21.06.2011 - 18:30 Uhr

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Was soll man jetzt zu Griechenland denken? (Teil 2)

Text: michalis-pantelouris

Der Journalist Michalis Pantelouris hat für uns den Versuch unternommen, die Frage zu beantworten, was gerade in Griechenland passiert. Teil zwei seiner Antwort

    2.  HEUTE. Was ist die Situation im Moment?

 Zehntausende demonstrieren seit Wochen jeden Tag auf dem Syntagma-Platz, dem „Platz der Verfassung“, vor dem griechischen Parlament. Zu sehen waren die Demonstrationen in deutschen Medien eigentlich nur, als an zwei Tagen Gruppen von Anarchisten Straßenschlachten mit der Polizei begannen, und Griechenland nach Meinung der weit entfernt sitzenden Schlagzeilentexter angeblich im Chaos versank, aber die Wahrheit ist profaner: Mütter und Kinder, Arbeiter und Angestellte, Lehrer, Schüler Rentner – sie alle demonstrieren jeden Tag, aus Verzweiflung und Angst. Die Preise sind gestiegen, die Löhne gesunken und viele haben gar keine Arbeit mehr oder können nur weniger arbeiten als noch vor einem Jahr, weil ihren Arbeitgebern die Aufträge wegbrechen. Das Sparprogramm hat funktioniert, die Anstrengung ist einmalig. Seit 25 Jahren hat kein Industrieland sein strukturelles Defizit so sehr gesenkt – und schon gar nicht in Krisenzeiten –, aber die Realität ist: Es hat nichts genützt.

Denn strukturelles Defizit bedeutet, dass Griechenland zuvor Jahre und Jahrzehnte lang mehr ausgegeben als eingenommen hat, und jetzt mit den Ausgaben da ist, wo es normalerweise sein dürfte. Aber normal gibt es eben nicht mehr. Es herrscht eine tiefe Rezession, Geschäfte schließen, Firmen machen dicht, die Arbeitslosigkeit ist bei 15 Prozent, unter Jugendlichen noch viel höher. Die Nacht ist tiefschwarz und sie dauert 24 Stunden an jedem Tag. Von Ludwig Erhardt, dem Kanzler des so genannten deutschen Wirtschaftswunders, stammt der Satz: „Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie“. Er bedeutet, dass eine Wirtschaft brummt, wenn alle glauben, dass sie brummt. Sie kaufen ein Auto, wenn sie glauben, dass sie sich auch im nächsten Jahr noch die Raten leisten können. Sie bauen ein Haus, wenn sie glauben, dass sie die Hypothek 30 Jahre lang tilgen können. Wenn sie Angst haben um ihren Job, dann sparen sie. Und wenn sie auch noch Angst haben, dass ihre Bank pleite gehen könnte, dann sparen sie im Ausland. Wer jetzt noch Geld hat in Griechenland, der hält es fest. Wer Ersparnisse hat, der schafft sie in Sicherheit. Die Prophezeiung von der griechischen Pleite schickt sich an, sich selbst zu erfüllen. Dabei ist die tatsächliche Situation nach wie vor eine andere.

Während vor allem in Deutschland der Eindruck entstanden ist, man habe Milliarden an Hilfsgeldern für Griechenland ausgegeben, stehen auf der Bilanz bisher nur hunderte Millionen Zinsen, die Griechenland dafür bezahlt hat. Das „Fass ohne Boden“, wie es die Lautsprecher aus den Hinterbänken der Parlamente genannt haben, war bisher eher so etwas wie eine Quelle. Aber Politik unterliegt, wie alles andere auch, den Gesetzmäßigkeiten der Geschichten, die sich darüber erzählen lassen. Die Geschichte, wie unsere Regierung sie uns erzählt, ergibt zwar keinen Sinn, aber mit ihren Politikerantennen versuchen unsere Volksvertreter, sich so weit wie möglich vom kontaminierten Downfall einer jeden Entscheidung fernzuhalten, die sich hinterher als unpopulär herausstellen könnte. Bei dem Versuch, weiterhin immer gleichzeitig dafür und dagegen zu sein, entscheiden sie einfach gar nichts.

Seit einem Jahr ist auf Seiten der Geldgeber Griechenlands praktisch nichts passiert. Und das kam so: Es gibt in Wahrheit nur zwei Betrachtungsweisen, wenn ein Staat in eine finanziell bedrohliche Lage gerät. Die Frage ist: Ist dieser Staat in Wahrheit pleite, also strukturell gar nicht in der Lage, seine Schulden zu bezahlen? In diesem Fall ist die einzige Lösung eine Umschuldung – wo nichts ist, kann man nichts holen. Die zweite Möglichkeit ist, dass der Staat nur zeitweilig kein Geld hat, also ein Liquiditätsproblem, und in Zukunft durchaus in der Lage sein wird, seine Schulden zu bezahlen. In diesem Fall hilft man ihm, seine Wirtschaft wieder so weit anzukurbeln, dass er durch Wachstum wieder in die Lage kommt, seine Kredite zu bedienen. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht, nicht daneben und nicht dazwischen. Der gesunde Menschenverstand würde eigentlich nur zwei Schritte vorsehen: Man analysiert die Lage. Und dann geht man den Weg, für den man sich entschieden hat, mit aller Entschlossenheit – denn was auch immer das für negative Folgen haben kann, das Leben lehrt auch: Ein Fehler, den man entschlossen begangen hat, ist leichter zu beheben, als wenn man aus Unentschlossenheit nur halbe Sachen macht. Aber Politik hat manchmal weder mit dem Leben noch mit gesundem Menschenverstand zu tun.

Hier geht es um die Geschichte, die man hinterher erzählen kann: „Ich habe immer gesagt … ich habe nie gesagt …“. Obwohl alle Regierungen, Zentralbanken und Institute zu dem Schluss kamen, dass in Griechenland ein Liquiditätsproblem vorliegt und keine Pleite, hat es nie das Bekenntnis gegeben: „Wir regeln das, wir werden tun, was getan werden muss.“ So sehr festlegen wollte sich niemand. Eine Unsicherheit ist geblieben. Und in der Welt der Finanzen bedeutet Unsicherheit immer: Es wird noch teurer. Der Grund dafür liegt zu einem guten Teil in Griechenland selbst: Während zum Beispiel die Deutschen völlig selbstverständlich nach der Wiedervereinigung mehr als zwei Billionen Euro in den die Neuen Bundesländer überwiesen und heute mit Milliarden und sogar mit Menschenleben den Aufbau einer Zivilgesellschaft in Afghanistan unterstützen, sind „die Griechen“ in der gegenwärtigen Erzählung „selber schuld“. Schließlich hat Griechenland beim Eintritt in den Euro in fast bizarrer Manier die Zahlen so lange schön gerechnet, bis die Aufnahmekriterien erfüllt waren. Heute will deshalb jeder damals schon dagegen gewesen sein, Griechenland überhaupt aufzunehmen – auch wenn er das in den zehn Jahren dazwischen, in denen es in Griechenland Untersuchungen dazu gegeben hat und in den fünf Jahren, in denen dieser Betrug offiziell bekannt ist (und an dem natürlich auch die Seiten beteiligt waren, die Griechenland fünfmal haben neue Zahlen vorlegen lassen, bis sie endlich stimmten), nie erwähnt hat. Denn in diesen zehn Jahren haben ja alle daran verdient, und das Außenhandelsdefizit, auf den wir in Deutschland als ehemalige „Export-Weltmeister“ so stolz sind, heißt ja automatisch, dass irgendjemand ein Defizit machen muss. Aber, egal, was bleibt ist: „Die Griechen sind selber schuld“, sollen sie sehen, wo sie bleiben, ihr griecht nix! Es ist eine Aneinanderreihung von dummen Sätzen, aber es ist die Erzählung, wie sie gesponnen wird. Und selbst die Kanzlerin lässt sich inzwischen zu solchen Sätzen hinreißen: “Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen – das ist wichtig.” Dabei wird in allen drei Ländern mehr gearbeitet als in Deutschland, sowohl nach Jahres- als auch nach Lebensarbeitszeit. Eine deutsche Bundeskanzlerin könnte das wissen, und sie sollte es sogar wissen, bevor sie das Gegenteil behauptet.

Es ist immer noch Parteitag für die Dummen, Ekligen und Rückgratlosen, auch wenn in diesem Fall nicht ganz klar ist, in welche Kategorie sie sich einreiht. Von denen, die auf dem Syntagma-Platz stehen und für ihre Zukunft demonstrieren, hat sich keiner in den Euro geschummelt. Sie haben, im Gegenteil, am meisten gelitten, als die neue Einheitswährung die Preise in manchen Bereichen um bis zu 40 Prozent hat steigen lassen. Es hat eine Spirale in Gang gesetzt, denn natürlich mussten auch die Löhne steigen – um real bis zu 25 Prozent, was einerseits bedeutet, die Menschen hatten immer noch weniger Geld als vorher, auf der anderen Seite machte es Griechenland aber auch noch weniger wettbewerbsfähig gegenüber den Ländern, die in Euro-Land den Ton angeben (in Deutschland sind die Löhne seit Einführung des Euro real um etwa neun Prozent gesunken). Die Lebenshaltungskosten sind in Athen für den Durchschnittsbürger höher als die in Berlin. Die Einkommen und Renten dagegen sind deutlich niedriger. Das Leben war nie einfach, und das muss es auch nicht sein. Aber es ist nur immer schwieriger geworden, schon bevor der große Knall kam.

Und jetzt kommt dazu die Angst. Und die Demütigung.

Die Menschen vor dem Parlament demonstrieren, weil sie sonst gar nichts tun können. Die Politiker, die sie retten und dabei eigentlich ein neues Land bauen sollen, sind die gleichen wie immer. Und diejenigen, die von außen kommen und ihre Hilfen an Bedingungen für noch brutaleres Sparen und den Verkauf der Infrastruktur koppeln, an die Privatisierung, sind diejenigen, die ohnehin immer gut an Griechenland verdient haben – an der Arbeit dieser Menschen, die nie reich genug waren, ihr Geld ins Ausland oder sonstwie an der Steuer vorbei zu schleusen. Sie sind es, die das alles bezahlen. Sie haben ihre Steuern bezahlt und damit den Staat finanziert. Sie haben damit die Bahnhöfe und Häfen gebaut, die nun verkauft werden sollen. Sie haben in Rentenkassen eingezahlt, die nun zerbröseln, weil ihre Politiker lange Jahre lang das Notwendige nicht getan haben. „In Athen demonstrierten heute zehntausende gegen das Sparpaket der Regierung“, heißt es in den Nachrichten. Aber sie demonstrieren in Wahrheit vor allem, weil sie wenigstens nicht still sitzen wollen, während sie zum wiederholten Male von der herrschenden Klasse vergewaltigt werden sollen, nur weil sie arm sind. Und damit ist nicht nur die herrschende Klasse in Griechenland gemeint. Jemand bekommt die Zinsen. Jemand bekommt die Häfen und Bahnhöfe. Geld ist ja nie weg – es ist nur woanders.

Der erste Teil dieses Text erschien bereits gestern, der dritte Teil folgt morgen


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Wurzelpetersilie
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Mag ich Mag ich nicht

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21.06.2011 - 18:56 Uhr
Wurzelpetersilie

Ach Gottchen mir kommen die Tränen.
Natürlich sind die Griechen selbst Schuld. Einnahmen würde es genug geben nur wenn man keine Lust hat Steuern zu zahlen, dann hat am Ende der Staat mehr Ausgaben als Einnahmen. Und an diesem System der Steuerhinterziehung/Vetternwirtschaft sind alle mündigen Griechen schuld.
Auch die ach so armen Griechen die hier demonstrieren weil sie nicht stillsitzen wollen.

Montrose
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21.06.2011 - 19:45 Uhr
Montrose

Das ganze ähnelt für mich einer Beschreibung eines Drogensüchtigen, der angst vor dem Entzug hat, obwohl er eigentlich weiß, dass er not tut.
Denn natürlich ist billiges Geld wie eine Droge.
Und natürlich ist ein Drogensüchtiger vor dem Entzug wehleidig.
Hilft aber nichts, da müssen wir leider alle jetzt durch. Und es wird uns allen weh tun. Wir sind schließlich alle (co?-)abhängig von der Droge ...

Wurzelpetersilie
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2

21.06.2011 - 20:44 Uhr
Wurzelpetersilie

michalis-pantelouris sagte:
"Während zum Beispiel die Deutschen völlig selbstverständlich nach der Wiedervereinigung mehr als zwei Billionen Euro in den die Neuen Bundesländer überwiesen und heute mit Milliarden und sogar mit Menschenleben den Aufbau einer Zivilgesellschaft in Afghanistan unterstützen, sind „die Griechen“ in der gegenwärtigen Erzählung „selber schuld“. "


So, So und dass Griechenland Nettoempfänger ist seit es EU-Mitglied ist und damit seit Jahrzehnten Subventionsunterstützungen bekommt, lässt man einfach mal so unter den Tisch fallen.

strikingback
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1

21.06.2011 - 20:58 Uhr
strikingback

"Eine deutsche Bundeskanzlerin könnte das wissen, und sie sollte es sogar wissen, bevor sie das Gegenteil behauptet."

Natürlich wusste sie es und hat in vollem Bewusstsein dessen das Gegenteil behauptet. Warum drumherum schreiben? Noch nie was von doublethink gehört?

wollmops
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21.06.2011 - 20:59 Uhr
wollmops

Liebe Stammtischangehörigen, nehmen wir mal einen Moment an, der Grieche ist genauso faul und feist und selber schuld, wie ich das Euren Äußerungen entnehme.

Aber wenn selbst Topmanager die Unterstützung Griechenlands fordern, um den Euro und damit die deutsche Wirtschaft zu retten - sollten wir diese Hilfe dann wirklich aus moralischen Gründen verweigern, nur damit denen da mal eine Lektion erteilt wird?

drolli
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21.06.2011 - 21:13 Uhr
drolli

strikingback sagte:
"Eine deutsche Bundeskanzlerin könnte das wissen, und sie sollte es sogar wissen, bevor sie das Gegenteil behauptet."

Natürlich wusste sie es und hat in vollem Bewusstsein dessen das Gegenteil behauptet. Warum drumherum schreiben? Noch nie was von doublethink gehört?



Doch, da gibt es genuegend friedliche Menschen, die *nur fuer eine Uebergangsphase* mal kurz Dinge anzuenden und anderen Menschen nach eigenem Moralischen Gutduenken und ohne externe Kriterien Dinge wegnehmen wollen, alles im Namen der Freiheit und des Friedens

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0

21.06.2011 - 21:17 Uhr
drolli

Die sollen mal Grundbuchaemter einfuehren und jeden der das Finanzamt in den letzten Jahren durch Grundbesitz beschissen hat, ordentlich schroepfen - dann triffts auch keine falschen.

alcofribas
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21.06.2011 - 21:33 Uhr
alcofribas

wollmops sagte:
Liebe Stammtischangehörigen, nehmen wir mal einen Moment an, der Grieche ist genauso faul und feist und selber schuld, wie ich das Euren Äußerungen entnehme.

Aber wenn selbst Topmanager die Unterstützung Griechenlands fordern, um den Euro und damit die deutsche Wirtschaft zu retten - sollten wir diese Hilfe dann wirklich aus moralischen Gründen verweigern, nur damit denen da mal eine Lektion erteilt wird?


Manager? Das sind doch auch sowas wie Banker, oder Politker, die nicht auf den BÜRGER hören. So welche von da oben halt.

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-1

21.06.2011 - 21:37 Uhr
alcofribas

Wurzelpetersilie sagte:
Nettoempfänger


Es gibt keine Geber- und Nehmerländer in der EU, es wird auf der "Einnahmen"seite proportional zum EU-Haushalt beigetragen, und beim Abgreifen von EU-Fördergeldern stehten der französische Winzer, der deutsche Rapsbauer, der niederländische Bootsbauer und der italienische Reisbauer dem griechischen Fischer in nichts nach.

okkasionalsozialist
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3

21.06.2011 - 23:53 Uhr
okkasionalsozialist

Wurzelpetersilie sagte:
Ach Gottchen mir kommen die Tränen.
Natürlich sind die Griechen selbst Schuld. Einnahmen würde es genug geben nur wenn man keine Lust hat Steuern zu zahlen, dann hat am Ende der Staat mehr Ausgaben als Einnahmen. Und an diesem System der Steuerhinterziehung/Vetternwirtschaft sind alle mündigen Griechen schuld.
Auch die ach so armen Griechen die hier demonstrieren weil sie nicht stillsitzen wollen.


der ordnung halber: von schuld im ethischen sinne sollte man besser nur auf der ebene des individuums sprechen – zwar können kollektiven leistungspflichten zugeordnet werden, aber kollektive sind eigentlich nur intellektuelle konstrukte. real sind lediglich individuen.

und die meisten deutschen zahlen steuern ebenfalls nicht gerne, die mehrheit wohl nur weil sie eher damit rechnet beim schummeln erwischt zu werden.

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Michalis Pantelouris