31.03.2011 - 18:30 Uhr

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Kahle Wände und Granulat in Kaugummis

Text: kachel

Es wird ja viel über das Abitur geschrieben dieser Tage. Und nicht nur das, man sieht sich auch überall mit feiernden Abiturienten konfrontiert, die T-Shirts mit aufgedruckten Mottos tragen, die schon vor zehn Jahren nicht mehr neu waren. Vor ein paar Tagen stand ich beim Supermarkt an der Kasse und wurde Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei ziemlich betrunkenen Abiturienten. Eigentlich hat hauptsächlich der eine geredet, aber egal.
Besagter redender Abiturient jedenfalls war ein überzeugter Verfechter der These, dass Granulat zur Zahnreinigung nichts in Kaugummis verloren habe. Genau genommen hielt er Granulat in Kaugummis für eine Scheißidee und versuchte wortreich, seinen Freund für seine Meinung zu gewinnen. Sein Freund zeigte sich weitestgehend unbeeindruckt: „Schüttel das Bier nicht so."
Ich mag feiernde Abiturienten irgendwie. Sie erinnern mich daran, wie es war, als noch niemand von einem erwartet hat, dass man weiß, was man aus seinem Leben machen will. Man entscheidet sich für ein Studienfach und dann ist erstmal wieder für ein paar Jahre Ruhe.

Am Abend nach meinem Supermarktbesuch nahm ich all die Fotos und den anderen Kram von den Wänden des Zimmers, das für die letzten zweieinhalb Jahre mein Zuhause gewesen war. Als ich die kahlen Wände anstarrte, schossen mir Tränen in die Augen. Ich dachte Sachen wie ‚Das sieht aus, als hättest du hier nie gewohnt’ oder ‚Das wars jetzt also’ und schluchzte vor mich hin. Dann wies ich mich selbst zurecht ‚Sone Emo-Kacke ist doch sonst nicht dein Ding’.

Am nächsten Morgen war ich überraschenderweise total gefasst. Als mein Zimmer geputzt war und es dann Richtung Heimat gehen sollte, ging ich ein letztes Mal auf mein Klo. Dabei dachte ich, dass es ja ganz schön hallt in so einem ausgeräumten Bad, wenn man pinkelt. Dieser Gedanke wird mir nun also als der letzte Gedanke in Erinnerung bleiben, den ich in meinem Studentenzimmer gedacht habe. Es hätte wohl schlimmer kommen können.

Jetzt wohne ich wieder bei meinen Eltern. Ich weiß, ich kann froh sein, dass ich wieder bei ihnen einziehen konnte. Trotzdem fällt es mir ein bisschen schwer, mich darüber zu freuen, nach elf Semestern wieder in meinem Kinderzimmer zu sitzen. Klar, es ist nur vorübergehend (hoffentlich) bis das beginnt, was meine Mitbewohner und ich immer als ‚mein ernstes Leben’ bezeichnet haben. Aber wie das aussehen wird, ‚mein ernstes Leben’ – keine Ahnung. Ich hoffe, es beinhaltet, dass ich in einer neuen Stadt eine neue Wohnung zu meinem Zuhause machen werde. Und dass ich wieder Leute kennenlerne, die die Kunst des Scheiße Laberns auf allerhöchstem Niveau beherrschen. Das würde mich freuen, denn ich könnte mir sehr gut vorstellen, mal ausgiebig der Frage auf den Grund zu gehen, ob Granulat in Kaugummis eine Scheißidee ist.

Oh Mann, ich bin kein Student mehr. Verdammte Scheiße, wie schnell das alles ging.



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zehnterjuni
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Mag ich Mag ich nicht

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31.03.2011 - 23:42 Uhr
zehnterjuni

spezialist sagte:



gibt mir hoffnung.

owen_meany
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Mag ich Mag ich nicht

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01.04.2011 - 02:30 Uhr
owen_meany

mal ne richtig gute jetzt.de empfehlung.
immer ein bißchen kind bleiben - sonst macht der ganze scheiß doch keinen spaß.

mariop
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Mag ich Mag ich nicht

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01.04.2011 - 10:53 Uhr
mariop

Bulaklak sagte:
ich glaub, so lange man noch in der lage ist, scheiße zu labern, sich dessen bewusst zu sein und es trotzdem mit voller ernsthaftigkeit zu tun, ist man jung geblieben.
also mach dir keine sorgen :)


hast du das jetzt auf den Text bezogen ;)

notan
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Mag ich Mag ich nicht

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01.04.2011 - 11:32 Uhr
notan

was für ein text! ich habe da auch meine befürchtungen, wegen des "danach" toll und danke!

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

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01.04.2011 - 12:51 Uhr
octopussy

Bulaklak sagte:
ich glaub, so lange man noch in der lage ist, scheiße zu labern, sich dessen bewusst zu sein und es trotzdem mit voller ernsthaftigkeit zu tun, ist man jung geblieben.also mach dir keine sorgen :)


eben. das kann man herzlich lange! und elf Semester sind dann ja auch mal gut. Also ich war froh, nach 8 Semestern das Diplom und nach 9 den (englischen) Master in der Tasche zu haben. Ich hatte gar keine Angst vor allem, aber vielleicht auch nur, weil ich in der Stadt blieb, in meiner Wohnung blieb und die Jobs beibehielt, die ich während des Studiums schon angefangen hatte. Wenig später wurden die dann durch die Selbständigkeit getauscht.

Anders war es, als ich dann 3 Jahre später wegzog. Ich war arbeitslos, aber es war auch nicht schlimm. Ich zog in die Stadt, in die ich mich verliebt hatte und hatte dort Freunde. Und dann ergab sich alles.

Tributylzinn
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Mag ich Mag ich nicht

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06.04.2011 - 21:13 Uhr
Tributylzinn

Schöner Text.

Mir gings vor einem halben Jahr ganz genauso - Kopf hoch, auch woanders ist es schön!

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kachel

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