20.06.2011 - 18:30 Uhr

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Was soll man jetzt zu Griechenland denken? (Teil 1)

Text: michalis-pantelouris

Der Journalist Michalis Pantelouris hat für uns den Versuch unternommen, die Frage zu beantworten, was gerade in Griechenland passiert. Wir teilen seine Antwort, die sich mit dem Gestern, dem Heute und dem Morgen der Krise befasst, in drei Teile, die wir an den folgenden drei Tagen hier veröffentlichen.

Steigt überhaupt noch jemand durch bei dem, was in Griechenland passiert? Da demonstrieren die Menschen und bewerfen ihre Politiker mit Obst, die Opposition verweigert sich einer „Regierung der nationalen Einheit“ und wer weiß denn schon noch, ob man dafür sein soll oder dagegen, weiter Geld in ein „Fass ohne Boden“ zu werfen? Sollen die jetzt selbst klarkommen? Oder muss man ihnen helfen, aus Solidarität oder – weil es sonst nur noch teurer kommt – sogar als Selbstschutz? Warum sagen alle so genannten Experten Dinge, die sich komplett widersprechen? Stehen wir alle vor einer Katastrophe? Und, vielleicht ist das das Wichtigste: Was will eigentlich unsere Regierung?  

1.  GESTERN. Wie ist Griechenland in die Krise geraten?

Griechenland ist kein armes Land, wenn man die Welt als ganzes nimmt, aber eins der ärmeren im Euro-Raum. Man könnte sagen, es hat einen kleinen, eher schwachen wirtschaftlichen Motor, und die Griechen haben es in den letzten Jahrzehnten geschafft, immer mehr Sand hinein zu streuen: Die Bürokratie ist ausgeufert, was nicht nur teuer für den Staat ist, sondern den Betrieb von Privatunternehmen schwieriger und teurer, wenn nicht sogar in machen Fällen unmöglich macht – wer ein Geschäft aufmachen wollte, brauchte nach sehr glaubwürdigen Erzählungen mindestens 34 verschiedene Genehmigungen.

Und dabei trat die nächste Pest auf den Plan: Eine grassierende Korruption, die vor allem im Bausektor und im Gesundheitswesen herrschte und teilweise auch heute noch herrscht. Aus dem uralten Brauch, einem Arzt nach der Genesung ein Geschenk zu machen, wurde die moderne Korruption von Ärzten, die vor der Behandlung erst einmal einen Umschlag mit Geld erwarteten. Ausgenommen in jedem Fall: Familienangehörige und Freunde. Man kann sagen, der normale Grieche, der weder reich war noch über besondere Beziehungen verfügte, hat schon längst kein Vertrauen mehr in irgendeine Art von Institution. Der Anteil der sogenannten Schattenwirtschaft, also des Teils des Geldflusses, von dem der Staat weder weiß noch Steuern einnimmt, lag in Griechenland zum Ende des ersten Zweitausender-Jahrzehnts wahrscheinlich rund um 40 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes (BIP). Zum Vergleich: In Deutschland sind es eher 15 Prozent. Und beim Eintreiben der Steuern versagte der Staat vor allem bei den Reichen – manche Ärzte in Athener Nobelvierteln, die in Wahrheit Einkommensmillionäre sind, versteuerten nur ein Gehalt in der Region eines Arbeiters. Es war viel Sand im Getriebe. Und dann würgte der Motor ab.

Es gibt kaum konkurrenzfähige Industrie in Griechenland. Das Land ist noch im Umbruch von einer kleinteiligen Agrar- in eine Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, wirklich stark waren in den Jahren vor der Krise vor allem der Tourismus, die Seeschifffahrt und in Teilen die Baubranche, die ihrerseits mit dem Tourismus verknüpft ist. Das sind gleichzeitig Branchen, die extrem von der Konjunktur abhängen. Als 2008 die internationale Finanzkrise einschlug, gehörten sie zu den Sektoren, die am stärksten litten. Die Umsätze brachen ein, und das verdreckte – aber noch laufende – griechische System implodierte.

Eine Wirtschaftskrise ist für einen Staat doppelt schwierig: Seine Einnahmen werden weniger, weil weniger Steuern gezahlt werden. Gleichzeitig steigen seine Ausgaben, weil mehr Menschen arbeitslos werden. Sinnvollerweise ist eine Phase, in der die Wirtschaft schwächer wird, auch genau die Zeit, in der der Staat seine größeren Projekte anschiebt, in der er Straßen baut und Polizeiwagen anschafft, um die Folgen der Rezession abzuschwächen und vielleicht sogar Impulse für neues Wachstum zu setzen. In einer perfekten Welt, in der ein Staat für die schlechten Zeiten vorgesorgt hätte, wäre das möglich. Das denkbar schlechteste, was einem Staat in so einer Situation passieren kann, ist dass er sparen muss. Aber tatsächlich fand die gerade neu gewählte Regierung um Premierminister Georgios Papandreou bei ihrer Amtsübernahme Staatsfinanzen vor, die noch einmal viel schlechter waren, als ohnehin klar war. Die Statistiken waren mithilfe von Experten derart kreativ berechnet, dass das wahre Ausmaß des Abgrundes, vor dem die Staatsfinanzen standen, nur langsam ans Licht kam: Anfang 2010 hatte Griechenland Schulden in Höhe von 120 Prozent des BIP, ein Defizit von mehr als 13 Prozent des BIP und im Frühsommer mussten etwa zehn Prozent der Gläubiger ausgezahlt werden. Griechenland brauchte mehr als 30 Milliarden Euro.

Normalerweise leiht sich ein Staat in dieser Situation einfach das Geld, aber angesichts der schlimmen Zahlen verlangten die Banken so hohe Zinsen für die Kredite, dass sie unmöglich zu finanzieren gewesen wären. Griechenland hat seit dem Zweiten Weltkrieg jeden einzelnen Kredit pünktlich bedient, weshalb es Unsinn ist, von einer Pleite zu sprechen – aber dazu kommen wir noch. Jedenfalls kündigte Papandreou an, das Land brauche Hilfe, sonst rutsche es in eine Katastrophe. Als Gegenleistung versprach er, die Staatsfinanzen durch ein beispielloses Sparprogramm zu konsolidieren. Quer durch die Bank wurden Steuern erhöht, Renten und Gehälter im öffentlichen Dienst gekürzt und insgesamt in angemessener Panik ein Programm begonnen, das in einem Jahr die Versäumnisse von Jahrzehnten nachzuholen versuchte.

In Deutschland wurde derweil der Grundstein gelegt dafür, dass die komplexe Geschichte der griechischen Krise bis heute nicht verstanden werden kann: Bundeskanzlerin Merkel versuchte, zumindest bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai 2010 den Eindruck zu erwecken, Griechenland würde keine Hilfe aus Deutschland erhalten. Der „Focus“ druckte ein Titelbild, auf dem die Venus von Milo den Griechen einen Fuck-Finger zeigt, und die „Bild“ begann eine rassistisch gefärbte Hetz-Kampagne, die sich unter dem Satz „Ihr griecht nix“ subsumieren lässt, während Politiker aus der vierten Reihe der Bundespolitik wie der bis dato weitestgehend unbekannte FDP-Abgeordnete Frank Schäffler sich mit der Forderung in die Zeitung drängen durfte, Griechenland solle doch Inseln verkaufen. Was für die griechische Bevölkerung eine Tragödie war, wurde in Deutschland zu einem großen Teil zu einem Parteitag der Dummen, Ekligen und Rückgratlosen – und Angela Merkel ging in die Geschichte ein, als sie vor der NRW-Wahl versuchte, gleichzeitig für und gegen die Griechenlandhilfe zu sein. Ihr Satz „Deutschland wird helfen, wenn die erforderlichen Bedingungen erfüllt werden“ wurde an den Finanzmärkten gedeutet als „die Hilfe ist keineswegs sicher“ – die Kreditbedingungen für Griechenland verschlechterten sich schlagartig, was einen zweistelligen Milliardenbetrag in Euro kostete. Der „New Yorker“ nannte es „das wahrscheinlich teuerste Wenn in der Geschichte“.

Der zweite und der dritte Teil dieses Textes folgen am Dienstag und am Mittwoch


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okkasionalsozialist
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20.06.2011 - 20:14 Uhr
okkasionalsozialist

"Was für die griechische Bevölkerung eine Tragödie war, wurde in Deutschland zu einem großen Teil zu einem Parteitag der Dummen, Ekligen und Rückgratlosen"

naja, so sind viele der "dummen, ekligen und rückgratlosen" deutschen halt, sie sorgen sich frecherweise um die finanzierung ihres gemeinwesens. auch ganz ohne griechenland und euro-krise ist das nämlich dauerhaft unterfinanziert - neben der eigenen expliziten gibts auch noch die implizite staatsverschuldung, also leistungsversprechen, die ansprüche auslösen, deren entwicklung niemand sicher voraussagen, sondern nur schätzen kann. nicht nur der griechische staat, auch der deutsche müsste dringend zurechtgestutzt werden, um nicht früher oder später einer griechenlandisierung anheimzufallen. insofern ist deutsche überheblichkeit tatsächlich unangebracht.

der euro ist von vorneherein keine gute idee gewesen, aber okay, er war eben der politische preis für die besänftigung der angst, die resteuropa vor dem wiedervereinigten deutschland hatte und hat. netter versuch. denn spätestens mit dem faktischen untergang der no-bailout clause ist der euro zu einer raubwährung verkommen, die nach und nach die europäischen volkswirtschaften vertilgt.

ein genesungsszenario könnte mit einem wie auch immer gestalteten austritt der griechen aus der euro-zone beginnen. eine eigene, renationalisierte, abwertbare währung würde griechenland sofort seine würde zurückgeben, weil sie ein bedeutendes stück an ökonomischer autonomie zurückgewännen – natürlich um den preis erheblicher binnenökonomischer verwerfungen, eines implodierenden GR bankensystems sowie zunächst nahezu unerschwinglicher importe, aber handlungsfähiger als im würgegriff der bisherigen austerity measures und viel entwicklungsfähiger für viele branchen, ja sogar für die ansiedlung von industrie, wenn die strukturen zuverlässiger werden (weil fürs hartwährungsausland superbillig). wenn die griechen dann allerdings immer noch keine privatisierungen und finanzierbaren sozialsysteme wollen können sie dann ja weiterhin mit einem alimentierungsstaat und dessen klanstrukturen experimentieren - der druck, nach der pfeife der supranationalen schlaumeier zu tanzen wäre aber deutlich geringer. und den gläubigern ist auch heute schon klar, dass sie um einen schuldenschnitt irgendwann nicht herumkommen.

dass ein GR-austritt aus dem euro (und der eu?) eine kettenreaktion hinsichtlich des vertrauens in die eurozone und eu insgesamt in gang setzen könnte – klar. aber diese wird unter den gegenwärtigen bedingungen auch nur aufgeschoben.

ich gebe zu, man kann versuchen die euro-zone weiter mit geld zu retten, das man nicht hat, in der annahme, eine tiefere politische integration der eu, eine fiskalunion etc würde die dinge schon auf die richtige spur bringen. genau das ist es wohl, was jetzt passieren wird, weil der politische wille vorherrscht, eurozone und eu um jeden preis zu retten. aber deren erfolgsaussichten was ein ökonomisches wunder angeht sind aufgrund der typischen allokationsmängel des dann weiter ausufernden eu-zentralismus, dessen repräsentanten subsidiarität für einen wellensittich halten (hübsch anzusehen, aber verzichtbar) auch aus der sicht glühender europa-fans eher gering. immerhin mal ein richtiges abenteuer.

(ganz abgesehen davon, dass ich persönlich den gesamten eu-prozess inhaltlich für schlecht halte, wenn er in der hauptsache von oben betrieben/übergestülpt und nicht von unten erstrebt wird)

und um gleich das ding mit den ratings abzufrühstücken: wenn man verschlafen hat nützt es nix, der uhr vorwürfe zu machen. ja, die drei ratingriesen sind nicht total objektiv, schon weil die zukunft niemand sicher voraussagen kann - sie äußern nur meinungen mit einem bias zugunsten der angelsächsischen ökonomien. aber wenn eine europäische, womöglich parastaatlich organisierte, scheinunabhängige ratingagentur plötzlich die europäischen extremschuldner total supi findet lachen sich die kapitalmärkte kaputt. das ist als würde sich ein hartz4-ler selbst ein positive bonitätsauskunft ausstellen und damit bei der nächsten bank vorstellig werden.

abgesehen davon gibt es schon private, europäische ratingagenturen, zum beispiel FERI. die dürfen jedoch von vielen der institutionellen investoren nicht beachtet werden. und die eigentliche pointe ist: die waren schon wesentlich früher als die ratingriesen negativ in hinsicht auf die PIIGS- staaten. und in hinsicht auf die usa.

apollyon
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1

20.06.2011 - 23:39 Uhr
apollyon

finde den Artikel ganz gut, besonders den ersten Teil. Die Schuldzuweisung auf deutsche Politiker greift m.E. etwas kurz.

Und ich höre über die Griechen eher ein "die sind korrupt" als "die sind faul". Ein Urteil, dass dieser Artikel ja schön bestätigt.

@okkasionalsozialist: Wenn Griechenland auf die Drachme zurückgeht, wie sollen die bitte ihre Schulden zurückzahlen? Dann sind sie ja noch handlungsunfähiger, weil sie plötzlich mit einer dramatisch abgewerteten Währung die teuren Kredite bezahlen müssen. Steuereinnahme eine schwache Drachme, Kredite und Zinsen aber bitte in Euro und Dollar. Blöde Idee!

Der Euro war *im Prinzip* gar nicht so doof, weil er gerade Deutschland einen enormen Exportmarkt gegeben hat, ohne sich um so einen Mist wie Währungsschwankungen kümmern zu müssen. Gerade jetzt würde bei der momentanen Stärke eine DM ohne Wechselkursdeckel in die Luft gehen, was zur Folge hat, dass unsere Produkte zu teuer werden, und wir sie nicht mehr in dem Maße absetzen können wie wir es mit dem Euro schaffen.
Das Problem ist halt nur, dass es Europa weder geschafft hat, eine einheitliche Finanzpolitik zu etablieren noch Maßnahmen durchzusetzen, die eine Disziplin von den Euro-Mitgliedstaaten fordern. Es war ja jahrelang bekannt, dass die Griechen in ihren Bilanzen schummeln.

Bei Deinem Urteil über die Ratingagenturen gebe ich Dir ausnahmsweise mal Recht. Ich finde dieses Prügeln auf die Ratingagenturen, die eine Wahrheit aussprechen, die eh jeder kennt (die aber politisch unerwünscht ist), ziemlich billig. Bedenkt man, dass in der Vergangenheit Ratingagenturen dafür kritisiert wurden, dass sie zu positiv bewertet haben und Ausfallrisiken nicht erkannt haben, so ist die jetzige Kritik über die Herabstufung Griechenlands echt schizophren.

Ich bin froh, dass wir keine politisch kontrollierte EU-Ratingagentur haben, die dann dafür sorgt, dass die europäische Zentralbank die Pleite von Griechenland noch weiter finanziert, weil ja Kredite und Sicherheit ja alle total hoch bewertet wurden.

alcofribas
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-1

21.06.2011 - 08:14 Uhr
alcofribas

Das Problem ist nicht, dass es Länder mit geringer bis sehr schwacher Wirtschaftsleistung im Euroraum gibt, so gesehen müssten Bremen (für sich genommen schlechtere Wirtschaftsindikatoren als GR) oder Brandenburg auch eine eigene Währung haben. Man hat es versäumt, bei der Einführung des Euro klar zu machen, dass eine gemeinsame Währung auch eine gemeinsame Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik bedingt, dass also die Vorteile durch wegfallende Wechselkursproblematiken nicht ohne eine weitergehende europäische Integration zu haben sind. Das hat man aber aus gutem Grund nicht getan, sonst wäre die Akzeptanz für den Euro gleich in den Keller. Stattdessen hat man auf Hänschen-Niveau argumentiert ("von Lissabon bis Helsinki ohne Geldumtausch"), hat postkommunistische Staaten zu schnell in EUR und EU aufgenommen und hat die "politischen" Begründungen des Euro hochgelobt, die ökonomischen Konsequenzen aber gescheut.
ich denke in der Tat, dass man nun vor der Wahl steht, ob man "ganz oder gar nicht" macht, also, den Weg einer weiteren Integration geht, oder die Dose immer ein paar Meter weiterkickt.

Die größte Sorge machen mir allerdings nicht die Griechen, sondern das aktuell mehrheitlich unfähige politische Personal in Europa. Von links bis rechts, von Nord bis Süd. die anti-griechischen /anti-südeuropäischen Ressentiments werden als Ventil geduldet, eine über das rein "technische" hinausgehende Europapolitik findet nicht statt. Von einer "Begeisterung" für Europa ist zB bei Merkel nichts zu spüren, bei aller akuten Problematik sollte eine Politikerin, die in europäischen Maßstäben denkt, vielleicht auch mal dran erinnern, dass die Begründung für europäische Integration, von der EGKS über Euratom, die EG bis zur EU eben nicht eine rein ökonomische, sondern eine tiefpolitische war. Aber damals waren Merkel, Klaus etc. pp. ja noch woanders.

Nick_ko
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1

21.06.2011 - 08:26 Uhr
Nick_ko

apollyon sagte:
Der Euro war *im Prinzip* gar nicht so doof, weil er gerade Deutschland einen enormen Exportmarkt gegeben hat, ohne sich um so einen Mist wie Währungsschwankungen kümmern zu müssen. Gerade jetzt würde bei der momentanen Stärke eine DM ohne Wechselkursdeckel in die Luft gehen, was zur Folge hat, dass unsere Produkte zu teuer werden, und wir sie nicht mehr in dem Maße absetzen können wie wir es mit dem Euro schaffen.

Hmm, das find ich jetzt ein komisches Argument. Die meisten deutschen Exportfirmen müssen sich immer noch "um so einen Mist wie Währungsschwankungen" kümmern, weil nach wie vor fast nur in Dollar gehandelt wird. Der Binnen markt spielt für Deutschland auch heute noch eine eher untergeordnete Rolle. Davon profitieren eher andere EU-Länder. Mir persönlich wäre es lieber, wenn die Produkte aus dem Ausland teurer werden, dann lohnt es sich auch wieder, sie im Land (in der eigenen Währung) herzustellen. Aber mit dem Euro kann man das ja alles vergessen.

Jedes Land in Europa wird früher oder später an seinen Schulden krepieren. Solange ein Staat sich jedes Jahr neu verschuldet, und wenn es nur 3% sind, bewegt er sich Schritt für Schritt in die Zahlungsunfähigkeit. Irgendwann frisst der Zinseszins jeden auf.

jurette_
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5

21.06.2011 - 09:24 Uhr
jurette_

"Was für die griechische Bevölkerung eine Tragödie war, wurde in Deutschland zu einem großen Teil zu einem Parteitag der Dummen, Ekligen und Rückgratlosen "

So stelle ich mir guten Journalismus vor. Sachliche Argumente, die mich voll und ganz überzeugen.

okkasionalsozialist
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1

21.06.2011 - 10:21 Uhr
okkasionalsozialist

@apollyon

einfache frage, einfache antwort: sie sollen ihre schulden zu einem großteil gar nicht zurückzahlen – weil sie es so oder so nicht können. das ist mit dem bereits oben angeführten wort "schuldenschnitt" gemeint, der ganz egal wie es weitergeht früher oder später unvermeidlich ist (aus diversen technisch-strategischen erwägungen heraus wollte man das aber eigentlich bis mind 2013 aufgeschoben wissen).

mit ihrer neualten währung hätten die griechen bessere chancen, bald zumindest einen teil der verbleibenden euro-altschulden bedienen zu können als in der euro-zwangsjacke. ökonomisch kann es dazu aus meiner sicht keine zwei meinungen geben – aber natürlich kann man politische gründe für den verbleib im euro höher gewichten als ökonomische, was aus meiner perspektive nur heißt, dass sich währungsrisiken noch stärker ballen und die nächste krise des notbeatmeten währungsraums noch dramatischer wird.

auch spd-häuptling gabriel fordert einen schuldenschnitt, will allerdings die griechen zugleich im euro halten. wahrscheinlich wagt er diese forderungsreihenfolge derzeit nur, um als opposition nicht vollkommen in vergessenheit zu geraten, weil ein echter, radikaler schuldenschnitt, der einer veränderung der eu-politischen rahmenbedingungen vorausgeht, aus sicht der kapitalmärkte ein so drastisches ereignis ist dass das vertrauen in die euro-zone, die autorität der ecb und den europäischen prozess mit einer gewissen wahrscheinlichkeit besonders nachhaltig gestört würde. darum wollen ihn so viele regierende und eu-/ecb-repräsentanten und würde auch eine regierende spd ihn zunächst vermeiden und zu einem späteren zeitpunkt in einem „neuen“, zentralistischeren europa technisch unauffällig gestalten wollen.

mir hingegen käme ein solcher vertrauensverlust natürlich gelegen. die rückverlagerung von souveränitätsrechten von der eu hin zu den nationalstaaten und die renationaliserung der währungsräume ist aus meiner sicht wünschenswert. größere politische entitäten wie die eu (als alternative zu den nationalstaaten) wissen eher schlechter, was gut für die menschen ist, können schlechte lösungen aber in der ersten phase ihrer machtübernahme leichter durchsetzen und selbst bei offensichtlichen mängeln länger aufrechthalten – denn gerade am anfang sind die furcht und auch ein bisschen noch der respekt vor der neuen machtfülle der größeren einheit erheblich, der gesamtgesellschaftliche diskurs lässt sich leichter unterdrücken (und selbst die gutwilligsten politiker können selten der versuchung widerstehen, dies zu tun, sobald sie in der lage dazu sind)

sicherheitspolitisch machen auch aus meiner sicht immer die größeren steuerungseinheiten sinn – so ist auch die weitgehend erfolgreiche vermeidung von kriegerischen auseinandersetzungen immer noch die eigentliche binneneuropäische errungenschaft. wirtschaftspolitisch und in hinsicht auf öffentliche haushalte (budgetrecht!) sind jedoch kleinere steuerungseinheiten vernünftiger, das schützt vor einem allzu schnellen kippen in totalitäre prozesse, zu dem staaten immer neigen, egal wie sie gebaut sind. und der scheinbaren ineffizienz zb mehrerer währungsräume steht die genauere kenntnis der kleineren steuerungseinheit realwirtschaftlicher wie soziokultureller faktoren gegenüber. die größe der steuerungseinheiten muss nicht in stein gemeißelt sein, aber aus dem vielgestaltigen europa quasi mit notstandsverordnungen (zb drohung mit wirtschaftlicher apokalypse) plötzlich und per überrumpelung eine politische union formen und dabei nationalstaatliche souveränitätsinstanzen austricksen zu wollen ist hochgefährlich.

zu den konsequentesten befürwortern der verlagerung nationaler souveränitätsrechte auf die europäische ebene gehören in deutschland die grünen. zugleich profitieren sie jedoch bei einem zentralen thema davon, dass die politische union europas noch nicht weiter fortgeschritten ist, denn ein alleingang in der frage der atomkraft in der derzeitigen form wäre dann nicht möglich gewesen. nur aufgrund der derzeitigen struktur konnte deutschland NOCH einen eigenen weg beschreiten und nur deshalb eine europaweite diskussion in gang bringen – und ganz egal was man von diesem konkreten thema hält, die hätte im einheitseuropa bei den bisherigen machtverhältnissen erst gar nicht stattgefunden. wer einen funktionierenden wettbewerb der ideen haben möchte, der sollte die unterschiedlichkeit der europäischen territorien schätzen und schützen – wo vereinheitlichung wirklich sinnvoll ist streben sie die menschen mit angemessenerem tempo von unten von selbst an. das schließt visionen nicht aus, aber die visionsgeber müssen sich gelegentlich bei ihren untertanen - mehr als nur formal - rückversichern wollen.

apollyon
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21.06.2011 - 10:25 Uhr
apollyon

Nick_ko sagte:
Hmm, das find ich jetzt ein komisches Argument. Die meisten deutschen Exportfirmen müssen sich immer noch "um so einen Mist wie Währungsschwankungen" kümmern, weil nach wie vor fast nur in Dollar gehandelt wird. Der Binnen markt spielt für Deutschland auch heute noch eine eher untergeordnete Rolle.


Aus Wikipedia:
"Im Jahr 2009 lag der Anteil der Ausfuhren in EU-Länder bei 62,3 Prozent des deutschen Gesamtexportes, in Euro-Länder bei 42,7 Prozent. Lediglich knapp 10 Prozent der deutschen Exporte gingen nach Amerika, 14 Prozent gingen nach Asien[23]."
http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_...

Nicht ganz so untergeordnet, der EU/Euro-Binnenmarkt.
Innerhalb des Euro-Raums wird sicherlich nicht in Dollar gehandelt.

Nick_ko
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21.06.2011 - 10:46 Uhr
Nick_ko

Lies mal den ganzen Artikel. Zweitwichtigster Handelspartner sind die USA, sechstwichtigster China, neuntwichtigster die Schweiz. Der massive Absturz der USA erklärt sich durch die Wirtschaftskrise, die die USA nachhaltig stört. Meines bescheidenen Wissens nach wird auch in der EU immer noch einiges in Dollar gehandelt, weil das vor Einführung des Euros die Standardwährung war und teilweise heute noch ist.

apollyon
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21.06.2011 - 11:24 Uhr
apollyon

Naja, wenn der wichtigste Handelspartner Frankreich ist (und die anderen Länder zwar kleiner die solche Schwergewichte USA/China sind, aber in der Masse eben doch noch was ausmachen), kann man sicher nicht von einer untergeordneten Rolle des Binnenmarkts sprechen.

Ich habe woanders noch was gefunden:
http://www.suite101.de/content/vorteile-...
"Immerhin gehen knapp ein Fünftel der deutschen Exporte nach Amerika und 30 Prozent aller Exporte werden in Dollar fakturiert, wobei allerdings rund die Hälfte der Exporte in die Eurozone geht."

30% Dollar. D.h. 70% nicht-Dollar. Ich vermute, ein Großteil der 70% sind Euro, habe aber keine Zahl zur Hand. Unbedeutend? Nicht so ganz.
Natürlich spielt der Dollar *auch* eine Rolle, nur ist die Abhängigkeit von Fremdwährungen nicht so groß wie vor der Währungsunion.

Daneben hatte meine Argumentation noch einen anderen Punkt: Durch die wirtschaftliche Wackeligkeit der gesamten EU gibt es keinen so starken Anzug des Euro gegenüber dem Dollar, wie das bei der DM mit einem boomenden Deutschland der Fall wäre. D.h. wir profitieren durch eine leicht abgeschwächte Währung, indem unsere Exportprodukte konkurenzfähig bleiben.

countuebles
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21.06.2011 - 13:31 Uhr
countuebles

@ okkasionalsozialist (Is wohl sehr occsional wenn Ich so lese was Du schreibst)

Erstmal in Rughe lesen bevor man an die Decke geht: Der Autor meint nicht alle Deutschen sondern BILD Redaktion oder Frank Schaeffler, die kuenstlich Ressentiments schueren (und diese Leute sorgen sich sicherlich eher weniger um die Finanzierung des Gemeinwesens, eher um ihre eigene).
Vielleicht nicht unbedingt 100% elegant formuliert diese Passage aber durchaus verstaendlich.


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Michalis Pantelouris