Wenig besitzen, aber viel Freiheit haben - das Minimalismus-Interview
Sebastian Michel ist "Mr. Minimalist". Der 21-jährige Berliner hat Minimalismus zu seinem Lebensstil erkoren. Er hat zwar nicht genau nachgezählt, aber er vermutet, dass er maximal 120 Dinge besitzt.
jetzt.de: Was bedeutet es für Dich „Mr. Minimalist“ zu sein, bzw. was verstehst Du unter Minimalismus?Sebastian: Dieser Lebensstil gibt mir die Möglichkeit, mein Leben mit so viel Wert wie möglich zu füllen. Aber eben nicht mit materiellem Wert, sondern mit meinen Leidenschaften und Zielen. Ich schreibe sehr gern, gerade auch an einem Buch. Ich bin dabei ein Start-Up-Unternehmen zu gründen und ich lerne gern viele neue Orte, Menschen und Kulturen kennen.

jetzt.de: Welche Vorteile hat so ein Lebensstil?
Sebastian: Ich bin kaum an etwas gebunden. Das einzig Verbindliche ist mein Laptop, den ich zum Schreiben und zum Arbeiten brauche. Später möchte ich gern eine Art digitaler Nomade sein, also von jedem Ort arbeiten und dort leben zu können. Wenig zu besitzen macht das einfacher, man ist unabhängiger und freier.
jetzt.de: Und gibt es auch Nachteile oder Dinge die Du vermisst?
Sebastian: Nein, da fällt mir nichts ein. Aber das hängt mit meiner Grundeinstellung zusammen. Ich beschränke mich nicht um des Beschränkens Willen. Die Motivation, warum man auf etwas verzichtet, ist wichtiger. Beispielsweise hätte ich meinen Fernseher auch wieder zurückgeholt, wenn ich gemerkt hätte, dass mir dadurch Lebensqualität fehlt. Aber jetzt habe ich Zeit, mehr für mich und meine Ziele zu tun. Ursprünglich bin ich faul und es ist einfacher samstagmorgens nach dem Aufwachen den Fernseher einzuschalten, statt sich um das Start-Up oder das Buch zu kümmern. Ohne Fernseher fokussiere ich mich aber auf die Dinge, die mir eigentlich wichtig sind. Das ist die Philosophie, die für mich dahinter steckt: den Moment zu genießen und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die einem wichtig sind.
jetzt.de: Was hat sich für Dich und in deinem Alltag verändert?
Sebastian: Ich lebe bewusster, alles ist aufgeräumter. Nicht nur im materiellen Sinne, sondern auch bezogen auf den Freundeskreis. Ich habe auch überlegt, welche Beziehungen zu Freunden ich aufrecht erhalte. Ich denke, wenn man sich verändert und ein neues Ich entwickelt, dann muss ein Stück vom alten Ich dafür sterben. So war das auch bei mir. Und dadurch hat sich auch mein Umfeld verändert.
jetzt.de: Und warum hast Du dich dazu entschieden, minimalistisch zu leben?
Sebastian: Ich bin ein sehr nachdenklicher Mensch und analysiere mich selbst. Ich war einfach unzufrieden, hätte gern mehr für die Uni getan und meine Träume verfolgt. Tatsächlich war ich aber unmotiviert und habe einfach so in den Tag hinein gelebt. Daran wollte ich etwas ändern und habe nach einer Lösung gesucht. Ich bin dann auf Leo Babauta gestoßen, der das Blog „Zen habits“ schreibt und in den USA als Begründer des modernen Minimalismus gilt. Er war für mich eine große Inspiration, weil ich wusste, dass ich mich verändern wollte, aber noch auf der Suche war, was ich verändern musste. Einen solchen minimalistischen Lebensweg einzuschlagen erschien mir sinnvoll.
jetzt.de: Aber man entscheidet ja nicht von jetzt auf gleich, sein ganzes Leben umzukrempeln?
Sebastian: Doch. Ich habe mich gefragt: Wo will ich in einem Jahr sein? Ich habe zehn Dinge aufgeschrieben, die ich machen will, zum Beispiel ein erfolgreiches Unternehmen gründen. Im ersten Moment ist das ein sehr großes Ziel und das wirkt beängstigend. Aber wenn man das auf 12 Monate verteilt und für jeden Monat Etappenziele festlegt und sich für jeden Tag drei Dinge überlegt, die man erledigen will, wirkt das nicht mehr einschüchternd. So hat das angefangen. Mittlerweile ist das so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich mir die Punkte kaum noch aufschreiben muss.
jetzt.de: Dafür schreibst Du andere Dinge auf – zum Beispiel bloggst Du über deine Erfahrungen mit dem Minimalismus.
Sebastian: Ja. Zuerst hatte ich ein anderes Blog, aber kein Thema, über das ich leidenschaftlich schreiben konnte. Jetzt habe ich eines. Eines, mit dem ich mich intensiv auseinander gesetzt habe und was ich lebe. Ich schreibe über meine Geschichte auch um anderen Menschen Inspiration zu liefern. Denn das ist tatsächlich die häufigste Reaktion: Menschen melden sich und erzählen, wie toll sie die Idee finden und dass sie da für sich drüber nachdenken. So mache ich den Minimalismus natürlich bekannter. Aber nicht weil ich will, dass sich alle vom Konsum losreißen, sondern um zu zeigen, dass man mit Minimalismus seine individuellen Träume und Ziele besser verfolgen kann.
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Aha - und dann also auch ohne Internet? Nee nee, Internet hatter ja wohl doch. Erkläre mir mal bitte jemand wie man im Internet nicht genauso gut zappen und sich berieseln lassen kann wie mit der Glotze? Abgesehen davon dass man ja auch im Internet TV gucken kann...
10.06.2011 - 20:52 Uhr
soylentyellow
Obwohl ich dem Minimalismus in der Hinsicht durchaus zustimme dass zu viele Dinge zu besitzen belastend sein kann und dass weniger durchaus mehr sein *kann* (nicht: muss)
10.06.2011 - 21:46 Uhr
willhimtell
willhimtell sagte:
Fraglich nur, wie sehr hinter dem ganzen auch wieder ein funktionales Leistungsdenken steckt: So kann ich meine Ziele besser erreichen, effektiver handeln etc.
jepp, dis ging mir beim lesen auch durchn kopf; so von wegen "mein start-up, mein buch da."
jede wette, dass er'n macbook hat, von dem aus er über sein start-up twittert ;o
Interessant übrigens auch, dass MrMinimalist (als Blog) schon ganze drei Monate und "a paar Zerquetschte" alt ist. Mal schauen, was im Laufe des Jahres noch so alles passiert...
Wenn ich als 35jähriger so was von einem 21jährigen lese/höre, möchte ich ihm einfach nur eine reinhauen
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10.06.2011 - 19:57 Uhr
CptnTrash