Der Statistik-Schnorrer
Ein Obdachloser aus New York hat ein seltsames Experiment begonnen: Er will eine Million Menschen um einen Dollar anhauen und seine Einnahmen protokollieren. Davon soll auch die Gesellschaft etwas lernen.
Wenn Chris Coon auf den Straßen von New York betteln geht, trägt er ein Klemmbrett mit Din-A-4 Blättern und einem Stift in der einen Hand, in der anderen hält er einen Stapel Visitenkarten. Wenn er die Leute anspricht und ihnen eine seiner Karten hinhält, fragt er, ob sie an einem „sozialen Experiment“ teilnehmen möchten. Der 29-jährige Obdachlose bittet nicht nur um Geld, er sammelt auch Informationen.
Chris Coon hatte schon immer etwas für Zahlen übrig. Jetzt führt er auf seiner Webseite Buch über seine Schnorr-Ausbeute.
Chris Coon ist so etwas wie das Bundesamt für Statistik unter den Obdachlosen. Jeden Menschen, den er anschnorrt, fragt er nach seinen demografischen Daten: Alter, Geschlecht und Einkommen, welcher ethnischen Herkunft sich der Befragte zuordnen würde und wen er normalerweise wählt. Und natürlich, ob und wie viel Geld er spendet. Seine Ergebnisse dokumentiert er auf einer Webseite askamillion.com, fein säuberlich nach Tagen aufgelistet. Vergangenen Freitag, so kann man dort nachlesen, hat er 58 Leute angeschnorrt. 40 davon haben ihm nichts gegeben, insgesamt hat er am Freitag 27 Dollar eingenommen und neun Dollar für Kaffee, Wasser und Essen ausgegeben. „Freitag war ein vergleichsweise ruhiger Tag“, erzählt Chris. „Normalerweise gehe ich zum Union Square. Am Freitag bin ich zum ersten Mal in die Wall Street gegangen, aber da war wenig los. Wegen des Feiertags am Montag haben wohl viele ein langes Wochenende genommen.“
Chris’ Experiment zeigt, wie mühsam das Dasein eines Bettlers sein kann. Manchmal ist er zwölf Stunden am Tag unterwegs, bis er 100 Dollar zusammen hat, muss er etwa 350 Leute anquatschen. In den zwei Monaten, die sein Experiment nun schon dauert, hat er 1381 Dollar eingenommen – die Ausbeute von knapp 3900 angesprochenen New Yorkern. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis er am Ziel seines Experiments angelangt sein wird: eine Million Menschen um eine Spende zu bitten. In fünf Jahren erst, so hat er sich ausgerechnet, wird er diese Zahl erreichen.
Momentan schläft Chris in einem 24-Stunden-Deli. Er hat mehr als sein halbes Leben auf der Straße und im Gefängnis verbracht. Er durchlebte eine Kindheit voller Gewalt. Mit 12 Jahren, so erzählt er auf seiner Webseite, erstach er seinen Stiefvater, nachdem dieser wieder einmal seine Mutter brutal verprügelt und ihr mehrfach den Kiefer gebrochen hatte. Er musste ins Gefängnis, lebte in Wohnheimen und auf der Straße, hatte keine Ausbildung und keinen Schulabschluss. Die Idee, Daten zu sammeln, war eine Geburt der Verzweiflung: „Ich hatte extremen Hunger, und meine kleine Tochter brauchte dringend Windeln und Milch. Ich wollte Geld verdienen, hatte aber nichts anzubieten. Zahlen und Wahrscheinlichkeiten haben mich immer fasziniert, und da dachte ich, dass ich der Gesellschaft mit diesem Experiment einen Gefallen tun kann, wenn ich zeige, welche Menschengruppen geneigt sind, einem unbekannten Obdachlosen Geld zu spenden.“ Noch hat er keine belastbaren Ergebnisse, nur eines hat er schon festgestellt: „Leute hispanischer Herkunft spenden am öftesten. Und Frauen aus ethnischen Minderheiten.“ Anfangs führte Chris seine Statistiken in einem Notizbuch – bis er in einem Internetcafé auf ein Angebot für eine kostenfreie Webseite stieß und askamillion.com registrierte. Wenig später schenkte ihm eine Frau, die er auf der Straße ansprach und von seiner Idee begeisterte, einen Laptop. Seitdem ordnet er seine Zahlen auf dem Rechner und sucht sich frei zugängliche WLAN-Netze in der Stadt, um seine Updates zu veröffentlichen. Nachdem seine Geschichte durch einige US-Medien ging, bekam er professionelle Hilfe: Michael Callahan und Gary Maple, zwei Experten für Suchmaschinenoptimierung aus Florida hübschten Chris’ Seite auf. Mittlerweile kann man dort auch über PayPal spenden, etwa 700 Dollar habe er auf diesem Weg schon eingenommen, sagt Chris.

Chris Coon in seinem neuen Arbeits-Outfit. Der Anzug ist eine Spende.
Die Aufmerksamkeit, die er plötzlich bekam, scheint seinen Ehrgeiz geweckt zu haben. Er hat eine stattliche Social-Media-Kampagne losgetreten, kleidet sich wie ein Unternehmer in einen (gespendeten) Anzug und bittet sogar um ein iPad, mit dem er seine Umfragen aufnehmen und ins Netz streamen will. Langfristig will er eine gemeinnützige Organisation gründen und anderen Obdachlosen helfen. „Vielen Obdachlosen hat das Leben einfach übel mitgespielt, und sie können wenig dafür, dass sie auf der Straße gelandet sind. Ich hoffe, dass ich diesen Leuten ein bisschen Hoffnung geben kann.“
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FÜNF?
Die Rechnung geht trotzdem nicht auf, ausser er spricht künftig mehr an (4k*6*5 = 120k; also eher in 40 Jahren).
die idee hat was, ich wünsch ihm viel erfolg
wach-und-klar sagte:
Die Rechnung geht trotzdem nicht auf, ausser er spricht künftig mehr an
gut, das müssten dann rund 500 pro Tag sein, bei üblichen Arbeitszeiten also etwa eine Person pro Minute. Nicht völlig abwegig, aber einen "normalen" Job würde man bestimmt leichter über 5 Jahre durchhalten.
Mutmasslich hat man dann aber kein solch gemuetliches Leben mehr. Ob er auch noch im Winter jeden Tag auf der Strasse steht?
Tobiornottobi sagte:
Wuerde sich der gute Mann mit dem gleichen Ehrgeiz der Beschaffung sinnvoler Arbeit hingeben duerfte er sehr viel mehr verdienen, wenn er auch in einer "normalen" Taetigkeit seine Motivation auf so hohem Niveau halten kann.
Mutmasslich hat man dann aber kein solch gemuetliches Leben mehr. Ob er auch noch im Winter jeden Tag auf der Strasse steht?
Coole Idee. Du solltest das den 2 Millionen Amerikanern erzählen die während der Wirtschaftskrise ihren Job verloren haben und jetzt auf der Straße / in Autos / in Motels leben müssen - warum die darauf wohl noch nicht selbst gekommen sind?
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05.07.2011 - 19:33 Uhr
soylentyellow