Das Leben verzockt?
Für viele sind Computerspiele ein Grund sich tagelang zu Hause einzusperren und zu zocken. Andere wiederum können nichts damit anfangen. Was ist besser? Ein Fall für Zwei.
Mein Name ist Cole Phelps. Es ist das Jahr 1947. Ich lebe in Los Angeles und arbeite als Detektiv. Ich trage Anzug und Hut. Mein Chef hat mich gestern befördert. Nachdem ich aufgedeckt habe, dass die zehn brutalen Raubmorde an verheirateten Frauen auf einen einzigen Täter zurückgehen, hat er mich zur „Sitte" versetzt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das wirklich eine „Beförderung" war. Vielleicht wollte mich mein Chef loswerden. Etwas stimmt mit dem Kerl eh nicht. Ich werde das noch herauskriegen... Aber jetzt muss ich zu einer Wohnung im Norden der Staat, in der zwei tote Junkies gefunden wurden.Falls du LA Noire nicht kennst – es funktioniert genauso wie GTA IV, nur dass es in Los Angeles im Jahr 1947 spielt und nicht in Liberty City. Falls du GTA IV nicht kennen solltest, tut mir das sehr leid für dich. Denn dabei handelt es sich um den Meilenstein der Computerspiele des letzten Jahrzehnts. Seit GTA IV bewegen sich Spieler frei in einer virtuellen Welt. Niko Bellic, also ich, konnte in GTA IV Leute verprügeln, erschießen, Autos stehlen, Sex mit Prostituierten haben, mit einer Panzerfaust Hubschrauber vom Himmel holen oder als ehrlicher Taxifahrer sein Geld verdienen und sich von seinem Lohn ein Eis kaufen. GTA IV schrie den Spieler an: „Es ist egal, was du tust. Es ist dein Leben." Als ich GTA IV spielte, schrieb man in der Welt der Arbeit, Freunde und Freundinnen das Jahr 2008. Die GTA-IV-Zeit dauerte lange, und darauf folgte die Zeit von Red Dead Redemption, in der ich als Cowboy durch den Wilden Westen ritt. Diese Zeit ging in der Außenwelt irgendwann im Winter zu Ende. Es folgte eine Periode in der realen Welt, in der die Dinge so leidlich funktionieren. Manches klappt, manches nicht, ich wurstel mich so durch. Vor ein paar Wochen hat die LA-Noire-Zeit begonnen.
Mein Kollege und ich sind auf dem Weg zum Tatort. Im Radio läuft Jazz. Wir reden über den Zweiten Weltkrieg. Ich war in Japan stationiert, irgendetwas Schlimmes muss damals passiert sein, aber ich kann mich nicht erinnern... Wir kommen in der Wohnung der Junkies an. Der Pathologe sagt, die beiden Opfer seien schon seit einigen Tagen tot. Ich untersuche die Leichen. Auffällig: In der ganzen Wohnung liegen Popcorn-Becher herum. Ich drehe den Becher um. Etwas war an der Unterseite des Bechers aufgeklebt.
Die Sonne geht auf und unter und wieder auf, während in der Außenwelt drei Stunden vergangen sind. Drei Stunden, die ich in der Außenwelt in verkrüppelter Halbsitzposition auf einem Klamottenberg, der wiederum auf meiner Couch liegt, verbracht habe. Vor mir stehen ein überfüllter Aschenbecher, daneben ein Eisbecher vom vergangenen Sonntag und ein seit einer Woche nicht mehr gespültes Teeglas. Meine Füße sind so gut wie nicht durchblutet, mein Nacken schmerzt. Bis zu 30 Stunden beträgt die Spielzeit von LA Noire – wenn man sich nur auf die Hauptstory konzentriert und konsequent alle Nebenstränge ignoriert.

Ich spiele, seitdem meine Eltern einen C64 kauften. Ich war acht. Ich habe das einmal überschlagen: Mindestens eine Stunde pro Tag Spielzeit macht in einem Jahr knapp 400 Stunden. In 24 Jahren kommen so 9600 Stunden zusammen. 9600 Stunden Lebenszeit verspielt. Laut Malcolm Gladwell, Autor des Buches „Überflieger", ist das die Zeit, die ein Mensch braucht, um es in einem Gebiet zu absoluter Meisterschaft zu bringen. Stark verkürzt lautet seine These: Es kommt nicht auf Gene oder Talent an. Nahezu alle Genies der Weltgeschichte haben schon jung 10.000 Stunden Übungsstunden hinter sich gebracht. Die Beatles traten in ihrer Anfangszeit in Hamburg nahezu täglich acht Stunden lang in Clubs auf, Bill Gates programmierte Tag und Nacht, Mozart hatte bis zum seinem 19. Lebensjahr mehr als 10.000 Stunden komponiert und musiziert. Ich habe gespielt: „Summer Games" und „Last Ninja" auf dem C64, „Pirates!" und „Sim City" auf dem Amiga 500, „Civilization II", III und IV auf dem PC, „GTA" und „LA Noire" auf der Xbox 360. Was bringen 10.000 Stunden Spielzeit? Was wäre, wenn ich 10.000 Stunden gelesen, geschrieben oder gekocht hätte? Wäre ich erfolgreicher? Klüger? Glücklicher?
In der Küche finde ich einen weiteren Popcornbecher. Auf der Rückseite entdecke ich eine kleine Morphium-Packung aus Beständen der US Army und eine Zettel mit Gekritzel, das keinen Sinn ergibt. Mein Kollege sagt: „Sehen wir uns den Popcorn-Laden gegenüber an!". Ich durchsuche den Laden. Als ich auf einen Karton voller Morphium-Packungen stoße, flüchtet der Verkäufer. Mein Herz schlägt schneller. Ich verfolge ihn durch Vorgärten und Seitengasse. Er rennt auf ein Dach. Oben stelle ich ihn. Es kommt zu einer Schlägerei.
Ich bin glücklich, wenn ich spiele. Als „Flow-Erlebnisse" bezeichnet man in der Psychologie Tätigkeiten, in denen wir die perfekte Balance zwischen Über- und Unterforderung spüren. Es ist ein scheinbar müheloser, hoch konzentrierter Glückszustand, in dem wir vollkommen in einer Tätigkeit aufgehen und unsere Außenwelt fast nicht mehr wahrnehmen.
Ich schlage den Verdächtigen nieder und verhöre ihn. Ich frage ihn nach seinen Lieferanten. Er lügt, das sehe ich an seiner Mimik.
Das Telefon klingelt. Gleich, ich gehe gleich hin.
Ich schreie ihn an: Sag die Wahrheit!
Ich gehe ran.
Er sagt: Ramez. Ramez hat das Morphium gebracht. Ich muss ihn finden.
Sie sagt: Spielst du immer noch? Es gibt noch ein Leben da draußen, vergiss es nicht ganz.
philipp-mattheis
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