ART BASEL
ART BASEL
Es ist wieder soweit. Von der Mittleren Brücke wehen bunte ART-Fahnen. Die Hotelpreise erreichen schwindelerregende Höhen. Durch die (ja doch recht kleine) Stadt spaziert merklich Unterhaltsameres als sonst. Eine Typologie, leider ohne Illus

Der Exot.
Ai Wei Wei war nicht zu bekommen, also hat man einen mindestens ebenso kontroversen chinesischen Künstler eingeladen. Der kleine Mann trägt Barett, Latzhose und finsteres Gesicht und wird von Galeristen und Presse kreischend umschwärmt, während die -> Rentnergruppe in ergriffenem Schweigen Abstand wahrt, als sei der Dalai Lama persönlich in der heimischen Volkshochschule aufgetreten.
Wiebke.
Lehrertochter Mitte Zwanzig, die bei der ART ein Praktikum machen darf. Studiert Kunstgeschichte und BWL, möchte später mal zu Sotheby’s oder Christie’s. Trägt weiße oder rosa Blusen und Perlen, hat langes, glattes, blondes Haar. Schämt sich für den vollbärtigen, birkenstocktragenden Chemielehrervater, der sich von seinem “Frollein Tochter” einmal herumführen lassen möchte. Würde sich mehr als einen Zeh abhacken, um die Aufmerksamkeit des -> Grafen zu erregen.
Der Graf.
Christian Benedikt von X zu Y, macht ebenfalls ein Praktikum, “nur so aus Interesse”, denn eigentlich studiert er BWL und Forstwirtschaft, um die elterlichen Besitzungen später verwalten zu können. Wird (nicht viel später) eine bildschöne, ebenfalls adlige Cellistin heiraten und mit dieser vier wohlgeratene Kinder zeugen.
Das Kunstwerk.
Das kahlköpfige, pinkgekleidete Paar, das seit Jahren auf jeder Hundsverlochete auftritt, sofern sie nur irgendwie mit Kunst zu tun hat. Begeistert fotografiert von der -> Rentnergruppe.
Der junge Wilde.
Stammt ursprünglich aus Dußlingen bei Gomaringen, ist aber gleich nach dem Abi nach Berlin abgehauen, weil er es bei den Schwaben da unten einfach nicht ausgehalten hat. Lebt in der Wohnung seiner Freundin, die Sekretärin ist und es total gut findet, eine angehende Berühmtheit zu unterstützen, auch wenn er nie den Abwasch macht. Hat mit Freunden schon Aktionskunst im Plattenbau gemacht und letztens eine Ausstellung in Österreich kuratiert. Wie er aussieht, muß man ja wohl nicht beschreiben.
Die Schwulenmafia.
Allgegegenwärtig wie im DFB und voll verschiedenster Erscheinungsformen. Vom buntbrilligen Mittsechziger, der zum schwarzen Rolli eine schrillgrüne Seidenjacke trägt und die jungen Schwulen alle viel zu brav findet, über den diskret-ledrigen Armani-Greis, der die Mailänder Galerie X vertritt, bis hin zum allseits begehrten jungen Hüpfer, der sich anders als -> Wiebke um kein Praktikum bemühen muß und stattdessen gelassen auf seinen süditalienischen Charme und das Matrosenshirt unterm Sakko vertrauen darf.
Roman Abramovich.
Klein, sexy und ein bißchen rattig schlurft er durch die Gänge, hemdsärmelig-unrasiert in Jeans, so unauffällig, daß mancher erst dann erstarrt, wenn er schon vorbei ist und das hastige Geflüster losgeht. Spricht mit niemandem, das erledigt sein Agent, der hie und da auch mal versucht, Museumsbestände aufzukaufen, die an der ART nur werbehalber aufgestellt sind.
Das Model.
Vorzugsweise Afrikanerin und zwei Meter groß. Seltsam kolonial anmutende Trophäe eines minderen Oligarchen. Bewegt sich in einer Entourage, steht der -> Schwulenmafia nahe.
Der Star.
Brad Pitt zum Beispiel, der mal eben einen schauderhaften (!) Neo Rauch für eine Million ersteht. Owen Wilson, den man an der ART gar nicht sieht, dafür aber am Nachmittag in der Badi Eglisee. Karl Lagerfeld, den überhaupt niemand sieht, aber es steht am nächsten Tag in der Zeitung. Silvester Stallone: winzig klein, dunkelorange, mit Permanent-Makeup und gefärbtem Haar.
Rentnergruppe
Die wirklich Glücklichen. Die pensionierte Kunstlehrerin mit der asymmetrischen Frisur, die ihrer scheuen Hausfrauenfreundin alles erklären kann. Der emeritierte Wirtschaftsprof, der alles nach 1950 Entstandene bellend als “Kikifax” bezeichnet. Das enthusiasmierte Studienrats-Ehepaar, dessen Tochter Fotografie studiert hat, weswegen man sich jetzt ein wenig auskennt. Verbringen einen traumhaften Tag in Basel, nur wird am Abend einer der Damen die Handtasche gestohlen, und das in der Schweiz.
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eisengrau sagte:
Ansonsten, sehr schöne Bestandsaufnahme. Ich kann mir das sehr schön vorstellen, wie Du da mit fiebrigem Blick und heftig arbeitenden Sprachzentrumssynapsen durchgelaufen bist. :-)
Diesmal nicht. Ich bin nur heute am Bahnhof vorbeigefahren, wo haufenweise Rentnergruppen und Wiebkes ausschwärmten.
alces sagte:
High-end Menschenzoo, und ich habe keine Erdnüsse mehr...
Alle im Ticker verteilt? ;-)
Purcell sagte:
'Kikifax' als Terminus technicus der Kunstkritik, das ist gut. Merk ich mir (zumindest für die Zeit, wenn ich dann endlich khaki-farbene Bundhosen bis über den Bauchnabel ziehen, Brille mit dünnem Goldrand tragen und meine letzten verbliebenen Haare über die Stirnglatze kämmen darf).
*flüstert*
die Bauchtasche nicht vergessen, auf Reisen ungeheuer praktisch!
klinsmaus sagte:
hahaha. Sehr gut!
und das von Dir *errötet*
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14.06.2011 - 15:01 Uhr
eisengrau
jahaha, beim Biennale-Bericht des ZDF nachtstudio sind sie auch durchs Bild stolziert. Ich dachte schon: verflucht, schon wieder irgendwelche Shooting Stars auf dem Markt, von denen ich noch nie was gehört habe, aber Deine Beschreibung verrät mir, dass ich mich wohl nicht irgendeiner gravierenden Wissenslücke schämen muss.
Ansonsten, sehr schöne Bestandsaufnahme. Ich kann mir das sehr schön vorstellen, wie Du da mit fiebrigem Blick und heftig arbeitenden Sprachzentrumssynapsen durchgelaufen bist. :-)