonne geht unter und das Warschauer-Symphonie-Orchester hört zu spielen auf, ich sage "die Wunde schließe nur der Speer, der sie auch schlug und ich gehe einmal die ganze Dachterasse rundherum um das Penthouse und hinter mir nehme ich die Salatfrische wahr, sie folgt mir, und ängstlich schaue ich mich nach Möwen um. 

Von der Ost-Seite kann ich bis auf das Farbengeschäft sehen, das einmal meinem Urgroßvater gehört hat, und vor dem, wie man sagt, mein Großvater meiner Großmutter das erste Mal ansichtig wurde.

 



Ich habe nur Angst vor den Möwen, nicht vor den Enten, den Amseln, den Sperlingen, den hier immer häufiger auftretenden Dohlen, den Krähen, den Kiebitzen, dem Knutt, oder den Austernfischern, den Strandläufern und Schnepfen, schon gar nicht vor der überaus scheuen Brandgans, den Rotschenkeln, den Eider- Trauer- und Moorenten, der Küstenschwalbe, dem Goldregenpfeifer den Steinschmätzer und der Rohrdommel, nicht mal vor den Falken und Eulen oder den dicken Fasanen. Ich könnte noch ewig so weiterreden, wie meine Großtante, die vor ihrem Haus neben dem Farbengeschäft Rass sitzend – selber die letzte Rass – alle Straßen ihrer Heimatinsel hin- und herschaukelnd in alphabetischer Reihe aufsagen konnte, wie sie es nach dem Krieg, wenn die Milch verteilt wurde, immer getan hat. Meine Großtante lebt nicht mehr und man sagt, auf der Insel sei man darüber nicht traurig und es hängt ein Schloss vor dem blauen Gartentor und ein anderer Name steht über dem Farbengeschäft Rass. 

Meine Ankunft, so heißt es, sei mit einigem Misstrauen beobachtet worden.

Von draußen ist Liebchen wieder in die Küche gegangen und schaufelt Quark über den Sonnenbrand und isst ein paar Heidelbeeren. Ich weiß, wozu die Langweiligkeit meiner Familie die anderen gebracht hat, und man muss schon blind sein, es nicht zu sehen.

Morgen um 10.30 Uhr, sagt Liebchen, spielt wieder das Warschauer Symphonie-Orchester, wir können hingehen. Natürlich sage ich, aber ich vermute, bis dahin wird irgendwer gekommen sein und uns, die wir unerträglich sind, erschlagen haben, außer einer Hausdame schaut hier nie jemand vorbei. Ich weiß, wozu Hausdamen fähig sind. Und daher fürchte ich die Möwen, weil sie wie Geier sind, und sie vermehren sich schrecklich auf dieser Insel. Hinter den großen Fenstern, wird noch eine Weile der große Schmetterling auf dem Acryltisch sitzen, neben den Fachinger-Flaschen und irgendwann sterben - auf natürliche Art. Man könnte sagen, wenn ich jetzt nichts unternehme, kommt für ihn jede Hilfe zu spät.


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barrabarra
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Mag ich Mag ich nicht

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08.08.2011 - 09:40 Uhr
barrabarra

ach, melan !

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melan

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Wen Bier hindert, der trinkt es falsch. (Benn)