Kalendergeschichte 1
Letztens hörte ich einen Freund folgende Geschichte erzählen:
Eine winzige Stadt, die zu groß war, um als Dorf zu gelten, wurde von einem jungen neuangestellten Briefträger mit Post beliefert. Der junge Mann war wohlgewachsen, hatte schöne breite Schultern und große schwarze Augen. Er übte seinen Beruf sehr gerne und mit großer Gewissenhaftigkeit aus. Die Stadtbewohner konnten sich, egal ob‘s regnete oder schneite, allezeit auf ihren Postmeister verlassen. Besonders gerne stellte der junge Mann seine Pakete und Sendungen an sonnigen Vormittagen zu, an denen glühende Sonnenstrahlen die ganze Stadt überdeckten, - lediglich sanfte Wolkenhäufchen überzogen dann und wann das lichtdurchflutete Tal.
Und so kam der Briefträger einmal wöchentlich zum Haus eines alten Schuhmachers, der sein Werkzeug schon seit Jahrzehnten an den sprichwörtlichen Nagel hängen musste. Der Schuster war klein, hatte jedoch riesige Hände, die denen großer Bronzestatuen ähneln. Sein Gesicht war unbeschreiblich nichtssagend. Jede Woche bekam dieser seltsame alte Mann einen sehr förmlich aussehenden gelben Brief aus der Hauptstadt. Er sagte jedoch nie auch nur ein Wort zum Briefträger, dem man ansonsten gern grüßte und zulächelte, da er oft schöne Postkarten und Glückwunschkarten an die Menschen zu bringen versteht. An diesen Umstand hatten sich beide nun gewöhnt. Der Brief wird abgegeben, der Postbeamte grüßt, was vom Greis mit stummer Miene entgegnet wird. So ging das nun seit Monaten. Der junge Briefträger hatte sich bereits in das Kleinstadtleben mit einbringen und es sich gemütlich machen können. Er liebte es, wie ihn die Menschen in ihren Kreis aufnahmen. Er genoss die fröhlichen Gesichter und freundlichen Worte der Briefempfänger. Doch eines Tages merkte er, dass keine Briefe aus der Hauptstadt mehr ankamen. Der Greis schien verstorben zu sein.
Mit gemischten Gefühlen erblickte der junge Mann am nächsten Morgen, als er seine Runde machte, wie einige Möbelpacker und Hausvorsteher die Haushälfte, die vom Schuster bewohnt worden ist, ausräumten. Große Kleiderschränke und alte Schreibtische wurden aus dem kleinen Haus hinausgetragen. Der Briefträger hielt inne und beobachtete das Tun der Männer. „Mein Beileid! Wie ist denn das passiert?“, fragte der junge Mann einen rauchenden Möbelpacker. „Der Alte ist gestern gestürzt, hier, an dieser Treppe. Jemand rief den Arzt und als der kam, konnte nur noch der Tod festgestellt werden.“ Als der kräftige Mann diese Worte aussprach und genüsslich an seinem Stumpen zog, trugen zwei seiner Kollegen ein kleines Regal ins Freie, das bis zum Bersten gefüllt war mit farbigem Papier. Bei näherem Hinsehen entdeckte der Briefträger, dass es sich dabei um eben die Kuverts handelte, die er und seine Vorgänger an den Schustermeister ausgegeben hatten. Er entschuldigte seine Neugierde und griff zu einem Umschlag. „Diesen Mist können sie doch nur noch verbrennen!“, spöttelte der Mann und ging wieder an die Arbeit. „Ach, und noch was.“, schmiss der Möbelpacker hinterher, „Der konnte nicht lesen.“ Der Briefträger riss den Brief auf und sah, dass im Umschlag lediglich ein weißer Bogen steckte, ein Bogen Papier, das oft in Hotels und Gaststätten zu bekommen ist. Er stieg auf sein Fahrrad und fuhr fort.
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