das glück zu anderen zeiten
Da war eine Nacht und eine Nachricht und alles war anders, Da ist der Tag, der noch ist, und an dem alles ist wie immer und genau dieses immer, das scheint dich zu verspotten, mein Herz, es kichert albern und zeigt mit dem Finger und ruft: Schau doch, die Müdigkeit und die dicke Frau an der Bushaltestelle und der Berufsverkehr, der Bäckerkaffee, dein Grüßen, der Schlüsselbund, das Büro und der Schreibtisch. Alles wie immer, ist das nicht lustig? Der Papierstapel auf dem Tisch ein wenig schiefer, na gut, aber das Passwort noch das selbe und die Böen, die der Computer auf deine Füße bläst von der Anstrengung des Hochfahrens, das ist doch wie immer, also was willst du, verzweifeln jetzt? So aus dem Nichts, ich bitte dich, der internationale Reiseverkehr hat immer noch Schwierigkeiten und Politiker regen sich auf und die Wirtschaft beschwert sich noch lauter und die Antifa Arbeitsgruppe-Nord plakatiert aus Protest auf all das dann wieder das neue Cafe an der Ecke, in dem vorher ein Asiamarkt war, ein Kiosk, was weiß ich. Und irgendeiner fühlt sich ideologisch betrogen und bestimmt hat ein Politiker wen geprellt ganz gemein und ein Schauspieler hat seine Gattin hintergangen, aber was soll ich dir sagen, mein Herz, das ist auch immer so und schau, jetzt fühlst du dich auf einmal mit angesprochen und schau, du findest, dass dir die Schauspielergattin in die Augen zu blicken scheint und ach, du konjugierst im Kopf das Wort „betrügen“ in allen im Deutschen verfügbaren Zeiten durch und wer hätte es gedacht, davon geht es dir nicht besser.
Als du bei „ er wird betrogen haben“ angekommen bist und dir langsam deine grammatikalische Sicherheit ebenso abhandenkommt, wie die über das, was gestern noch deine Liebe war, Komma die Echte, fängst du endlich an zu weinen. Zum Glück aber weißt du genau, dass das, was so rauscht, noch immer der altersschwache Computer ist, sonst müsstest du fast glauben, es ist dein Herz, das flattert so laut, aber schnell verdrängst du ihn wieder, diesen Pubertätsgedanken und du flüchtest auf die Toilette und in den Spiegel starrst du da und schnäuzt dich ins grüne Papier und Ja, der Heuschnupfen, schlimm dieses Jahr, sagst du, als du dich an der Sekretärin vorbei wieder an deinen Platz mogelst.
Diese Pollenallergie wird nicht davon besser, dass du dich mit zitternden Händen wieder in deinem Postfach anmeldest und zum 27ten Mal auf die Nachricht starrst, die nicht für dich ist und doch ist da dein Name als Empfänger drin und nicht der andere, und Name und Absender, die stimmen noch, die passen doch immer noch ganz prima zusammen, aber dann kommt die Anrede und alles fängt an sich zu drehen, dass dir schwindlig wird. Liebste Daniela. Das bist du nicht. Da bist du dir sicher.
Liebste Daniela, ich vermisse dich auch!!!!Das war so schön mit dir gestern und schön dass du da warst J und ich kann deinen körper noch spüren und ich glaub, mein auto wird nie wieder so sein wie voher!!! Du schöne frau bis bald! ;* küsse!
Daniela also, jetzt ausgerechnet Daniela, die verschwunden und versenkt geglaubte und für immer losgeworden, die ist also wieder da oder besser sie war da, sie war gestern da und dann kann es auch keine Verwechslung mehr sein, denn du warst ja gestern nicht da, du warst hier und hast dir ein Brot gemacht und bist früh schlafen gegangen. Aber jene Daniela, die hat also zu der Zeit was mit ihrem Körper gemacht, dass noch zu spüren ist und sieh an, Küsse hat sie auch verdient, aber ist sie so schön, dass ist sie doch nicht, dass ist sie doch ganz und gar nicht und mit einem Wimmern, das man noch als allergischen Husten tarnen kann, schließt du das Postfach, nur um es sofort wieder zu öffnen. Die Nachricht ist immer noch da und der Absendername ist auch noch der selbe und selbst wenn Daniela da etwas verwechselt haben sollte oder plötzlich verrückt und wahnhaft geworden ist, diese bräsige Grundschullehrerin, zuzutrauen ist es ja diesen früh gealterten Jungbeamtinnen, selbst dann hätte doch der Absender jetzt nichts über Küsse und Körper geschrieben, sondern er hätte sie höflich, aber bestimmt auf ihren Irrtum hingewiesen. Und du zögerst noch und dann klickst du auf Email weiterleiten und „an Absender weiterleiten“ und du beginnst diese offensichtlich fehlerhaften Sätze ordentlich zu korrigieren, denn nur weil du keine blondierte Frustfrau mit Mittelstufe morgens um 9 bist, heißt das noch lange nicht, dass du nicht auch falsche Sätze verbessern kannst.
Liebe Daniela, wieso vermisst du mich? Nimmst du diese starken Medikamente nicht mehr? Du warst zwar gestern da, ungefragt und jetzt, wenn ich so darüber nachdenke, war ich ziemlich erleichert, als du wieder weg warst. Obwohl, es war nett von dir, dass du dir angehört hast, wie gut es mit meiner Beziehung läuft und obwohl du ja schon so lange alleine bist, hat es dir ja vielleicht geholfen, dass ich dir davon erzählt habe, wie glücklich ich bin in meiner Beziehung und auch so monogam, das liegt nämlich gerade im Trend und ich finde das toll so. Dass du dann zum abschied noch deinen Körper an meinen pressen musstest, das hätte nicht sein müssen, ich spüre den immer noch und auch den leichten vanillegeruch von deinem sportlehrerdeo und es ist mir unangenehm. Ich fürchte, mein auto wird noch lange danach riechen, auch wenn du nur 3 minuten darin gesessen hast, weil ich dich zu einem hotel bringen musste. Wärst du nur halb so schön, wie du bösartig bist, ich würde dich trotzdem nicht wiedersehen wollen. Bitte lass mich in ruhe und melde dich nie wieder.
Und obwohl da diese Stimme in deinem Kopf noch was murmelte von impulsiv und von erst nachdenken und von bereuen und von nicht jetzt überstürzen, muss die Maustaste versehentlich den kleinen Kasten mit Senden gedrückt haben und die Nachricht verschwand und dafür stand da jetzt gesendet und wirklich, ich möchte jetzt nicht noch einmal dir gegenüber diese peinliche Prozedur erwähnen, bei der du mit hektischen Schlägen gegen den Bildschirm versucht hast, diesen Text aus dem Internet zurückzuholen und auch nicht erneut erwähnen, dass es in diesen Momenten auch mit Beten immer etwas zu spät ist.
Dann bist du raus auf die Dachterrasse gegangen und hast nochmal geweint und dabei 7 Zigaretten geraucht und dein Handy hat geklingelt, einmal, mehrmals, und wie die Zigaretten leer waren, bist du dann doch rangegangen und hast Ja gesagt und auf das Schweigen und Atmen am anderen Ende der Leitung gelauscht und wie die Stimme deinen Namen nannte und dann wieder still war und nochmal deinen Namen nannte. Hast zugehört wie die Stimme ganz klein und traurig wurde und ihre Sätze in immer weniger Wörter presste, in ein ichwolltenichtdassdaspassiert und eshatwirklichnichtsmitdirzurtun und warumsagstdudennnichtsherrgottichweißdochauchnicht.
Und weil dein Gesicht nach dem ganzen Weinen und Schreien und Reflektieren und dem Vorwerfen und dem Drohen und dem betroffen Schweigen und dem hilflos Schweigen und dem endgültig Schweigen mittlerweile ganz enorm angeschwollen war und deine Augen ganz steakblutig und jeder Idiot, also selbst die Sekretärin, ganz klar erkennen konnten, dass es dir nicht gut geht, dass hier jemand krank ist und keinesfalls arbeiten kann, das könnte schlimm enden, hast du angefangen deine Sachen zurück in deine Tasche zu stopfen. Du hast etwas von Histaminen und Astmathischem Notfall und Apotheke gemurmelt und schon standest du auf der Straße und der Tag war gar nicht mehr wie immer und weil die Sache jetzt bereits ganz anders war, konntest du ebenso gut zum Bahnhof laufen und in den nächsten Zug gen Süden steigen. Bereits am Gleis, als die anderen Reisenden hektisch die Salatblätter von ihren Brötchen entfernten und in die Restmülleimer warfen, konntest du noch schnell eine Nachricht schreiben. Wir müssen uns sehen, ich bin in zweieinhalb Stunden da, bitte hol mich ab und dann hast du das Telefon ausgeschaltet und dich entschieden, ganz viel Ace of Base zu hören für die nächsten 300 Minuten.
In 13 Minuten wird der Zug in Bielefeld sein, und mit etwas Glück wird es diese Stadt geben und mit noch mehr Glück wird es einen Mann am Bahnhof geben, der erst nur ein Schemen an der Treppe zur Unterführung ist und dann deutlicher wird und er wird nichts sagen, sondern dich nur kurz, aber fest umarmen und ihr werdet nebeneinander die Treppe hinunterlaufen und wenn das heute dein Tag ist, mein Herz und die Welt eine andere und besondere und ein glückliche, dann wird es auch noch eine Kneipe geben, die offen hat, denn zu besprechen ist an deinem Tag heute noch eine ganze Menge.






