Zurück auf die Dächer von Berlin
In den letzten Jahren war alles so kompliziert.Und jetzt kaufst du mir Mädchenbier und bringst mich zur Ringbahn und gibst mir deinen Pulli mit.
Es ist einer dieser gestreiften Kapuzenpullis, die ich immer mochte an Jungs. Du hast auch die Jeans an, die ich gut fand, seit ich 16 war Du trägst endlich die richtigen Boxershorts, die ich bei meinen Exfreunden immer vermisst habe. Das hab ich gesehen, weil dein Gürtel rutscht. Auf dem steht "Vans". Wie deine Schuhe.
Du hast eine Band. Und auch wenn du es nicht direkt sagst, höre ich heraus, dass du dran glaubst, dass ihr bald Erfolg haben werdet. Wenn ihr euer Album aufgenommen habt. Und das ist für nächsten Monat geplant.
Du hast auch irgendeinen Quatsch studiert. Findest du. Aber egal, weil du machst ja jetzt sowieso was anderes.
Wenn ich über das Frauenbild in den Medien rede, legst du deinen Kopf auf meine Knie und sagst, das sei doch alles gar nicht so schlimm. Und wenn ich behaupte, dass das daran läge, wie man dies und das und jenes alles unter einen Hut bringen soll, dann lachst du und sagst, dass doch sowieso alles irgendwie von selbst passieren wird und man sich deshalb keine Sorgen machen müsste.
Wir sitzen an der Spree und teilen uns eine Brezel und du erzählst, dass dein Lieblingsessen eigentlich Tiefkühlpizza sei, aber ohne Salami, denn du bist Vegetarier. Wie ich.
Du bist politisch und kennst die ganzen Hausprojekte in der Gegend. Regst dich auf, weil Mercedes ein Gebäude in Friedrichshain bauen wird, das die normalen Häuser überragt und auch draüber, dass es zwei Brüder gibt, die den ganzen Kiez aufkaufen.
Und ich? Ich bin nach vielen Jahren endlich frei von den Ansprüchen, jemandem ständig genügen zu müssen. Und mag, dass es nicht jeden Tag ernst sein muss und "für immer" und kompliziert. Wenn ich dich treffe, ziehe ich Sommerkleider an und hüpfe vom Bordstein. Und an der Warschauer Straße setze ich mich auf die Stange zum Warten und trinke Club Mate.
Es ist irgendwie selbstverständlich, dass wir nur knutschen, nichts weiter. Ich bin das gar nicht mehr gewohnt. Wir gehen auch nicht zu dir, als wir um 3 Uhr nicht mehr wissen, wo wir noch hinsollen, weil deine Lieblingsbars alle überfüllt sind. Was willst du machen, fragst du mich. Und ich sage das, was jetzt passt. Dass ich eigentlich mal auf die Dächer von Berlin wollte. Ich gebe sogar zu, dass das der Hauptgrund war, aus dem ich nach Berlin gekommen bin. Natürlich kennst du eins.
Ich fühle mich da oben wie 16. Alles mit dir fühlt sich an wie 16. Und du bist der Freund, den ich mit 16 haben wollte. Als du mich küsst, kichere ich und sage, hör auf, das ist mir echt zu romantisch. Aber es ist gut. Auf die Dächer von Berlin zurückzukehren ist gut, denn als ich 16 war, hab ich mich dort nicht hingetraut.
DoktorGarchingHydrogeniiMoessbauerensis sagte:
auf welchem Dach in Berlin warst Du denn jetzt - das wäre interessant zu wissen..
hmm... ich weiß es zwar sowieso nicht, aber sollte man es auch nicht lieber geheimhalten :) ?









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03.06.2011 - 01:14 Uhr
golden_platitudes