Fight the power! Hacken als Live-Spektakel in Echtzeit
Der Angriff auf die Webseiten von Rupert Murdoch zeigt eine neue Dimension der Protest-Kultur im Internet.
Sie kletterten auf Türme, sie ketteten sich an Gleise und sie hängten Protest-Plakate an Firmengebäude - es ist noch gar nicht so lange her, dass Aktivisten von Greenpeace spektakuläre Demonstrationsformen wählten, um ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Heute scheint Umweltschutz eine politische Selbstverständlichkeit, der Greenpeace-Protest hat sich ins Internet verlagert, wo die Umweltschützer mit viralen Methoden gegen den CO2-Ausstoß von Automobilherstellern protestieren.Man kann darüber streiten (wir haben das in ähnlicher Form hier schon auf jetzt.de getan), ob man die zahlreichen Hacker-Angriffe der vergangenen Wochen und Monate mit den Greenpeace-Aktionen der frühen 1980er Jahre vergleichen darf. Worüber man nicht streiten kann: Das Hacken ist zu einem der wichtigsten Themen der politischen Agenda im Sommer 2011 geworden.
Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass auch der täglich absurder anmutende britische Abhörskandal um das Boulevard-Blatt News of the World als Hack firmiert: „Phone-Hack“ wird das systematische Abhören von Telefonaten durch Journalisten betitelt - obwohl die Hacker von Anonymous oder LulzSec ganz sicher kein Interesse daran haben, mit den Machenschaften des Murdoch-Konzerns verglichen zu werden. Den Beweis dafür lieferten sie in der Nacht zu Dienstag als sie ihren Widerstand via Twitter und auf der ebenfalls zu Murdoch gehörenden Website der Sun artikulierten.
Dafür kletterten sie auf den Turm des virtuellen Firmengebäudes und hängten vor die gesamte Häuserfront ein Plakat ihres eigenen Twitter-Feeds – auf den wurde jeder umgeleitet, der gegen Mitternacht deutscher Zeit die Site thesun.co.uk besuchen wollte. Möglich wurde das, weil die Hacker sich Zugang zu dem Gebäude (also dem Backend der Website) verschafft hatten und sozusagen auf dem Dach der Firma tun und lassen konnten, was sie wollten. Dort oben lieferten sie sich ein Wettrennen mit den Administratoren der Sun, das sie auf ihrem Twitter-Feed vor den Augen von rund 300.000 Followern dokumentierten. Durch diese Live-Übertragung bekam die Aktion im auf Echtzeit fixierten Internet einen besonderen Charakter. „Du bist dabei“, sagte jeder neue Eintrag, „Du kannst mitverfolgen, wie die gesichtslosen Wenigen denen da oben zeigen, dass sie nicht alles nach ihren Vorstellungen gestalten können. Du bist Teil des Widerstands.“
Neu war nicht nur, dass der Angriff live dokumentiert wurde (und Thema der Fernsehnachrichten wurde). Neu war auch die humorvolle Begleitung, in der die Hacker mit den überkommenden falschen Bilder der dunklen Nerds aufräumten. Hier waren offenbar Menschen am Werk, die die popkulturellen Bezugsysteme ebenso beherrschen wie die Datenbank-Dumps, um Zugangsdaten auszulesen.

Mit den Worten "We have joy we have fun, we have messed up Murdoch's sun" spielten sie zum Höhepunkt ihres Hacks nicht nur auf das Joy-Motiv ihres Tuns ("for the lulz") an, sondern stellten den Titel des britischen Boulevard-Blatts in den Kontext des 1970er Jahre Hits "Seasons in the Sun". Als Soundtrack für den Angriff der vergangenen Nacht wählten sie allerdings einen jüngeren Song, das Lied "Libera Me Form The Hell" aus der Animee-Serie Gurren Lagann. Darin hört man eine männliche Rapstimme, die gegengeschnitten zu einer weiblichen Opernstimme drohend ruft: "Do the impossible / see the invisible / fight the power! / touch the untoucheable / break the unbreakable".
Diesen Widerstands-Charakter des Umleitungs-Hacks darf man nicht unterschätzen. Denn genau diese Haltung gegen das Establishment, gegen "die da oben" und konkret den bösen Murdoch, lässt den Angreifern die Sympathie zumindest aus dem Netz zufliegen. Sie macht zu weiten Teilen auch den Zauber aus, der viele Twitter-Nutzer heute Nacht wie eine spannende TV-Übertragung bannte. Nimmt man die hohe Anzahl an Retweets als Maßstab, muss man annehmen, dass nicht wenige Menschen mit dabei waren. als LulzSec dem mächtigen Murdoch demonstrierten, dass sie auch Macht haben - zumindest diejenige, eine seiner Webseiten für eine Weile umzuleiten.
Der Account erläuterte jedenfalls im Verlauf der Nacht, dass es an der Zeit gewesen sei, das Rotwein-Glas, das die zum Logo der LulzSec avancierte Figur hält, wegzustellen und aktiv zu werden:

Mit dieser Aktivität fanden die Hacker im Laufe der Nacht mehr als 30.000 neue Follower. Denen beschrieben sie den Hack als "high quality entertainment" einer neuen nicht zu stoppenden Generation, die sich auf diese Weise zu Wort meldet.
Ob man diese Form des Protests gut heißen mag oder nicht, sicher scheint: Die Nacht zum 19. Juli 2011 markiert einen wichtigen Schritt im Wachsen einer neuen Protest-Kultur im Internet. Und es wird nicht ausreichen, im Umgang damit auf die Unrechtmäßigkeit ihres Tuns zu verweisen.
Mehr zum Thema auf jetzt.de:
>>> Das Porträt des Fake-Accounts RupertMurdochPR
>>> Der Tagesticker zur Frage: Liest du Boulevard-Zeitungen?
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Wer immer von " "die da oben" " redet stuft sich selbst freiwillig als " die ganz unten " ein.Kein Wunder wenn man dann meint "die da oben" würden alles machen "wie sie wollen".Stammtischparolen olé!








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19.07.2011 - 21:01 Uhr
t_b
Ich warte auf den Cyber War derweil.