Zugfahren. Fernsehen. Versehen.
Die Zugfahrt zog sich Stunden. Während ich zu süße Limonade aus Plastikflaschen trank und Schokolade aß, zogen Landschaften an mir vorbei. Im Fenster spiegelte sich eine junge Frau mit dunklen Augenringen. Die linke Augenbraue leicht nach oben gezogen. An viel mehr erinnere ich mich nicht.Irgendwann schlief ich trotz der Kälte, die die unsägliche Klimaanlage im Abteil verströmte, ein. Klare, kalte Träume zogen an mir vorüber, bis ich erschrocken aufwachte. Ein grauer Bahnhof, der mich nichtssagend anstarrte. Ich suchte meine Brille, fand sie aber nicht. Ich durchwühlte meine Tasche, meine Gedanken..und blickte gleichzeitig etwas verloren aus dem Fenster. Für einen kurzen, kleinen Moment sah ich dich. Unter all den unscharfen Menschenmengen, die auf den Bahnsteigen herumwuselten, fokusierte ich dich. Du trugst eine Sonnenbrille und standest an einem Bahnhof, der weder dich noch mich verband. Es war in der Tat ein unwirkliches Gefühl. Mit zusammengekniffenen Augen hob ich meine Hand, um sie dann wieder fallen zu lassen. Es machte alles keinen Sinn, und doch klopfte mein Herz. Ich freute mich an den Regungen, die so lange im Keller abgestellt worden waren. Ihr Staub brannte in meinen Augen und ich fand dich unter all den Gesichtern nicht mehr.
An mir schob sich an großer, schlacksiger Mann vorbei. Ich sah ihm lange in sein junges Gesicht. Er schien mich nicht zu kennen, und so begann sich langsam auch mein Herz zu beruhigen.
In mir flüsterte das Herz nochmals verzagt deinen Namen. Ich wagte es nicht, ihn laut auszusprechen. Ich dachte an meine Pläne, dich zu überraschen. Gerne hätte ich dich besucht. Nur um kurz dein Gesicht zu sehen und deine Hand zu berühren. Zu wissen, dass du immer noch schön bist. Dass dein Herz schlägt. Gerne hätte ich dein überraschtes Gesicht gesehen. Deine Augen, die mich ungläubig gemustert hätten. Dein schiefes Lächeln. Vielleicht hätte eine Frauenstimme gerufen, wer denn geklingelt hätte. Wer weiß. Aus Überraschung wäre Freude geworden. Freude oder Wut. Rosarot. Gewitterblau.
Ich allein weiß, dass mein Herz schlägt. Dass es schlägt und sich immer wieder gerne verpasste Sendungen mit dir als Hauptdarsteller ansieht. Ich habe mir das Programm nicht ausgesucht. Ich weiß, der Zug ist abgefahren. Und doch schalte ich nicht um.
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31.03.2011 - 00:08 Uhr
schimmelreiter2010
Das ist schön!








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30.03.2011 - 23:56 Uhr
schimmelreiter2010