Fremdbestimmter Fußball
Die Verantwortlichen des SV Werder Bremen stehen in der Saisonvorbereitung im Lazarett, zählen die belegten Betten und fürchten sich vor einer weiteren nervenbelastenden Saison. Dabei ist klar: Das Trikot war schuld! So schlimm wie letzte Saison kann es gar nicht mehr werden. Oder?
Es sieht düster aus: Nahezu die komplette Abwehr um Naldo, Boenisch, Mertesacker, Prödl und jetzt auch noch Silvestre ist seit sehr langer und/oder für noch einige entscheidende Zeit verletzt, die Kasse ist klamm – und keine drei Wochen mehr bis zum Saisonbeginn in der ersten Runde des DFB-Pokals in Heidenheim. Selbst Tim Wieses Verbleib ist noch nicht endgültig geklärt. Das Tor steht sperrangelweit offen. Die Fachwelt diskutiert, ob das gut gehen kann und der kicker titelt diese Woche: Angst vor dem Mittelmaß. Mit gutem Grund. Es war schließlich immer die Hintermannschaft, die in den letzten Jahren die Negativschlagzeilen bestimmte. Aber eigentlich kann man das so nicht stehen lassen. Spätestens seit es in Südafrika orakelte, und Krake Paul in Sapinaesker Gewissheit Spielverläufe zu prognostizieren vermochte, wurde deutlich: Training, Taktik, Technik – alles Quatsch. Der Fußball ist fremdbestimmt.
In Bremen begann man also nach erfolgreichen Jahren, mit dem Doublegewinn 2004 und dem erneuten Pokalsieg 2009, das von einer ganzen Liga bewunderte ruhige und stabile Umfeld um den Dauertrainer und Oberhanseaten Thomas Schaaf ein bisschen in Schwingung zu bringen. Die orange-grünen Papageientrikots waren seit 2004 verschwunden, denn die erfolgreichen Spieler waren längst selbst bunte Hunde geworden. Die Fremdbestimmung erhielt Einzug mit dem Trikotsponsor betandwin. Das Verbot der Werbung von Wettanbietern im europäischen Ausland führte zur programmatischen Umetikettierung des Logos in we win! Logisch, dass Werder zu einem Aushängeschild für guten Fußball wurde. Der Wechsel zu einer Bank als Sponsor markierte den Beginn eines hybriden Verhältnisses. Werder war eine Bank, wenn es um emotionale und torreiche Spiele ging. Die Devise: Vorne fleißig einnetzen und hinten möglichst eins weniger fangen. Vorläufiges Highlight: Das 5:4 gegen Hoffenheim im Herbst 2008. Aber in Zeiten, in denen Banken für Staatsbankrotte berühmter sind als für sichere Anlagen, ist klar, dass man sich nie zu sicher sein darf.

Im Sommer 2010 wurde diese Ausgangslage dann mit einem wahnwitzigen Trikot garniert. Das neue Trikot zur Saison 2010/2011 sollte durch dynamisches Design in „Blitzoptik“ Aggressivität ausstrahlen. Dem Fan jedoch war sofort klar: Das erinnert an Börsencrash. Das bedeutet hin und her, auf und ab, hoch und tief, den puren Wahnsinn. Das ist zur Brust genommene Unruhe. Das ist der Tabellenkeller vor Augen. Gesagt, getan: Der erste Spieltag endet auf dem letzten Platz. Es folgte dennoch ein halbwegs vernünftiger Start in die Saison, zwischendurch Platz 8. Aber das Trikot versprach mehr. Höher sollte es nicht mehr gehen. Laut Trikot war es Zeit für den Weg nach unten. Also fing man an sich daran zu halten. Pünktlich zum 20. Spieltag dann der erwartete vorläufige Tiefpunkt: Vor heimischer Kulisse wurde Werder von den Bayern höchstpersönlich auf Tabellenplatz 15 begleitet. Nach kurzer Steigerung dann die vom HSV eskortierte Rückkehr am 24. Spieltag. Wieder Fünfzehnter. Der endgültige Tiefpunkt. Zum Glück. Schließlich konnte man zu diesem Zeitpunkt keinesfalls sicher sein, dass die unterste Spitze des Trikotorakels nicht noch weiter nach unten weisen wollte. Klar war lediglich: Das Ende der Saison findet über dem gefürchteten Strich statt. Das versprach das Trikot. Darauf konnte man sich nach bisheriger Bestätigung der Prognosen immerhin verlassen. Unter strenger Verfolgung der Zackentaktik kletterte die Mannschaft so dann auch langsam aus der Gefahrenzone hinaus.
Zwischen der deutlichen Niederlage gegen München (1:3) und der Klatsche beim HSV (0:4) freute man sich in Mainz über das Last-Minute 1:1 wie über einen entscheidenden Sieg. Tim Wiese legte einen Freudensprint hin, wie man ihn zuletzt 2009 nach seinen Glanzparaden im Elfmeterkrimi gegen den HSV im DFB-Pokalhalbfinale gesehen hatte. Durchaus zu Recht. Denn Werder beendete die Spielzeit zwar mit fünf Punkten Vorsprung auf die Gefahrenzone auf Platz 13 der Tabelle und jeder gewonnene Punkt im Saisonfinale schien überlebenswichtig. Aber die Aufregung wäre umsonst gewesen, hätte man das Trikot ernst genommen. Denn am Ende, so steht es dort, landet man wieder obenauf.
Was heißt das also für die kommende Saison? Ordentliches Trikot holen, na klar. Und was haben wir bekommen? Ein Heimtrikot in einigermaßen einheitlichem Grünton mit zwar bedenkenswert innovativer Nadelstreifenoptik – aber immerhin ohne dramaturgisches Statement. Und das Auswärtstrikot? Erinnert laut kicker eher an ein hypnotisches Muster in einer recht unruhigen und aggressiven orange-grünen Farbgebung. Au weia…
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