20.04.2011 - 22:30 Uhr

11 6 Über Twitter weiterempfehlen

Baader, Elvis und Ella

Text: kachel

Gleich am ersten Abend meines neuen Lebens im Untergrund traf ich Elvis und Ella. Elvis war ein in die Jahre gekommener schwarzer Pudelmischling und Ella eine dreibeinige Mopsdame mit einem ziemlichen Sprung in der Schüssel. Ich durchforstete gerade die Mülleimer im Park nach Pfandflaschen, als mich die beiden anblafften, ich hätte in ihrem Revier nichts verloren. Ich erklärte ihnen, dass ich keinen Streit wollte, aber ich wäre eben sehr hungrig und außerdem auf der Suche nach einem Mörder namens Viktor. Das besänftige die beiden und sie luden mich ein, sie zu Kalle zu begleiten, der einen kleinen Hotdog-Stand betrieb. Jeden Abend verfütterte er die übrig gebliebenen Würste an herumstreunende Hunde. Klasse Typ, dieser Kalle.

Nachdem wir uns bei Kalle die Bäuche vollgeschlagen hatten, nahmen mich Elvis und Ella mit in ihr Versteck unter einer kleinen Brücke. Ella legte sich sofort schlafen, Elvis und ich unterhielten uns noch ein bisschen. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Tanja, dem Vorfall auf dem alten Fabrikgelände und meiner Flucht vor dem widerlichen Viktor. Während ich sprach, spielte ich gedankenverloren mit dem Schlüssel zu Tanjas Wohnung, den ich immer um den Hals trug. Schließlich weihte ich Elvis in meine Pläne ein, den widerlichen Viktor aufzuspüren und dingfest zu machen. Elvis versprach, mir dabei zu helfen. Dann erzählte er, wie er auf der Straße gelandet war. Sein Herrchen Herbert war vor einigen Jahren vor dem Fernseher eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht. Herberts Kinder wollten Elvis nicht bei sich aufnehmen und ihn stattdessen ins städtische Tierheim abschieben. Da hatte Elvis beschlossen abzuhauen. „Herbert hatte mir immer versprochen, dass wir mal zusammen ans Meer fahren würden. Er hatte nämlich noch nie das Meer gesehen. Und ich auch nicht. Ich war damals schon ein ausgewachsener Hund, ich wäre doch aus dem Tierheim nie wieder rausgekommen. Naja, seitdem lebe ich hier unter dieser Brücke zusammen mit Ella. Wir sparen seit Jahren auf ein Zugticket ans Meer.“ Ich war gerührt. Elvis’ Geschichte erinnerte mich an einen Film, den ich mal mit Tanja zusammen gesehen hatte – Tanja, was sie wohl machte ohne mich?

Am nächsten Morgen machten wir drei uns zusammen auf den Weg zu dem alten Fabrikgelände. Das war ein ganz schönes Stück zu laufen, aber niemand beklagte sich. Nicht einmal Ella, obwohl sie ja nur drei Beine hat. Als wir den Tatort erreichten, wimmelte es dort von Polizisten, das Gelände war mit rot-weiß gestreiftem Band abgesperrt. Der Mord war also entdeckt worden!
Ich zwang mich, nicht den gewohnten Weg zu Tanjas Wohnung einzuschlagen. Womöglich lauerte der widerliche Viktor in der Nähe und ich wollte sie auf gar keinen Fall gefährden. Stattdessen kehrte ich schweren Herzens mit Elvis und Ella zur Lagebesprechung unter ihre Brücke zurück.

Es war ziemlich frustrierend, aber in den nächsten zwei Tagen kamen wir keinen Schritt weiter. Obwohl wir Augen und Ohren offen hielten, war über den Mord oder den widerlichen Viktor rein gar nichts in Erfahrung zu bringen. Am dritten Tag jedoch kam Ella ganz aufgeregt und mit flatternden Ohren von einem ihrer Streifzüge zurück. Im Maul trug sie die Zeitung vom Vortag. Auf der Titelseite prangte die Schlagzeile ‚Hinrichtung in der alten Papierfabrik! – Wer schützt uns vor dem Killer?’. Aus dem zugehörigen Artikel erfuhren wir, dass die Polizei im Dunkeln tappte, sowohl was Täter als auch was Tatmotiv betraf.
Wir überlegten gerade, was wir nun unternehmen konnten, um die Polizei auf Viktors Spur zu bringen, als Mücke sich uns näherte. Ganz langsam, denn Mücke bewegte sich immer langsam. Wir hatten Mücke am Vormittag kennengelernt, als wir mal wieder andere Hunde auf der Straße angesprochen und sie nach Viktor gefragt hatten. Nach eigener Aussage schnorrte Mücke jeden Tag mit seinem Besitzer Zecke, der eigentlich Olaf hieß, vor dem Penny-Markt und kannte ne Menge Leute. Von einem Viktor hatte er aber noch nie gehört. „Sag mal, du bist doch Baader, oder?“. Er musterte mich aufmerksam. „Auf dem Foto erkennt man dich nicht so gut.“ Ich wollte wissen, von welchem Foto er sprach. „Na, das Foto, das hier an jeder Ecke hängt. Wirst wohl vermisst.“

Nachdem ich einen von Tanjas Aushängen gelesen hatte, waren wir uns alle einig, dass sie sich selbst in große Gefahr gebracht hatte. Ein Foto von mir zu veröffentlichen! Und dazu ihre Telefonnummer. Das war ja geradezu eine Einladung an den widerlichen Viktor! Ich machte Tanja keinen Vorwurf, sie wusste es halt nicht besser. Dennoch beschlossen Elvis, Ella und ich, dass wir sofort zu ihrer Wohnung gehen und uns auf die Lauer legen mussten. Wir waren uns sicher, dass Viktor dort früher oder später auftauchen würde.

Zunächst sah es jedoch so aus als hätten wir uns geirrt. In Tanjas Wohnung tat sich nichts, niemand kam, niemand ging. Wir begannen, uns die Überwachung der Wohnung schichtweise aufzuteilen und tatsächlich – unser Durchhaltevermögen wurde belohnt! Elvis und ich dösten vor uns hin, als Ella uns plötzlich anstupste. „Isser das? Isser das?“, japste sie in meine Richtung. Mein Blick fiel auf einen Mann, der gerade an dem Haus klingelte, in dem Tanja wohnte. Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er war es.

Uns blieb nichts anderes übrig als abzuwarten. Es dauerte einige Minuten, dann trat der widerliche Viktor wieder hinaus auf die Straße. In Tanjas erleuchtetem Fenster konnte ich ihre Silhouette erkennen, er hatte ihr also nichts getan. Glück für ihn. Wir hefteten uns auf leisen Pfoten an seine Fersen und verfolgten ihn bis zu seiner Wohnung. „Jetzt haben wir dich, Viktor!“, knurrte Elvis.

Zurück unter der Brücke beratschlagten wir unser weiteres Vorgehen. Ich schlug vor, der Polizei eine anonyme Email mit einem Hinweis auf Viktors Wohnung zu schicken. Wenn die Ermittler keine Ahnung hatten, wer hinter dem Mord steckte, würden sie aus Mangel an Alternativen hoffentlich unserem Hinweis nachgehen. Wir müssten uns halt irgendwie Zugang zu einem Computer verschaffen. Ein Internetcafé vielleicht?
Ella war unkonzentriert und konnte nicht stillsitzen, sie war viel länger als sonst nicht mehr allein auf Achse gewesen. „Na geh schon“, sagte Elvis. Als sie verschwunden war, erklärte er mir, dass Ella auf ihren Alleingängen immer etwas fand, was sie mit unter die Brücke brachte. Bei dem Wort ‚finden’ änderte er die Tonlage und zwinkerte mir zu. Aha.
Ich fragte, was sie denn schon alles ‚gefunden’ habe. „Och, alles Mögliche“, sagte er, „erst kürzlich kam sie mit einer Trompete an.“

Als Ella an diesem Abend zurückkam, grinste sie verschwörerisch und ließ vorsichtig ein I-Phone aus ihrem Maul gleiten. „Hab ich gefunden.“
Die Email war schnell geschrieben, auch wenn ich sagen muss, dass ich mit diesem Touchscreen-Dings nicht soo gut zurechtkomme. Aber gut, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Dann hieß es mal wieder abwarten. Abwarten und hoffen, dass die Polizei ihren Job ordentlich machte.

Weil mich Elvis und Ella so tatkräftig unterstützt hatten, bot ich ihnen nun an, mein Versprechen einzulösen und ihnen bei der Finanzierung ihrer Reise ans Meer zu helfen. Die beiden tauschten einen kurzen Blick, dann sagte Elvis vorsichtig: „Wir brauchen noch ein bisschen Geld, Menschen haben Geld und Menschen mögen Musik. Ella und ich sind ziemlich unmusikalisch, wir haben es versucht, wirklich. Aber…hm… also. Kannst du Trompete spielen?“ Ich fragte, ob sie nicht vielleicht eine Geige für mich hätten. Geigen liegt mir mehr. Manchmal, wenn Tanja nicht zuhause gewesen war, hatte ich die CD mit Violinkonzerten eingelegt, die sie einmal zu Weihnachten bekommen hatte. Dann hatte ich ihre Geige genommen und – wie es so schön heißt – nach Gehör gespielt. Ich möchte mich nicht selbst loben, aber ich bin ziemlich virtuos an der Geige. Leider hatten Elvis und Ella nur die Trompete und Ella war es auch nicht möglich, auf die Schnelle eine Geige zu ‚finden’. Also spielte ich in den folgenden Tagen Trompete auf der Warschauer Brücke und verdiente ein paar Euros für die Reisekasse.

Wenige Tage nach dem Versenden der Email erfuhr ich von Mücke, dass der Killer aus der alten Papierfabrik verhaftet worden war. Freudestrahlend rannte ich zu Elvis’ und Ellas Versteck und verkündete, dass ich an diesem Abend noch ein letztes Mal für sie Trompete spielen und danach heimkehren würde zu meiner Tanja.

Mein Stammpublikum wartete bereits erwartungsfroh auf mich. Gerade als ich die Trompete ansetzen wollte, ertönte die süßeste Stimme der Welt. „Baader!“ Tanja! Ich hob den Blick und sah sie mit ausgebreiteten Armen auf mich zu laufen. Ich rannte ihr entgegen und ließ mir den Kopf tätscheln. Aus ihrem Rucksack dufteten mir Chappi-Soufflés entgegen. Ich liebe diese Frau! Ich rief Elvis und Ella heran und teilte diese Leckerbissen schwanzwedelnd mit meinen neuen Freunden. Tanja sah uns lächelnd zu und sagte die ganze Zeit „Ach, mein kleiner Baader.“

Ich wusste, dass Elvis und Ella keinen dramatischen Abschied wollten, deshalb wunderte es mich nicht, dass sie sich nach dem Verzehr der Chappi-Soufflés wortlos umdrehten und davonliefen. „Grüßt mir das Meer!“, rief ich ihnen hinterher. Dann ging ich mit Tanja nach Hause.

 

Warum Baader im Untergrund lebt, kann man hier und hier nachlesen.

Wie Tanja die Zeit ohne Baader erlebt, steht hier.



Neue Texte zum Label 'AushangGeschich':
Textoptionen
Mehr Texte von
kachel
Mehr Texte zum Label
AushangGeschich
Abonniere Kommentare oder Texte von kachel
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
6 Kommentare

speichern
kapitel_3_1718
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.04.2011 - 23:02 Uhr
kapitel_3_1718

Fantastisch!

BonnieMitKleid
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

21.04.2011 - 01:53 Uhr
BonnieMitKleid

Laaaaaaaaaaaaangweilig!

jurette_
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.04.2011 - 07:39 Uhr
jurette_

Schön!

dine
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.04.2011 - 09:59 Uhr
dine

sehr schönes Chappi-End!

Sendlinger
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

21.04.2011 - 10:27 Uhr
Sendlinger

ein schönes ende. danke dafür.

glitzerkugel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.04.2011 - 14:25 Uhr
glitzerkugel

Hihihi. Schöne Geschichte.


Speichern

Jetzt-Mitglied

kachel unbekannt

kachel

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.