Was soll man jetzt zu Griechenland denken? (Teil 3)
Der Journalist Michalis Pantelouris hat für uns den Versuch unternommen, die Frage zu beantworten, was gerade in Griechenland passiert. Teil drei seiner Antwort
3. MORGEN. Was wird?Griechenland ist wirtschaftlich in etwa vergleichbar mit Hessen. Was bedeutet, Europa könnte es verkraften, wenn es Griechenland wirtschaftlich nicht mehr gäbe, so wie es verkraften könnte, wenn es Hessen nicht mehr gäbe. Wenn Wirtschaft alles wäre, und darüber hinaus noch egal wäre, wie es Menschen in Europa geht, dann wäre das Problem in Wahrheit überschaubar. Schon heftig, aber nicht lebensbedrohlich. Aber so einfach ist es nicht. Griechenland muss sich neu erfinden: gerechter, unbürokratischer und gleichzeitig effizienter.
Am Ende gibt es nur einen Weg aus dieser Krise, nämlich Wachstum in der Privatwirtschaft, und es gibt eine ganze Generation – die Generation 700, benannt nach ihrem Durchschnittslohn –, die darauf wartet, die durch die alten Strukturen nur gebremst wurde, die gerackert hat, ohne Aussicht, je auf einen grünen Zweig zu kommen. Aber damit Griechenland sich neu erfinden kann, braucht es in dieser Situation Hilfe, und die braucht auch an anderen Stellen Ideen. zum Beispiel liegen im Regionalentwicklungs-Fond der EU noch 16 Milliarden Euro für Griechenland bereit, die jederzeit abgerufen und im Land investiert werden könnten. Das Problem dabei ist: Für jeden Euro, den die EU bereitstellt, müsste der griechische Staat einen weiteren beisteuern. Und den hat er nicht. Er spart ja.
Er spart so viel, dass die Ratingagenturen inzwischen griechische Staatsanleihen auch deshalb auf Ramsch-Niveau herunterstufen, weil zu viel gespart wird. Ein Teufelskreis. Denn wie auch immer man eine Umschuldung nennt, egal wie freiwillig man wen auch immer an der Rettung beteiligen will: Es bleibt eine Staatspleite. Wenn ich jemandem Geld leihe, und er gibt mir weniger zurück, gibt es mir später zurück als vereinbart oder am Ende vielleicht sogar gar nichts – ich leihe ihm jedenfalls nichts mehr, bis er nicht so viel Geld hat, dass er sich nichts mehr leihen muss. Als die Rating-Agentur Standard & Poor‘s Griechenland letzte Woche auf den untersten Stand vor der Zahlungsunfähigkeit zurückstufte, dann nicht deshalb, weil sich plötzlich an den Wirtschaftsdaten etwas geändert hatte, sondern deshalb, weil nun die Politik in Deutschland und Frankreich einen „sanften Schuldenschnitt“ fordert – und ein Schuldenschnitt ist eben ein Zahlungsausfall. Allerdings verstehen deutsche Journalisten das nicht, die fantasieren, Griechenland stände damit im Rating hinter Ländern wie Jamaika.
Ja, das tut es: Weil Merkel den Kreditausfall ja schon angekündigt hat. Ist das so schwer zu verstehen?
Ein Ausfall wäre eine Katastrophe, nicht nur für Griechenland, sondern für alle Länder in Europa. Denn das ist die eigentliche Gefahr hier, nicht Griechenland und nicht Hessen, sondern das Konstrukt Europa, das ja eigentlich dafür da ist, uns auf eine Ebene mit den großen Jungs zu heben, mit den USA, China oder Indien. Kalifornien ist pleite, und das schon ewig – aber wen interessiert das? Wenn eine chinesische Provinz pleite ginge, oder Goa oder sonst irgendein indischer Bundesstaat – wir würden es nicht einmal merken, weil der große, starke Verbund da wäre, um es zu schützen und zu stützen. Aber Europa?
Hier aber stehen die nächsten Kandidaten bereit, die fallen werden, wenn man sie lässt. Denn einige größere Staaten als Griechenland haben auch im Verhältnis noch mehr Schulden, wenn man die privaten und öffentlichen Schulden zusammenzählt. Die satt zwei Billionen Euro, die in den letzten 20 Jahren in den deutschen Osten geflossen sind, würden ausreichen, Griechenlands Schulden auf einen Schlag zu tilgen und seinen Staat noch sechs oder sieben Jahre lang zu finanzieren, ohne dass er einen einzigen Euro an Steuern oder Gebühren einnehmen müsste. Aber selbstverständlich würde das niemand bezahlen wollen, denn im deutschen Osten leben Deutsche, in Griechenland aber nur Griechen. Wir würden Hessen nicht fallen lassen. Aber andere europäische Länder möglicherweise schon.
Das klingt zynisch, ist aber offensichtlich unumstritten. Was heißt: Europa als solches bedeutet uns letztlich nichts. Das ist die Botschaft dieser Krise: Wir sind nicht verbündet. Unter all den denkbaren Bündnissen, die Menschen schließen können – föderale, alliierte, partnerschaftliche –, haben wir für Europa keines ausgewählt, das beinhaltet: Ihr habt Scheiße gebaut, aber wir boxen euch da raus. Ihr werdet das alles bezahlen, aber erstmal halten wir euch den Rücken frei. Ihr geht uns wahnsinnig auf den Sack, aber wir sind schließlich eine … Union? Für die Banken in der Krise hat allein die deutsche Bundesregierung einen Rettungsschirm von 480 Milliarden Euro aufgespannt, das sind fast zweimal die kompletten griechischen Schulden. Im Moment streitet sie sich über Kredite und Bürgschaften, deren Höhe für Deutschland weniger als ein Zehntel davon ausmachen. Das also ist es, was passieren wird: Die europäische Politik wird sich von Krisentreffen zu Krisentreffen hangeln und versuchen, einerseits gerade so viel Geld zusammenzukratzen, dass in Griechenland nicht alle Lichter ausgehen, aber auf der anderen Seite ihrem Wahlvolk so wenig wie möglich davon erzählen. Sie werden einen Schuldenschnitt initiieren, mit dem Hinweis, private Gläubiger wären freiwillig beteiligt (die Freiwilligkeit ist wichtig, damit die Ratingagenturen das nicht als Staatspleite werten, was sie aber wahrscheinlich trotzdem tun werden). Anstatt diesen Moment zu nutzen, das Konstrukt Europa mit einer Idee zu füllen, die etwas bedeutet, werden sie versuchen, gallertartig jede Position zu besetzen, aber keine davon wirklich fest. Dabei sind Krisen die Momente, um Helden zu gebären.
Aber wer sollte das sein?
Die schlimmsten in dem weiten Kreis der versagenden Politiker sitzen aber in Athen: Die politische Opposition der konservativen Partei Nea Dimokratia verweigert sich jeder konstruktiven Zusammenarbeit, in der Hoffnung, die sozialdemokratische Regierung könne am Volkszorn scheitern und Neuwahlen nötig werden. Dann hätte man sich populistisch gegen die härtesten Maßnahmen des Sparpaketes gesperrt. Sie haben sich jede rotte Apfelsine, mit der sie beworfen werden, redlich verdient. Das ist es, was man denken könnte: Wir wären besser als das. Ja, wir sind in eine politische Union geführt worden, die keine echten Inhalte hatte, und in eine Währungsunion, die nicht ordentlich koordiniert und geführt wurde. Wir sind alle von allen Seiten belogen und betrogen worden. Aber ihr seid Technokraten, und wir sind Europäer.
Ihr seid die Angst, aber wir sind der Mut.
Teil eins und Teil zwei dieser Geschichte findest du unter dem Label "griechen"
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23.06.2011 - 19:03 Uhr
der_Bibelprediger
Bevor nicht der letzte dicke Grieche schlank wie ne Bohnenstange ist zahl ich kein Heller!
Griechenland hat betrogen, ja. Konsequenz. Griechenland bekommt sein Geld nur noch von der EZB zu EZB-Zinsen. Das alleine würde Griechenland 10 bis 12 Mrd. Euro sparen und damit in die Nähe des Stabilitäzspaktes rücken. Gleichzeitig wird verhindert, dass Griechenland sich Geld am privaten Markt leiht, durch Gesetze mit Sanktionen für die Investoren. Damit kann man nicht mehr betrügen.
So wäre gar kein Schuldenschnitt nötig und der Weg in einen ausgeglichenen Haushalt greifbar nahe. In dem man die Zinsen der privaten Anleger zur Staatsfinanzierung benutzt, führt man eine versteckte Subvention des Finanzmarktes durch. Das mag ja okay sein, sollte aber endlich offen behandelt werden und in Krisenfällen als erstes durch konsequente Umschuldung beendet werden.
Nur noch einmal. Die privaten Investoren haben mit ihren Spekulationen beinahe die Weltwirtschaft auf dem Gewissen. Länder wie Griechenland mussten gegen die Rezession Konjunkturprogramme auf Kredit auflegen damit die Wirtschaft wieder enigermaßen läuft und davon profitieren die privaten Investoren durch höhere Zinsen. Gleichzeitig nehmen die Banken die günstigen EZB-Zinsen (auch wegen der Krise) um sich zu refinanzieren, knöpfen aber allen anderen horende Kreditzinsen ab. Sieht so unser Wirtschaftssystem aus ?
Digital_Data
Michalis Pantelouris sagte:
zum Beispiel liegen im Regionalentwicklungs-Fond der EU noch 16 Milliarden Euro für Griechenland bereit, die jederzeit abgerufen und im Land investiert werden könnten. Das Problem dabei ist: Für jeden Euro, den die EU bereitstellt, müsste der griechische Staat einen weiteren beisteuern. Und den hat er nicht. Er spart ja.
Stimmt da gibts noch Geld dass die EU nicht rausrückt. Nachdem das Militärbudget von Griechenland aber bei 10.000.000.000 $ liegt würd es sich nicht allzulang damit leben lassen. Bezogen auf das BIP ist es sogar noch höher als Frankreich oder Deutschland.
Schade dass das im Artikel gar nicht vorkommt.
Denn das wird kommen, ihr liebe Leut! Der Solidaritätsgedanke wird den EUR endgültig in die ewigen Jagdgründe kutschieren, egal was mit den Pleiteländern passiert oder nicht.
Im Grunde genommen wäre es besser, den Ballon weiter aufzublasen, damit er endlich bald mal platzt. Gibt dann ja genug zu mergen und aqusitionieren! ;-)))))
Denn wie auch immer man eine Umschuldung nennt, egal wie freiwillig man wen auch immer an der Rettung beteiligen will: Es bleibt eine Staatspleite. Wenn ich jemandem Geld leihe, und er gibt mir weniger zurück, gibt es mir später zurück als vereinbart oder am Ende vielleicht sogar gar nichts – ich leihe ihm jedenfalls nichts mehr, bis er nicht so viel Geld hat, dass er sich nichts mehr leihen muss.
Ach je, koennt ihr nicht wenigstens ernste Wirtschaftstexte von jemandem schreiben lassen der sich auskennt.
Pleite ist man dann wenn man Forderungen nicht mehr bedienen kann. Es kann, so wie auch im normalen Leben sinnvoller sein Forderungen zu stunden, damit die Forderungen weiter bedient werden koennen. u.U. verliert man mehr dadurch die Forderung nicht zu stunden.
EIn einfaches Beispiel dafuer sind fast insolvente Firmen. *Natuerlich* kann es eine lohnende Investition sein, Angestellte, die Ware abverkaufen sollen, noch einen Monat zu bezahlen. Natuerlich kann es sich lohnen einem Unternehmen dass durch eine wie auch imemr geartete Durststrecke geht, Kredite zu verlaengern, damit das Unternehmen *nicht* pleitegeht.
Ob man einen Kredit verlaengert oder nicht und zu welchen Konditionen ist fuer institutionelle Anleger lediglich eine Frage der Mathematik.
Ein Schuldner der pleite geht ist schlimmer als einer dem man glaubt und hilft seine Probleme zu loesen.
Die handelnden Akteure in Europa haben es nie geschafft, ihren Wahlspruch ("In Vielfalt geeint") auch nur nachvollziehbar zu kommunizieren. Ohne Idee von einer europäischen Identität bei jenen, die als Bürger, Steuerzahler und Verbraucher dieses Europa leben sollen, wird es nicht gehen.
Und auch für die staatstragenden, supranationalen Ideen von sich als historisch denkend verstehenden Politiker gilt in der Vermittlung: es gibt eine "Komfortzone", bei der Bürger ohne weiteres mitgehen; es gibt eine "Lernzone", in der das Verstehen und Umsetzen einer Idee eine Herausforderung darstellt; und es gibt die sog. "Panikzone". Da wird man die Menschen nicht zur Mitarbeit oder auch nur dem Mitdenken bewegen können.
Und natürlich haben Kohl und Co. immer gewusst, dass sie sich argumentativ vorrangig in der Panikzone bewegen. Deswegen waren sie stets voller Misstrauen und haben darauf geachtet, dass ihr Volk zu entscheidenden Themen nicht befragt wird. Was sich immer rächt.
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23.06.2011 - 19:00 Uhr
der_Bibelprediger