Baaders Sicht auf die Dinge
Ich bin Baader. Und ich lebe im Untergrund.Bis vor kurzem führte ich ein beschauliches Leben bei einer jungen Frau namens Tanja. Sie hatte mich bei sich aufgenommen, als ich noch ein Welpe gewesen war. Da ich – ich möchte wirklich nicht prahlen, aber es ist so – ein außergewöhnlich intelligenter Hund bin, hat Tanja oft vor ihren Freunden damit angegeben, was sie mir alles beigebracht hat. Pfötchen geben, Männchen machen, bin ich ein Affe? Naja, ich tat ihr den Gefallen und betrachtete unser Beziehung als eine großartig funktionierende Symbiose: Tanja hat was, womit sie ihr Selbstbewusstsein aufpolieren kann; ich habe zwei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf. Faire Lösung.
Tanja hatte mir außerdem beigebracht, kleine Besorgungen für sie zu erledigen. Brötchen holen und son Kram. Das eröffnete mir ganz neue Möglichkeiten. Ich konnte auf eigene Faust durch die Nachbarschaft streifen oder ein bisschen in dem Goethe-Sammelband schmökern, den ich einmal gefunden und dann an einer nur mir bekannten Stelle versteckt hatte.
Eines Tages jedoch geschah etwas Schreckliches. Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr, wie es einmal gewesen war. Ich wurde Zeuge eines grausamen Verbrechens!
Tanja hatte mich wie so oft zum Frühstückholen losgeschickt und ich nahm die Abkürzung über das verlassene Fabrikgelände. Als ich durch das hohe Gras stromerte, hörte ich plötzlich Stimmen. Du dachtest wohl, du kannst mich verarschen, was? sagte die eine Stimme. Die andere wimmerte: Nein Viktor, bitte nicht, das kannst du nicht tun, Viktor. Ich schlich mich näher heran. Ich spähte durch eine zerborstene Fensterscheibe in die heruntergekommene Fabrikhalle. Ein Mann saß auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes, blutend und gefesselt. Ein anderer Mann, Viktor, zielte mit einer Pistole auf ihn. Viktor sagte: Ich habe dich gewarnt. Dann drückte er ab. Ich jaulte unwillkürlich auf. Viktor, der Widerling, sah zu mir herüber und richtete dann seine Waffe auf mich. Du dreckiges Mistvieh, schrie er, was hast du hier verloren. Panisch rannte ich davon. Plötzlich durchfuhr mich ein unaussprechlicher Schmerz. Ich war in vollem Lauf in eine Glasscherbe getreten und sie steckte nun tief in meiner Pfote.
Jaulend schleppte ich mich zur Bäckerei und überlegte unterwegs, wie ich das Tanja erklären sollte. Ich entschied, dass es das Beste wäre, wenn sie dachte, ich hätte mir die Scherbe in der Bäckerei eingetreten. Ich riss mich also zusammen, betrat die Bäckerei und zog dann eine Mordsshow ab. Beim Aufstampfen – zwei Croissants – jaulte ich herzzerreißend auf. Das musste ich nicht mal spielen, das tat weh wie die Hölle. Die Leute in der Bäckerei waren ganz entsetzt und trugen mich zu Tanja nach Hause.
Und tatsächlich, sie kaufte mir die Story mit der Glasscherbe voll ab. Das wunderte mich nicht sonderlich, schließlich schaut sie immer Red – das Starmagazin und glaubt, dass jeder ein Star werden kann, so wie das die ganzen hohlen Y-Prominenten da immer erzählen. Außerdem glaubt sie, dass bei Toto und Harry nichts gestellt und alles echter Polizeialltag ist. Wie gesagt, Tanja ist echt ein nettes Mädel, aber nicht gerade die hellste Kerze auf dem Kuchen. Trotzdem war ich erleichtert.
Einige Zeit nach dem Vorfall auf dem alten Fabrikgelände kam Tanja auf die Idee, mir Tangotanzen beizubringen. Ich war schockiert, als sie mir ganz begeistert davon erzählte. Was denkt sich die Trulla? Anstatt dass sie mich mal ins Theater mitnimmt… Wie soll ich das denn bewerkstelligen? Ich kann ja echt vieles, aber auf zwei Beinen laufen, von denen eines auch noch lädiert ist, halte ich dann doch für ein bisschen übertrieben. Ich habe sogar schon überlegt, ob ich ihr zu dem Thema eine Email schicken soll. Das kann ich nämlich, Emails schreiben. Hab sogar ne eigene Email-Adresse. Ich beschloss dann aber, zunächst einmal abzuwarten. Vielleicht erledigte sich die Sache ja von allein. Außerdem, wie würden Sie reagieren, wenn Sie ne Email von Ihrem Hund bekämen? Ist halt auch immer ne Frage der Glaubwürdigkeit.
Entgegen meiner Hoffnung verwarf Tanja ihre Tangopläne jedoch nicht. Stattdessen wollte sie mit mir zusammen farbiges Klebeband besorgen gehen. Mit dem Klebeband wollte sie mir das Erlernen der Schrittfolgen erleichtern - als wäre das nötig! Pah. Nur weil sie sich nie was merken kann…
Wir standen an der Tram-Station, als mir sprichwörtlich das Blut in den Adern gefror. Der widerliche Viktor! Er stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und starrte mich an. Ich starrte zurück. Mist! Er hatte mich erkannt. Seine Fußgängerampel war rot und vor ihm rauschte ein nicht abreißender Strom an Autos vorbei. Aber er nahm seinen Blick nicht von mir. Ich muss sofort untertauchen, schoss es mir durch den Kopf. In diesem Moment kam die M13 nach Mitte angefahren, ein Wink des Himmels. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Viktors Ampel auf grün umsprang. Ich musste schnell handeln. Ich sah mich nach Tanja um. Sie sprach ganz aufgeregt in ihr Handy und beachtete mich nicht. Ich musste sie zurücklassen! Kurzentschlossen schlüpfte ich in die M13 nach Mitte, die sich rumpelnd in Bewegung setzte, bevor der widerliche Viktor sie erreichen konnte. Seitdem schlage ich mich allein durch.
Für Tanja tut es mir Leid, sie sucht nach mir, ich habe ihren Aushang gesehen, aber ich musste einfach für eine Weile von der Bildfläche verschwinden.
Ich bin Baader. Ich lebe im Untergrund. Und ich werde erst ruhen, wenn der widerliche Viktor unschädlich gemacht ist.
[Keine Sorge, den letzten Satz habe ich nur geschrieben, weil er gut klingt. Ich habe nicht vor, nochmal über Baader zu schreiben...
UND: Der Sinn dieses Textes erschließt sich wohl am besten in Zusammenhang hiermit, denn Tanja hat das alles ein bisschen anders erlebt.]
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(Ich möchte aber nur kurz und überhaupt nicht besserwisserisch darauf hinweisen, dass die M13 gen Wedding fährt, nicht Mitte.)
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14.04.2011 - 21:05 Uhr
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