„Eine Apfelschorle, bitte!“
Unsere Autorin trinkt keinen Alkohol. Einfach so. Eine Erklärung, die eigentlich keine sein soll.
Ein Gesprächsverlauf, wie ich ihn schon hunderte Male erlebt habe:„Warum trinkst du ´ne Cola?“
„Ich bin zufrieden, danke.“
„Aber ist irgendwas?“
„Nein, ich trinke keinen Alkohol.“
Ungläubiger Blick.
„Das kann nicht sein.“ Pause. „Du hast doch nicht ernsthaft noch nie in deinem Leben Alkohol getrunken?“ Ähm, doch. „Kein Bier?“ Ne. „Kein Schnäpschen?“ Auf keinen Fall. „Nicht mal einen Wein?“ Nein, nein und nochmals nein.

Und ich habe noch nicht mal eine klare Begründung dafür. Auch keine schlechten Erfahrungen in meinem Leben gehabt, weil es gar keine gibt. Ich habe bloß nie beschlossen, jetzt damit anzufangen. Nein, ich esse nicht nur an runden Tischen, bin keine Vegetarierin, trage keine Öko-Wollsocken oder gehe abends gegen halb neun schlafen.
Meine Lieblingsreaktion kam erst vor ein paar Wochen: „Du bist ja wie ein Albino in Afrika.“ Der Spruch war lustig gemeint und so habe ich ihn auch verstanden. Aber ist das nicht komisch, dass du als ein höchst sonderbares Wesen angesehen wirst, nur weil du nicht trinkst? Weder will ich mich von der Masse abheben oder mich interessant machen, noch will ich, dass das irgendein Markenzeichen von mir ist.
„Ach, ist das die, die kein Alkohol trinkt?“
Ja, genau die, aber das ist doch hoffentlich nicht alles.
Mir ist klar, dass das befremdlich wirkt, wenn wir zusammen sitzen, alle sich ein geselliges Bier bestellen und ich eine lahme Ananassaftschorle. Aber es ist so, dieses Gefühl von Leichtigkeit und Ungezwungenheit funktioniert bei mir auch nüchtern. Erst recht, wenn alle um mich herum leicht schweben. Auch Katerstimmung bei den anderen empfinde ich eher als angenehm: Alle haben einen dicken Kopf, den sie am Vorabend teuer bezahlt haben, müffeln nach Party und wir ruhen uns zusammen gemütlich aus.
Am schwierigsten ist die Situation, wenn mir automatisch die Moralapostel-Rolle angehängt wird. Wenn Leute einfach davon ausgehen, dass ich damit zwangsläufig ein Problem haben muss, wenn sie trinken. Sie rechtfertigen sich vor mir, dabei ist es mir wirklich egal, wie hart der eine den anderen unter den Tisch saufen kann. Nie würde ich jemanden schräg angucken, bloß weil er sich das fünfte Bier bestellt.
Ich habe schon häufig in aller Ruhe am Straßenrand gehalten, wenn sich einer den Abend noch einmal – im wahrsten Sinne des Wortes – durch den Kopf gehen lassen musste, weil es zu viel war. Es war nie ein Problem für mich, manchen Mädchen die Haare aus dem Gesicht zu halten, wenn sie (im Idealfall) über der Schüssel hingen. Aber jedes Mal habe ich mir gedacht: Irgendwie brauche ich das nicht.
In manchen Situationen ist es mühsam, jedem mein Trinkverhalten zu erklären. In solchen Fällen bin ich einfach Fahrer an dem Abend – was fast immer auch stimmt – notfalls schwanger oder auf Antibiotikum gesetzt. Erklär mal einem Kölner auf dem Rosenmontagszug, dass du keinen Alkohol trinkst, wenn er dir gerade sein von 500 Narren angesüppeltes Schnapsgläschen mit Billigfusel unter die Nase hält.
Zwei oder drei Mal habe ich an einem Glas genippt und festgestellt, es schmeckt mir einfach nicht, dieser Alkoholgeschmack. Vielleicht liegt meine Abneigung auch daran, dass ich mich bei dem Gedanken nicht wohl fühlen würde, die Welt nicht mehr klar wahrzunehmen, leicht verschwommen, eben nicht mehr so, wie sie nun mal ist. Der Hauptgrund ist aber schlicht und ergreifend, dass ich bislang nicht das Verlangen danach hatte, das auszuprobieren. Vielleicht ändert sich das noch.
Der Fachmann will mir gute Tipps geben und meint, ich müsse einfach meine Geschmacksnerven daran gewöhnen. Aber ich esse doch auch keinen Milchreis, solange bis ich ihn mag, nur um mich zu überwinden. Viele behaupten, ich verpasse etwas im Leben, wenn ich nie dieses Rauschgefühl erlebe. Das mag sein. Aber ich vermisse nichts. Ich erinnere mich gerne an alle besonderen Momente, Begegnungen, verrückte Aktionen, an lange Tanznächte und die sanfte Müdigkeit am Tag danach.
Schade ist, dass ich mit Alkoholabstinenz schocken kann. Schade ist die Tatsache, dass einige denken, man könne keinen Spaß mehr haben, ohne zumindest angetrunken zu sein. Schade ist auch, dass viele mehr damit beschäftigt sind, zu schauen, wie viel und was der andere trinkt, anstatt sich einfach auf seinen Rhythmus, seinen Abend und sein Getränk zu konzentrieren und für sich zu genießen. Und schade ist, dass man das Ganze ständig thematisieren muss.
Soll doch jeder trinken, was er will. Cheers.
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"wasser? du bestellst n wasser?"
"ja."
Vor allem der letzte Absatz spricht mir aus der Seele! Da ist jedes "Schade" berechtigt!
@ Ich kann den Wunsch, vielleicht mal seine Wahrnehmung verändern zu wollen, zwar verstehen, aber gleichzeitig würde ich niemals das Opfer bringen, dafür meine Kontrolle über mich selbst zu verlieren. Alles was ich tue liegt in meiner Verantwortung. Ich werde niemals eines Morgens auswachen und feststellen, dass ich meinem Ex 10 peinliche Mailbox-Nachrichten hinterlassen habe. Ich werde immer allein und ohne Probleme nach Hause kommen. Ich werde nie neben einem mir fremden Menschen aufwachen und mich fragen, was passiert ist (und ob ich mr Sorgen um meine Gesundheit machen sollte). Alle meine Entscheidungen werden bewusst von mir getroffen.
Ein bisschen schweben kann ich aber trotzdem, wenn ich nach drei Stunden Dauertanzen völlig besoffen bin vor Endorphinen!
Der Grund, weshalb sich leute so darüber brüskieren, ist, dass sie durch deine "Einstellung", einen Spiegel vorgehalten bekommen. Und Menschen mögen sich ungerne mit sich selbst auseinander setzen.
Dann trinkt man doch lieber noch einen.
Solange Du nicht mit ihnen getrunken hast, bist Du für sie ein Fremder.
They "grok you" sozusagen.
Ein Nichttrinker ist da von Haus aus verdächtig.
Was hat er oder sie zu verbergen?
Warum will er den anderen nicht sein wahres Ich zeigen?
"ne cola"
"mit was?"
"wie mit was?"
"was is drin?"
"naja, nix... ich trink die cola pur, haha"
"aha. und warum?"
"weils mir so besser schmeckt."
"aha. trinkst du nie alkohol?"
usw. usf.
hachja...
allzu bekanntes problemchen :)
@MomoSchnitte: word. Voll und ganz. Fast jedes Saufen ist Flucht vor Verantwortung, und damit ein starkes Indiz, dass der Trinkende eigentlich in einer anderen Situation sein möchte, als er sich befindet. Änderung geht aber nie mit Alkohol.
'ich hätte gerne einen White Rusian. Aber ohne Kalua... und ohne Vodka... ach was geben Sie mir einfach die Milch... und ohne Eis... Danke.'
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9
28.06.2011 - 18:39 Uhr
wollmops
Was mich stutzig macht ist das hier:
Es wundert mich, daß man die nüchterne Weltsicht erstens so verabsolutiert ("wie sie nun einmal ist" - ist es wirklich so sicher, daß die eigene nüchterne Perspektive die einzig wahre ist?) und daß man zweitens (aber das ist eigentlich die logische Konsequenz von erstens) nicht alle möglichen Perspektiven ausprobieren will. Ich hab z. B. aus Feigheit sowie aus Mangel an Gelegenheit noch nie was Halluzinogenes probiert - würde das aber zumindest theoretisch furchtbar gern tun. Was gibt es Spannenderes als die eigene Wahrnehmung zu verändern?