"Von wegen: Körper kaputt, Leben kaputt"
Aleks und Jule sind querschnittgelähmt - hier erzählen sie, wie sie Samuel Kochs Unfall erlebt haben und wie sich das Leben verändert, wenn das Rückenmark geschädigt ist
Jedes Jahr erleiden in Deutschland gut 1800 Menschen eine Querschnittlähmung. Ursache sind meistens Unfälle, etwa beim Motorradfahren oder beim Baden. Junge Erwachsene sind besonders häufig betroffen, mehr als 70 Prozent aller Querschnittgelähmten sind Männer.Als vergangenen Dezember Samuel Koch, 23, bei Wetten, dass ...? verunglückte und mit einer Rückgratverletzung ins Krankenhaus gebracht wurde, berichteten die Medien häufig über seinen Zustand. Sein Unfall war vor Millionen von Menschen geschehen und deshalb war die Anteilnahme riesig. So war es auch Sonntagmittag, als Samuel im ZDF über seine Erlebnisse im vergangenen halben Jahr und über den Unfall sprach.
Was macht ein solches Ereignis mit einem Menschen?
Aleks Batrnov, 33, und Jule Bittermann, 21, leben in München und sind auch querschnittgelähmt. Für jetzt.de erinnern sie sich, wie sie Samuels Unfall erlebt haben und wie die Nachricht, dass man vielleicht nie mehr gehen können wird, das Leben verändert.
1. Der Unfall
Aleks: Weihnachten 2005 war ich mit Freunden in einem Erlebnisbad bei Berlin im Whirlpool. Gegen Mitternacht wurde es mir zu warm und ich bin ins Kaltbecken gesprungen. Da enden meine Erinnerungen. Drei Wochen später wachte ich auf der Intensivstation wieder auf. Zwar schmerzfrei, aber künstlich beatmet, mit einer zwölf Zentimeter langen Platzwunde am Kopf, einem großen blauen Fleck am linken Oberarm und unfähig mich zu bewegen. Bis heute ist nicht genau geklärt, wie der Unfall passiert ist.
Jule: Wir waren am 15. April 2007 auf einer Party und sind nach Hause gefahren. Der Fahrer fiel in einen Sekundenschlaf, wir haben uns überschlagen und sind mit dem Dach auf einem großen Felsen aufgekommen. Ich bin anscheinend aus dem Auto geflogen. Der Bruch war bei Halswirbel sechs und sieben und es war sofort klar, dass ich querschnittgelähmt sein würde. Der Fahrer des Autos ist gestorben. Eine Freundin hat sich den Schädel gebrochen, ein Mitfahrer lag zwei Wochen im Koma. Einer hat sich die Arme gebrochen. Es war ein krasser Unfall, aber es ist soweit alles verheilt.
2. Das Kapieren
Aleks: Ich stand beim Aufwachen unter hohem Medikamenteneinfluss und dachte nur: Hoppala, irgendwas ist total schief gelaufen.
Jule: Als ich verstanden habe, was mit mir und meinen Freunden passiert war, bin ich in eine Depression gefallen. Ich lag da und habe mit meinem Leben abgeschlossen. Erst nach und nach dachte ich, dass mir eh nichts anderes bleibt, als das durchzustehen. Nur zu warten, bis der Tod eintritt, ist nicht das Wahre.
Aleks: Natürlich hatte ich psychologische Hilfe, aber die Psychologen können dir nicht direkt helfen. Sie helfen dir nur dabei, in die richtige Richtung zu denken. Die ersten sechs Monate habe ich kaum ein Auge zugemacht. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie das Leben weitergeht. Ich habe die Vergangenheit verarbeitet und versucht, die Gegenwart zu verstehen. Man setzt sich dabei selbst stark unter Druck, man will unbedingt wieder gesund werden, wieder laufen können. Man kann aber nur den Schaden begrenzen, beten und hoffen. Das ist heftig. Dann kommt der Punkt, an dem man sich fügen muss. Ich habe meinen Körper neu kennen gelernt. Das ist ein ähnlicher Vorgang wie bei einem Neugeborenen; nur läuft das Ganze bewusster ab.
3. Was noch geht
Aleks: Mein Rückenmark ist im dritten und vierten Halswirbelbereich verletzt. Ich bin Tetraplegiker, weil ich alle Extremitäten entweder nicht oder nur eingeschränkt bewegen kann. Mein Rollstuhl hat eine Kinnsteuerung.
Jule: Links funktioniert mein Trizeps. Der Bizeps funktioniert auf beiden Seiten. Die Finger kann ich nicht bewegen. Aber gleich nach dem Unfall wurden meine Sehnen für die „Funktionshand“ verkürzt: Die Hand wird zu einer Faust geballt und zugeklebt, so verkürzen sich mit der Zeit die Sehnen. Wenn ich heute die Hand hochklappe, verkürzen sich die Sehnen und ich kann etwas greifen.

4. Die Abhängigkeit
Aleks: Fast alle Querschnittgelähmten haben Probleme mit der Darm- und Blasenentleerung, weil bei dieser Form der Lähmung das vegetative Nervensystem gestört ist. Bei mir muss die Blase sechsmal am Tag katheterisiert werden. Ich bin dem Pfleger komplett ausgeliefert; er steht nicht nur dabei, wenn ich auf der Toilette sitze, sondern er übernimmt die ganze Arbeit. Er hilft mir beim Abführen mit Zäpfchen oder Klistiermittel, beim Aufstehen, beim Essen (ich werde gefüttert), beim Tablettennehmen – manchmal könnte ich meine Tür einfach offen stehen lassen, soviel Besuch bekomme ich. Nachts bin ich auch auf Hilfe angewiesen. Ich muss alle paar Stunden umgelagert werden, um Druckstellen zu vermeiden. Wo der Körper aufsitzt, ist er schlechter durchblutet, weil dort die Sauerstoffversorgung unterbrochen ist.
An dieser Nähe eines anderen Menschen hatte ich ordentlich zu kauen. Vielleicht gewöhne ich mich nie daran.
Jule: Meine engste Freundin Nati kenne ich seit 14 Jahren. Sie war bei mir in der Unfallklinik in Murnau. Wir haben gemeinsam mit dem Physiotherapeuten geübt, wie man mich vom Rollstuhl ins Auto setzt. Sie kann mittlerweile auch die komplette Pflege übernehmen und hat mit den Krankenschwestern die pflegerischen Sachen eingeübt. Sie ist wie eine echte Schwester für mich.
5. Wie es ist
Aleks: Versuch mal, dich ein paar Stunden hinzusetzen und deine Hände nicht zu nutzen und dich nicht zu bewegen – wie oft man sich normalerweise ins Gesicht langt, um sich zu kratzen, um eine Wimper von der Wange zu streichen; wie oft man sich umsetzt!
6. Das Tief
Jule: Als ich nach sechs Monaten aus der Murnau nach Hause kam, hatte ich ein größeres Tief. Acht Monate lang konnte ich nicht wirklich viel machen. Meine Freunde hatten Schule, meine Eltern haben gearbeitet. Die meiste Zeit habe ich gelesen und ferngesehen. Am Wochenende bin ich ein bisschen weggegangen, in die Kneipe, was halt in einem 5000 Einwohner-Städtchen möglich ist. Es war sehr eintönig.
7. Die Freunde
Aleks: Einmal im Jahr fahre ich mit meinen früheren Rugby-Teamkollegen zu einem Turnier nach Mailand. Wir zelten auf einem Campingplatz. Beim ersten Mal sind wir mit dem Reisebus gefahren: Die Jungs haben mich in den Bus getragen und dann waren wir elf Stunden unterwegs. Ich hatte einen Dauerkatheter mit einem Schlauch, der bis zu einer Woche drin bleiben kann. Meinen Toilettenrhythmus hatte ich mir so gelegt, dass ich am Wochenende nicht aufs Klo musste.
Meine Jungs haben mir bis heute ordentlich die Stange gehalten.
Jule: Bald haben sich die Freunde rauskristallisiert. Nur einer hat sich abgewandt, mein bester Freund. Er konnte es nicht mit ansehen. Da habe ich gesagt: Bevor du mich die ganze Zeit traurig anschaust, lassen wir es lieber gleich. Ich kann ihn aber verstehen. Vielleicht wäre es mir mit ihm genauso gegangen.
8. Samuel Koch
Jule: Ich habe Samuel Kochs Unfall live gesehen und ich war geschockt. Es war echt krass. Ich dachte: Oh, Fuck! Mir ist die Phantasie durchgegangen. Als es hieß, dass er einen Querschnitt hat und vielleicht Tetra ist, dachte ich, dass es ein harter Weg wird, sich das Leben zurück zu holen.
Aleks: Ich habe Samuels Unfall im Internet gesehen und ein beklommenes Gefühl gehabt. Ich hatte gesehen, dass was Gröberes passiert war. Dann kam die Nachricht, dass er eine Halswirbelverletzung hat, dann die zweite Nachricht, dass sein Atemzentrum betroffen ist. Da war ich schon sicher, dass er eine hohe Querschnittslähmung hat. Aber man kann nicht sicher sagen, ob es dabei bleibt. In den ersten sechs Monaten, also in der Zeit des Spinalen Schocks können noch einige Funktionen zurückkommen. Es gibt Leute, die eine hohe Halsverletzung hatten und nach zwölf Monaten das Krankenhaus verlassen konnten. Ich hoffe es für Samuel.
9. Das Wegschauen und das Helfen
Jule: Wenn wir weggehen, schauen manche die ganze Zeit her. Wenn man sie dann anschaut, schauen sie schnell weg. Ich habe das früher auch gemacht und es ist okay. Den Mut, einen einfach anzusprechen, fassen die wenigsten. Ich sage immer: Der Rollstuhlfahrer rührt sich schon, wenn er Hilfe braucht. Ganz Eifrige packen mich manchmal und fahren mich hin, wo ich nicht hin wollte. Dann sage ich: Ich stand ganz gut. Aber danke.
10. Wie es weitergeht
Jule: Manche denken, du kriegst nach solch einem Unfall nur noch Hartz IV. Von wegen: Körper kaputt, Leben kaputt. (lacht) Ich bin jetzt auf der FOS. Ich will erstmal mein Fachabitur machen und später vielleicht Psychologie studieren.
Aleks: Ich war Chemiefacharbeiter, heute bin ich Rentner. Doch dafür fühle ich mich noch zu jung. Ich versuche Schritt für Schritt, meine Zukunft wieder aufzubauen. Vielleicht mit einem Fachstudium, vielleicht mit einer Umschulung. Auf dem Weg wird es wieder viele Hindernisse geben, die es zu bewältigen gilt.
***
Am Sonntag sprach Samuel Koch nach seinem schweren Unfall bei "Wetten, dass...?" zum ersten Mal über seine schwere Rückenverletzung. Hier, bei den Kollegen von sueddeutsche.de, findest du eine Zusammenfassung des Gesprächs, das der Moderator Peter Hahne im ZDF mit Koch führte. Und hier erzählen wir die rätselhafte Geschichte einer niederländischen Sportlerin, die nach vielen Jahren im Rollstuhl einen Unfall hat und wieder gehen kann. Nun aber steht sie vor neuen Problemen.
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27.06.2011 - 10:38 Uhr
jurette_
27.06.2011 - 16:12 Uhr
asphaltfruehling
herzliche Grüße
27.06.2011 - 21:42 Uhr
xxEva
herzliche Grüße
Renard sagte:
Interessantes Interview - bitteres Schicksal. Ich glaube, ich könnte nicht so positiv bleiben wie die beiden oder Samuel.
Ich auch nicht.
Daher ziehe ich so dermaßen den Hut vor Menschen wie den beiden, die sich selbst nicht aufgeben und stark bleiben.
Hat mich sehr nachdenklich gestimmt das Interview.
Gesundheit ist unser höchstes Gut, das muss man sich wirklich immer wieder vor Augen führen.
Ist das nicht ein bißchen übertrieben, @peter-wagner?
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27.06.2011 - 10:36 Uhr
jurette_
Solche Kommentare werden aber auch bei anderen Texten gelöscht, nicht nur bei diesen hier.
Warum die Kommentare aber unvermeidlich sein sollen, ist mir auch schleierhaft. Es sind schon Kosmonauten wegen weit weniger gesperrt worden, nicht wahr, @ peter-wagner?