13.07.2011 - 18:30 Uhr

3 49 Über Twitter weiterempfehlen

"Wir wollen einen Schutzraum bieten"

Text: christian-helten

Vor zwei Wochen hat jetzt.de eine Fotoslideshow und einen Text über die Blumenau veröffentlicht. Es ging um eine Messerstecherei, bei der 2009 der 24-jährige Efdal K. erstochen wurde, um die Aufarbeitung der Tragödie bei den Jugendlichen im Viertel. Daraufhin gab es eine rege Debatte auf jetzt.de, und auch im Freizeitheim „Treff 21“, in das viele der Jugendlichen, die an der Schlägerei beteiligt waren, zum Boxtraining kamen. Die Leiterin des Treffs, Anke Reincke, und Sozialpädagoge Philipp Nägele sprechen über ihre Arbeit und Reibereien mit den Jugendlichen.


 
jetzt.de: Der Treff 21 soll ein Schutzraum für die Jugendlichen sein. Was genau bedeutet das?
Reincke: Die wichtigste Regel ist, dass hier niemand abgewertet wird und keine Gewalt stattfindet. Darunter fällt auch jegliche Art von Mobbing.
Nägele: Wir setzen hauptsächlich einen Kontrapunkt. Es gibt für die Jugendlichen verschiedene Bezugskreise: Den Stadtteil, die Schule, den Freundeskreis, die Familie. In den meisten dieser Kreise geht es wesentlich rauer zu als bei uns. Ein Beispiel: Es kommt immer wieder vor, dass die Polizei auf den Schulhof kommt, weil es so krasse Schlägereien gibt, dass Leute ins Krankenhaus müssen. Letztlich wollen wir zeigen, dass man auch anders miteinander umgehen kann. Wenn hier also einer den anderen „Opfer“ oder „schwule Sau“ nennt, thematisieren wir das.
 
jetzt.de: Was machen Sie genau?
Nägele: Ich frage ihn: Was ist denn überhaupt ein Opfer oder ein Schwuler? Fragen funktioniert da besser als belehren. 
 
jetzt.de: Es gibt aber auch Hausverbote bei Ihnen. . .
Nägele: Richtig, aber ein Hausverbot ist nie willkürlich. Es geht darum, den Schutzraum zu gewährleisten. Das ist eine Frage des richtigen Maßes. Wenn sich jemand einmal daneben benimmt, thematisiert man es. Wenn es massiver wird, gibt es ein Gespräch. Und wenn es nicht aufhört, dann fliegen sie raus. Es gibt da aber keine Standard-Strafen. Deswegen ist die Beziehung zu den Jugendlichen so wichtig. Dann kann man einfach einschätzen, ob jemand nur einen schlechten Tag hat.
 
jetzt.de: Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Pädagogen und Jugendlichen denn beschreiben?
Reincke: Wir suchen pädagogische Fachkräfte, die Lust auf Reibung haben. Das ist ganz wichtig, die Jugendlichen wollen ernst genommen werden und sich auseinandersetzen.
Nägele: Freundschaft ist es sicher nicht, und das darf es auch nicht sein. Loyalität, Empathie und Parteilichkeit für die Jugendlichen müssen natürlich da sein. Man muss ihre Sorgen kennen, aber auch Grenzen setzen können.

jetzt.münchen: Ihre Kernaufgabe sind die 10- bis 18-Jährigen. Früher gab es noch das Boxtraining für die Älteren, das aber wegen schlechter Kommunikation mit dem Trainer eingestellt wurde. Manche haben das nicht verstanden.
Nägele: Das Boxtraining ist ein großartiges Angebot, das wir auch wieder beleben wollen. Der Trainer kommt aus dem Stadtteil und hat eine ähnliche Geschichte durchlaufen wie die Jungs und ist ein Vorbild. Er hat also eine Kompetenz, wir haben die Räumlichkeiten. Nur braucht dieses Zusammenspiel Regeln. An manche hat er sich nicht gehalten. Das sind Probleme, die man lösen kann. Aber dazu muss man miteinander sprechen, was zum Schluss nicht mehr möglich war.
 
jetzt.de: Ist das ein grundsätzliches Problem? Dass Engagement an Regeln scheitert, die Sie als Einrichtung befolgen und vorgeben müssen?
Nägele: Wir stecken da auch in einem Dilemma. Unsere Entscheidung war, abgestimmt mit dem Jugendamt, als Kernklientel die 10- bis 18-Jährigen anzusprechen. Wenn wir jetzt den Donnerstag und den Freitag für die Älteren bis 27 öffnen, dann gehen die Jüngeren raus und ziehen sich zurück. Deswegen müssen wir es ausgewogen halten. Das sehen viele aber nicht. Sie sehen: Wir machen zu wenig für die Älteren.
Reincke: Das Dilemma für uns ist, dass der Bedarf im Stadtteil so groß ist, dass der Treff 21 nicht für alle Zielgruppen da sein kann. Deswegen wurden ja auch Streetworker für die jungen Erwachsenen ab 18 Jahren in den Stadtteil geholt.
jetzt.münchen: Gibt es konkrete Pläne, das Boxtraining wieder einzuführen?
Nägele: Zunächst überlegen wir, Ende des Monats hier eine Podiumsdiskussion machen, mit Vertretern der relevanten Gruppen, also vom Treff 21, von der Boxgruppe und den Streetworkern. Davon erhoffen wir uns, die verschiedenen Gruppen wieder in einen Dialog zu bringen. Am Ende könnte ein Ausblick stehen, wer nach der Sommerpause des Treffs das Boxtraining übernehmen könnte und wie es ablaufen könnte.
 
jetzt.de: Vor zwei Jahren gab es hier eine Massenschlägerei mit einem Toten. Wie haben Sie die Zeit nach dieser Tragödie erlebt?
Nägele: Die Jungs waren danach jeden Tag bei uns. Mit aller Wut, mit aller Traurigkeit, mit aller Verzweiflung. Wir waren in der Zeit danach täglich da und haben Räume zur Verfügung gestellt für Rechtsanwaltsgespräche, Trauerbewältigung und einiges mehr. Glücklicherweise hatten wir vorher schon eine gute Beziehung zu der Clique durch ein Anti-Aggressionstraining, das wir vorher mit ihnen gemacht hatten, weil es in der Vergangenheit massive Probleme gegeben hatte. Wir haben da eine Beziehung aufgebaut, die nach dem Vorfall und Efdals Tod ganz wichtig war.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
christian-helten
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
49 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

edlabyde
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.07.2011 - 20:43 Uhr
edlabyde

Anti-Aggressionstraining?

DerBeatBleibtLinks
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-2

13.07.2011 - 23:45 Uhr
DerBeatBleibtLinks

als ob die irgendjemand ernst nehmen würde...klischee-sozial-arbeiter, mit blonden haaren und dünnen körpern stellen fragen und sagen phrasen, die sie vorgeworfen bekamen von irgendwelchen pseudo-profs, die kein plan von der materie haben...ich kenn das, ich studier selbst den scheiß...ernsthaft: kein kanacke (ich darf das sagen) nimmt so jemanden ernst, is einfach so...

Chestity
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

3

14.07.2011 - 00:22 Uhr
Chestity

DerBeatBleibtLinks sagte:

ich kenn das, ich studier selbst den scheiß...ernsthaft: kein kanacke (ich darf das sagen) nimmt so jemanden ernst, is einfach so...


Dann wär es vielleicht eine gute Idee das Studienfach zu wechseln.Wenn man seine Kollegen nicht ernst nimmt und vorverurteilt wird man von anderen erst recht nicht ernst genommen.

DerBeatBleibtLinks
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-2

14.07.2011 - 02:15 Uhr
DerBeatBleibtLinks

was heißt ernst nehmen: Ich bin der Meinung, dass man als deutscher, schmächtiger Bursche nicht mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeiten sollte, so jemand wird von denen nicht akzeptiert und ernst genommen....gibts ja genügend andere Möglichkeiten, sich sozial zu engagieren...

Chestity
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

14.07.2011 - 02:20 Uhr
Chestity

DerBeatBleibtLinks sagte:
was heißt ernst nehmen: Ich bin der Meinung, dass man als deutscher, schmächtiger Bursche nicht mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeiten sollte, so jemand wird von denen nicht akzeptiert und ernst genommen....gibts ja genügend andere Möglichkeiten, sich sozial zu engagieren...


Klar kann man ernst genommen werden.Das hat nicht viel mit dem Aussehen zu tun, sondern mit dem Auftreten und der eigenen Ausstrahlung.
Wenn man sich als Softie präsentiert ist es wurscht ob es deutsche oder Kinder mit M.Hintergrund sind und egal wie groß und breitschultrig bzw. klein und Hühnerbrüstig man ist.Haben dann durch die Bank weg keinen Respekt.

Das man einen Beruf nicht ausüben sollweil man vom Aussehen vielleicht nicht ins (bzw. dein) Schema passt hört sich schon, naja, diskriminierend an.
Dann landet man nämlich dabei dass alle, die mit Kunden arbeiten bitte nicht stark übergewichtig sein sollen, schaut nämlich nicht so schön aus.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

14.07.2011 - 02:21 Uhr
Chestity

*Ps: Dafür dass du in einem sozialen Bereich arbeiten möchtest (gehe ich mal von aus) zeigst du wenig Empathievermögen und viel Verallgemeinerung.

looqpool
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

14.07.2011 - 03:47 Uhr
looqpool

° Also nein "JUGENDLICHE" und Pfarrer, "Jugendlcihe" und Lehrer,

° was sind Kinder? NEUE in der Staa"D"T - also: aber ist nicht Jede Staa"D"T ist auf ein Verhältnis zwischen JUGendliche und EX_JUGENDLICHE aus, was sich auf das WERT des GRILLGUTES bei Nicht_Stäädter aus einem Alptraum - Eine Blüte das kein Fleisch aß und auch nicht war, sondern nicht richtig aufging. (KEINE TÜR.)

° Und das Wort auch nicht GRAB sondern GARTEN heisst.

° DER ALPTRAUM war: Eine TORTE.

° Also Eur.Opa bloß eine TortenSTAA"D"T das alle HUNDE zu Städter MACHT? - War schon aml 1990 - STAADTHUND hetzt seinen FILMpartner auf Andere STädter und kein AHMT um eine ANzeige aufgeben zu können...

°

Montrose
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

6

14.07.2011 - 06:31 Uhr
Montrose

DerBeatBleibtLinks sagte:
was heißt ernst nehmen: Ich bin der Meinung, dass man als deutscher, schmächtiger Bursche nicht mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeiten sollte, so jemand wird von denen nicht akzeptiert und ernst genommen....gibts ja genügend andere Möglichkeiten, sich sozial zu engagieren...


Nun ja, offensichtlich reichte ja der Respekt dafür, dass wir uns vor einer Woche einen Film anschauen durften, der unter anderem das Geheule von "Kanaken" (Deine Worte) zeigte, dass sie nicht mehr in "ihren" Club dürfen und wie böse das doch ist.

Meines Erachtens hat Respekt nichts mit Körperlichkeit zu tun (denn dann biste nämlich auf der Vollpfostenebene der kleinen Schläger und kannst meines Erachtens - egal wie Du aussiehst - nur verlieren), sondern mit der Qualität des Angebots und der Konsequenz im Handeln.

voiceofregret
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

14.07.2011 - 07:06 Uhr
voiceofregret

edlabyde sagte:
Anti-Aggressionstraining?


eigentlich anti-aggressivitäts- oder anti-gewalt-training.

http://de.wikipedia.org/wiki/Anti-Aggres...

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

4

14.07.2011 - 07:07 Uhr
voiceofregret

@beat:

ich erlebe tagtäglich das gegenteil.

Weiter Seite 1 2 3 ... 5

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

christian-helten unbekannt

christian-helten

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.