„Ich will keiner Partei schaden“
Die Plagiatsjäger im Netz sind wieder fündig geworden: Sie wollen in der Doktorarbeit des Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai Plagiate entdeckt haben. Der kommt wieder aus dem Koalitionslager einen Oppositionspolitiker hat es bisher nicht getroffen. Zufall? Wir haben bei einem Plagiatsjäger nachgefragt.
Hindemith nennt er sich im Forum von VroniPlag, und er möchte lieber anonym bleiben. Nur so viel sei gesagt: Er ist Mitte 30, Mathematiker und arbeitet in der Finanzindustrie. Er hat im aktuellen Plagiatsfall des FDP-Politikers Bijan Djir-Sarai mitgearbeitet, und zuvor schon Fragmente der Arbeit von Georgios Chatzimarkakis überprüft.
jetzt.de: Macht es dir eigentlich Spaß, Politiker zu entlarven? Oder geht es dir eher um den Ruf der Wissenschaft?
Hindemith: Gute Frage, bei mir ist das eine gewisse Mischung: ich war von dem Auftreten zu Guttenbergs empört, keine Frage. Aber das ist nicht meine Hauptmotivation. Ich würde sagen, mir geht es um Ehrlichkeit und klares Denken an sich, und in der Wissenschaft insbesondere. Ich will auch keiner Partei schaden. Überhaupt finde ich, dass sich hier hauptsächlich einzelne Personen unmöglich machen, nicht Parteien.
Wobei es schon sein könnte, dass zum Beispiel die Umfragewerte der FDP auch in den Keller gehen, weil sich in der Partei die Plagiatsfälle häufen, oder?
Na ja, ich glaube, das hängt dann davon ab, wie die Partei damit umgeht, glaube ich. Zum Beispiel die Reaktion der Bundeskanzlerin zum Thema Guttenberg war sehr schädlich auch für sie, denn sie hat mit ihrer Aussage, sie habe Guttenberg als Verteidigungsminister berufen und nicht als Wissenschaftler, alle Wissenschaftler gering geschätzt. So etwas sollte man nicht tun.
Das heißt, du glaubst nicht daran, dass ihr als Plagiatsjäger per se auch politischen Einfluss habt?
Doch, im Endeffekt wahrscheinlich schon, aber das ist nicht mein Hauptantrieb. Und ich glaube, das trifft wohl auf die meisten VroniPlag-Autoren zu, obwohl es da Ausnahmen geben mag.
Warum hat es bisher eigentlich keinen Oppositionspolitiker getroffen?
Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, und die Antwort ist ganz einfach, weil auf VroniPlag noch niemand einen konkreten Anfangsverdacht zu einem Oppositionspolitiker gepostet hat. Konkreter Anfangsverdacht heißt dabei: einige Stellen mit Beleg, dass plagiiert wurde. Jeder, der will, kann solch einen Verdacht auf Vroniplag hinterlassen, und ich bin sicher, dass er Fall weiterverfolgt würde.
Wurde denn überhaupt schon in Oppositions-Arbeiten gesucht?
Ja, es wurde schon in Oppositionsarbeiten gesucht, ich glaube es wurde sogar ein Preis ausgelobt für den, der den ersten „Oppositionsfall“ findet. Es ist nur so, dass das genaue Durchsuchen einer Arbeit sehr aufwändig ist, und nur dann voll anläuft, wenn tatsächlich Plagiatsstellen gefunden wurden: daher ist es schwierig zu sagen, eine Arbeit ist hundertprozentig sauber – die allermeisten Arbeiten sind aber natürlich vollkommen in Ordnung.
Es wäre euch also eigentlich ganz recht, wenn ihr einen Fall von SPD oder Grünen hättet? Weil dann wenigstens die Fragen aufhören würden, ob ihr parteiisch seid?
So ist es – zumindest geht es mir so. Man muss immer vorsichtig sein, wenn man von „Wir“ spricht. VroniPlag ist ein Wiki, bei dem jeder mitmachen kann, es gibt also verschiedene Meinungen und Motivationen.
Sind die meisten denn politisch motiviert? Oder ist auch denkbar, dass demnächst Plagiate von Wirtschaftsbossen auftauchen?
Ich glaube die meisten Wiki-Autoren wollen vor allem gegen den Missbrauch der Wissenschaft zu Imagezwecken vorgehen. Und Wirtschaftsbosse wurden auch schon untersucht.
Warum wollt ihr eigentlich anonym bleiben?
Auch da gibt es verschiedene Motivationen: einige legen sehr viel Wert auf Anonymität, andere weniger. Ich will mir meine Privatsphäre erhalten, und außerdem finde ich, dass sich die Diskussion ausschließlich auf die gefundenen Plagiate konzentrieren. Es ist beeindruckend, wie schnell die Leute – und auch die Presse – sich von den eigentlichen Plagiatsfunden abwenden und die Motivationen derjenigen untersuchen wollen, die diese Stellen gefunden haben. Als ob das Plagiat an sich irgendwie weniger schlimm wäre, wenn es von einem politischen Extremisten, Versager, Denunzianten oder sexuell frustrierten Wichtigtuer gefunden worden wäre.
Hat das vielleicht auch etwas damit zu tun, dass dem Plagiate-Suchen irgendwie auch etwas Unsymphatisches anhaftet? In der Schule wäre ein Mitglied von VroniPlag wahrscheinlich nicht der Beliebteste in der Klasse gewesen...
Ich glaube nicht, dass es unsympathisch ist, bei VroniPlag mitzumachen. Meine Freunde und meine Familie wissen, dass ich dabei bin, und die finden das zumeist gut. Jedenfalls wenn es nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt – und momentan verbringe ich schon manchmal vier Stunden am Tag damit. Um auf deinen Vergleich mit der Klasse zurückzukommen: Ich glaube, dass sich das mit der Schule überhaupt nicht vergleichen lässt. Da geht es nicht um wissenschaftliche Meriten, und früher habe ich immer allen beim Abschreiben geholfen.
- Der Panda in mir 25.05.2012
- „Es muss eine klare Zuordnung geben“ 25.05.2012
- "Ich würde ihr keinen Rassismus bescheinigen" 24.05.2012
- "Seit Aristoteles wird geklagt, die Jugend sei nicht leistungsfähig" 22.05.2012
- „Ein bisschen geil“ 20.05.2012
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
aber cool, was er macht :)
Komisch auch, dass sofort nachdem jemand etwa Gysis Machwerk nominiert hat, der Vorschlag mitsamt User gelöscht wurde.
Wenn das nicht politisch sein soll, und vor allem politisch gerichtet, dann muss man schon seeehr blind sein.
Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: Entweder sind die Parteistrategen von CDU und FDP zu blöd, selber Plagiate bei den Oppositionsparteien zu finden, oder es gibt halt keine (oder zu wenige). Was z.B. daran liegen könnte, dass für den Karriereweg in "linken" Kreisen ein Doktor nicht so wichtig ist.
Aber das wäre ja zu langweilig.
Unglücklicherweise haben viele der von mir am intensivsten gehassten Figuren nicht studiert.
ODER es ist eben ein bisschen schwieriger als bei den bisher gefundenen. aber dann ist es nur eine frage der zeit, bis eine gefunden wird. also keine angst. bis dahin am besten etwas sinnvolles machen! zum beispiel mitsuchen.
fraeuleiningeborg sagte:
@Awesomeness:
Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: Entweder sind die Parteistrategen von CDU und FDP zu blöd, selber Plagiate bei den Oppositionsparteien zu finden, oder es gibt halt keine (oder zu wenige). Was z.B. daran liegen könnte, dass für den Karriereweg in "linken" Kreisen ein Doktor nicht so wichtig ist.
Aber das wäre ja zu langweilig.
Nein. Es bringt nicht so viel Leute zu zerschiessen die nicht im Rampenlicht stehen. Wenn ein x-beliebiger Abgeordneter der noch nie aufgefallen ist seinen Dr. verliert, geht das ganz sang und klaglos. Und verschwindet auch so bis zur naechsten Wahl. Seinen direkten Konkurrenten ist damit nicht gedient.
drolli sagte:
Nein. Es bringt nicht so viel Leute zu zerschiessen die nicht im Rampenlicht stehen.
chatzimarkakis steht im rampenlicht? koch-mehrin? von dem anderen habe ich noch nie gehört...
Alle Kommentare anzeigen








0
03.06.2011 - 20:02 Uhr
Gernot89