Tod

19.05.2011 - 18:30 Uhr

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salon 4

Text: Ioana


„Na jetzt beruhigen Sie sich doch, herr v.“ die stimme der schwester klingt sanft aber bestimmt. Herr V. reagiert dennoch nicht und versucht seine freien hand, die er mittlerweile halb unter seinem unterkörper hervorgezogen hat, in das andere ende der tischplatte zu verkrallen. Würde ich wahrscheinlich genauso machen wenn ich einen halben meter langen platikschlauch in meinem dünndarm hätte. Die ärztin murmelt etwas von „sedierung“ und schiebt eine endlos lange biopsienadel in das offene ende des schlauchs. Die gewebeprobe ist obligatorisch, an sich aber eigentlich sinnlos, die zackige graue masse auf dem fieselig trüben ultraschallbild spricht für sich.

Herr V. würgt beinahe hysterisch, als sich die nadel durch den schlauch zu dem grauen monstrum vorkämpft. Die spuckschüssel ist schon halb voll mit einem gelben, blutschierigen schleim, den herr V. in regelmäßigen abständen an das neonfahle licht der deckenbeleuchtung befördert.

Wir haben uns im halbkreis um den tisch versammelt um den mehr oder minder dramatischen kampf herr V. versus biopsienadel versus bauchspeicheldrüsenkrebs zu verfolgen.

 Ich muss pissen. Das geht nicht, da auf der tür der einzigen toilette der sektion ein schild mit der aufschrift „PERSONAL“ prangt und sich der schlüssel derselbigen wahrscheinlich wohlverwahrt in der unterhose der krankenschwester befindet, die ihre hand halb schwesterlich, halb brutal in das fettige falbe haar des kranken gekrallt hat. Verdammt, ich muss pissen!

Mit herrn V. verbindet mich also nun eine sache: unsere präsenz in diesem raum ist uns beiden eindeutig unangenehm. Von zeit zu zeit trete ich daher meiner kollegin, die in meinem rücken steht, auf die füße. Sie mag es hier zu sein, schließlich ist medizin ja schon immer ihre passion gewesen. Herrn V.s und meine ist es jedenfalls nicht.

Ich kenne den herrn von einem früheren anamnesegespräch in einem der krankensäle mit neun betten und einem wunderbaren, puffig weiß blühenden kastanienbaum vor dem fenster. Ähnlich dürften auch die metastasen in der leber von herrn Vs drahtigem, knapp fünfzigjährigen körper blühen. Er war ein patient der fröhlichen sorte, verknallt in jede einzelne von uns studentinnen, die wir ihn zu seiner großen freude mit hunderten von fragen löcherten. Die ärzte hatten die gnade oder die arroganz besessen, ihm seine symptome mit einem harmlosen gallenstein zu erklären.  Näherte sich eine von uns seinem bett, hatte er die sympathische angewohnheit, seine brille in den richtigen winkel zu rücken und sich mit der hand über das dünne, vom kissen zerknitterte haar zu fahren.

Sein nebenmann war ein hagerer, vom gallenstau zitronengelber mann, dessen einziges ziel war, von hier aus möglichst schnell in sein haus zu gelangen, wo er zwischen seinen hühnern und enkelkindern glücklich zu verenden gedachte. Von zeit zu zeit warf es einen hasserfüllten blick auf die infusionsflasche neben seinem bett, die er wahrscheinlich als hauptschuldige für seinen unfreiwilligen verbleib hier ausfindig gemacht hatte.

Das krankenzimmer an sich bildete einen mikrokosmos bestehend aus den beiden bauchspeicheldrüsekranken, einem an einer autoimunkrankheit leidenden jungen, einem sympathischen, ein wenig hilflos wirkenden alten mann mit gallensteinen und einem sich im alkoholdelir befindenden enzefalopathen ganz am ende des raumes. Zum frühstück gab es stets kekse und eine dose käse, die jeder sich auf seine art und weise zubereitete. Der junge, der aufgrund seiner darmblutungen strikte diät hielt, ordnete sie sich in form eines banana-splits an mit ein wenig marmelade darauf. Er las ein buch über die string theorie und hatte in theologie promoviert.

Ich war aufgrund einer persönlichen neigung zum sentimentalismus ab dem ersten tag an in jeden einzelnen der anwesenden verknallt und hätte am liebsten alle auf ein bier eingeladen, außer dem enzefalopathen vielleicht, für den es wahrscheinlich nur saft gegeben hätte. Wir waren alle unfreiwillige insassen des eigenen körpers und sie waren sich dieser tatsache in diesem moment hochgradig bewusst. Solange wir nur komprimiert sind auf einige zentimeter einer auf ein meter und etwas gelegenen grauen substanz, geht es uns gut. Scheiße wird die leber nur dann, wenn man fühlt, dass man sie besitzt.

 

Der ärztin war es mittlerweile gelungen aus der grauen tumormasse eine heterogene, blutige substanz zu befördern, die zur zellanalysierung befördert werden soll. Der schlauch wird aus herrn V.s mund befördert, der durch eine blaue plastischablone in eine seltsamen u-form gebogen ist. „nun sind wir ja fertig!“ bekräftigt die krankenschwester mit einem unnötigen müttlerlichen lächeln im gesicht. Das ist gut, denn ich habe hunger. Herr V. eher nicht, während er sich schwer vom tisch erhebt, würdigt er uns keinen blickes. Die brille bleibt schief. Während er mühsam von der schwester gestützt das abgedunkelte zimmer verlässt, möchte ich ihm hinterherlaufen, ihm ein bier in die hand drücken oder ihm zumindest meine unterwäsche zeigen. Irgendetwas, das man als letztes zeichen der anteilnahme deuten könnte.



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polaroid_android
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Mag ich Mag ich nicht

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19.05.2011 - 00:33 Uhr
polaroid_android

macht ganz den Eindruck, als gäbe es dort kein Propofol vor der Endoskopie. Seitdem ich das Zeug kenne, machen mir Magenspiegelungen sogar Spaß. Also halbwegs.

liebartig
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Mag ich Mag ich nicht

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19.05.2011 - 06:03 Uhr
liebartig

Beeindruckender Text... *

querspieler
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Mag ich Mag ich nicht

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19.05.2011 - 10:00 Uhr
querspieler

Sehr schön, äh gut, äh beeindruckend *

klinsmaus
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19.05.2011 - 15:41 Uhr
klinsmaus

Gut.

glitzerkugel
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Mag ich Mag ich nicht

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19.05.2011 - 19:04 Uhr
glitzerkugel

Punkt.

jacke_wie_hose
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19.05.2011 - 19:12 Uhr
jacke_wie_hose

"unfreiwillige insassen des eigenen körpers"

supergut.
dann lange garnichts:


















aber:
(oldfashioned mit groß- und kleinschreibung leichterzulesen)

Ioana
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Mag ich Mag ich nicht

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19.05.2011 - 19:36 Uhr
Ioana

jacke_wie_hose sagte:

aber:
(oldfashioned mit groß- und kleinschreibung leichterzulesen)


mea culpa...ist eher bequemlichkeit. bin nicht dazu gekommen nochmal drüber zu lesen. so kommen dann sachen wie drei wortwiederholungen in einem satz raus und einige andere unstimmigkeiten. naja, das nächste mal eben mehr grammatik und weniger herzblut. ;)

jacke_wie_hose
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19.05.2011 - 19:42 Uhr
jacke_wie_hose

:-o ach nee! dann lass es lieber wie`s is.

kraullenbergen
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Mag ich Mag ich nicht

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19.05.2011 - 22:08 Uhr
kraullenbergen

meinen größten respekt, der text ist so ehrlich und menschlich.

MsAufziehvogel
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Mag ich Mag ich nicht

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19.05.2011 - 22:14 Uhr
MsAufziehvogel

Ioana sagte:
jacke_wie_hose sagte:

aber:
(oldfashioned mit groß- und kleinschreibung leichterzulesen)


mea culpa...ist eher bequemlichkeit. bin nicht dazu gekommen nochmal drüber zu lesen. so kommen dann sachen wie drei wortwiederholungen in einem satz raus und einige andere unstimmigkeiten. naja, das nächste mal eben mehr grammatik und weniger herzblut. ;)


ach was! pro radikale kleinschreibung! ich finds super (genau wie den text).

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