"Fukushima wird nicht viel verändern."
jetzt.de-User Drolli lebt seit vier Jahren in Japan. Er arbeitet dort in der Forschungsabteilung einer großen japanischen Firma. In der kritischen Phase des Reaktorunfalls hat er sich eine kleine Auszeit weit entfernt in Japan genommen und ist jetzt zurueck in Kanagawa. Wir haben mit ihm über jetzt-Botschaften ein Interview geführt.
Wie hat sich dein Alltag nach der Katastrophe verändert?
Bis jetzt gab es Stromausfälle bzw. Maßnahmen zum Stromsparen – deswegen konnte ich nicht arbeiten. Am letzten Montag war ich auf einer Fahrradtour in einer Gegend nahe am Meer. Normalerweise ist dort alles voller Abgase, dieses Mal war die Luft zum ersten Mal gut. In der Stadt waren um die Mittagszeit alle Geschäfte geschlossen. Wie die Lage aktuell mit Lebensmitteln ist, weiß ich noch gar nicht. Ich war noch nicht einkaufen, seit ich zurück bin.
Hier konnte man in letzter Zeit öfter lesen, die Japaner seien so diszipliniert und würden deswegen mit der Katastrophe besonnener umgehen. Kannst du das bestätigen?
Das halte ich für zu kurz gegriffen. Japaner sind dann disziplinierter, wenn sie sich sozialem Druck ausgesetzt fühlen, und das tun sie fast immer. Bestimmte Verhaltensweisen werden sozial erwartet, was dann aber nicht heißt, dass Japaner einen Kompass eingebaut hätten, der sie in jeder Situation auf diszipliniert und sozial trimmt. Die müssen sich dazu sicher genau so überwinden. An den Stellen, wo sie sich nicht überwacht fühlen, sind sie genau so wie alle anderen auch. Das sieht man an den Hamsterkäufen in Tokio. Andererseits weiß jeder hier, dass das Überleben beim Erdbeben davon abhängt, dass man ruhig bleibt und genau das ein geübte Verhalten an den Tag legt.
Anscheinend kommt es auch nicht zu einer Massenflucht...
Für viele Japaner ist das dauerhafte Verlassen des Landes keine Option. Dazu kommt dass mögliche Gefahren für Japaner relativ wenig zählen, sondern die Tsunamikatastrophe das wichtigere Thema ist. Klar, einige Japaner (z.B. ein Kollege mit Kindern) sind auch ein Stück weggereist, wenn ihnen ihre finanziellen Ressourcen und ihr Status ihnen das ermöglicht haben.
Woran liegt das?
Ohne hier ins Detail gehen zu wollen: Eine sehr große Schicht von Menschen in Japan ist nicht daran interessiert oder in der Lage, sich eine Meinung zu bilden jenseits der von den Medien vorgegebenen. Sie neigen dazu diese zu übernehmen (damit sind sie sicher einer großen Schicht in Deutschland nicht unähnlich). Die Medien hatten hier den Reaktorunfall zwar auf dem Plan, aber die Berichterstattung ist wesentlich ruhiger und weit entfernt von Panik.
Du arbeitest seit vier Jahren in einer japanischen Firma - was sind deiner Meinung nach die größten Mentalitätsunterschiede?
Meine Sprachlehrerin in Deutschland – eine Japanerin die dort 20 Jahre lebte – meinte, dass Japan in der Entwicklung der Gesellschaft auch in den Firmen 20 bis 25 Jahre hinter Deutschland hinterherhinkt. Auch wenn das ein bisschen trivialisiert ist, im Schnitt stimmt es: Die Hierarchien sind sehr starr. Meist kommen die weiter, die sich einfach hochsitzen und nicht weiter auffallen. Frauen in Führungspositionen sind sehr selten. In Japan ist es auch in unserer Generation nicht ungewöhnlich, dass Frauen ausschließlich Hausfrau werden, nachdem sie ein bisschen als Sekretärin gejobbt haben. Was die Arbeit aber deutlich angenehmer macht, ist, dass es im Alltag nicht so aggressiv zugeht. Gelegentlich verzögert das aber auch eine nötige Konfliktlösung zu lange. Was im Punkt Sicherheit oft eine Rolle spielt, ist, dass die Meldekultur hier sehr wenig entwickelt ist. Man schaut nicht auf Dinge, die nicht der eigene Job sind, auch wenn man eine Gefahr sieht. Und oft werden Kontrollen nur einmal jährlich durchgeführt. Wo in Deutschland der Hausmeister des Instituts einem zu verstehen gibt, dass das Kabel da nicht liegen bleiben kann, wird das Kabel in Japan weggeräumt, kurz bevor die Vorgesetzten das Labor inspizieren. Zehn Minuten später liegt es wieder da.

Glaubst du, dass das Unglück etwas in der japanischen Gesellschaft nachhaltig verändern wird?
Ich hoffe ja, ich glaube aber nein. Zur Zeit sind die Menschen viel zu sehr mit den praktischen Auswirkungen beschäftigt. Japaner haben auch keinen Hang zum abstrakten Denken. Die Betreiberfirma wird sich öffentlich entschuldigen, ein paar Verantwortliche werden gehen müssen, die Notgeneratoren werden dann fünffach gegen 30 Meter hohe Tsunamiwellen gesichert, was dann gefeiert werden wird, und das wird es gewesen sein. Ich hoffe es kommt anders, aber ich glaube angesichts des Gesetzgebungsverfahrens und der Verstrickungen der Politik nicht wirklich daran. Japan wechselt schon unter normalen Unständen die Regierung sehr schnell. Politiker in Japan haben oft nicht studiert und schon gar keine Promotionen; Naturwissenschaftler sind selten. Im Wahlkampf ist Populismus an der Tagesordnung. Es fehlt an der Stelle einfach das nötige Gegengewicht gegenüber dem Establishment in der Industrie für das Durchsetzen von Veränderungen. Der japanische Staat ist zum Beispiel so gut wie bankrott, aber der Politik gelingt es nicht einmal, Steuererhöhungen durchzusetzen,
Nach allem, was man hier hört, gibt es in Japan keine nennenswerte Anti-AKW-Bewegung, oder?
So weit ich weiß, war die Anti-Atom-Bewegung in Japan eher auf die Kernwaffen konzentriert; aber Proteste habe ich deswegen nie gesehen; ich habe aber überhaupt wenige Proteste gesehen, auch zu den Zeiten, als ich noch jedes Wochenende in Tokyo war.
Wie ist die Stimmung gegenüber der Betreiberfirma Tepco? Es zeichnet sich ja immer mehr ab, dass die bereits vor dem Tsunami geschlampt haben...
Es ist in Japan auch nicht zu erwarten, dass Unmut direkt und am besten noch nebenbei geäußert wird. Ein Kollege, mit dem ich kurz geredet hatte, ist zwar besorgt (seine Kinder sind schön bei den Grosseltern am anderen Ende von Japan), aber er hat auch nicht gesagt, dass er hofft, die AKWs würden abgeschaltet werden. Immerhin war er schon nachdenklicher als vor einer Woche. Einer aus der Verwaltung, mit dem ich ein paar Dinge regeln musste, war relativ interessiert, wie Deutsche die Lage sehen, hat aber keine Schuld zugewiesen. Das wäre auch sehr untypisch für jemanden, mit dem ich nur am Rande zu tun habe.
Haben die Menschen dort das Gefühl, von der Politik informiert zu werden?
Von der Politik erwarten die jungen Japaner sehr wenig. Ich hatte in der letzten Woche wenig mit Japanern zu tun: Erst war die Firma wegen der Stromausfälle geschlossen, dann war ich in Kyushu. Dort war das Leben absolut genau so wie beim letzten Mal, als ich da war. Es ist schwer, Japanern eine Meinung zu entlocken. Teilweise war ich entsetzt, wie unreflektiert sie auf sie gesamte gesellschaftliche Diskussion (nicht nur Medien und nicht nur jetzt) blicken. Insbesondere legen sie wenig Wert auf Meinungen von außen; ich kenne keinen Japaner der eine englischsprachige Zeitung, Fernsehnachrichten oder Website verfolgen würde; und das obwohl ich durch meinen Beruf fast nur gebildete Japaner kenne.
Hat sich bei den Japanern, die du kennst, die Einstellung zur Kernkraft verändert?
Ich glaube, die meisten beschäftigen sich damit nicht richtig. Viele Japaner können mit abstrakten Risiken nichts anfangen.
Und deine eigene?
Ich bin schon lange ein Gegner der Kernenergie, hauptsächlich wegen des Abfalls. Mit war vorher schon bei der unzureichenden japanischen Sicherheitskultur mulmig. Es gab ja schon vor ca. zwei Jahren bei einigen AKWs hier Probleme nach einem Erdbeben. Es sollte jedem klar sein, dass ein Erdbebengebiet kein guter Ort für eine solche Anlage ist.
Hat dich das Land schon vorher interessiert oder war der Grund für deinen Hinzug rein beruflicher Natur?
Ich war hier auf einer Sommerschule und mir gar gleich klar, dass man hier gut leben kann. Aber die Entscheidung war eher beruflich. Interessant finde ich das Land durchaus, ich hatte nur leider neben meiner Arbeit zu wenig Zeit, als dass ich die Sprache gut gelernt hätte (oder gar die Kanji). Ich muss aber ehrlich bemerken dass die Japanische Kultur heute mir etwas eintönig und auch ein bisschen konstant erscheint.
In deinem Text letzte Woche hast du geschrieben, dass du ohnehin vorhattest, Japan Ende März zu verlassen. Warum? Ende März ist das Ende des Geschäftsjahres. Die Position die ich in der Firma hatte ist zeitlich beschränkt und aus persönlichen und auch beruflichen Gründen möchte ich nach Europa zurück.
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Sie ist als Tochter eines belgischen Diplomaten 1967 in Kobe geboren und hat dort auch ihre Kindheit verbracht (über die sie in ihrem Roman "Metaphysik der Röhren" schreibt).
Es sind nicht unbedingt ihre besten Romane (ich mag eigentlich vor allem ihr Buch "Liebessabotage" in dem sie von ihrer Kindheit in einem Diplomatenviertel in China schreibt), aber sie vermitteln sehr authentisch die japanische Gesellschaft. Außerdem ist sie schon eine sehr geistreiche Schriftstellerin, die man durchaus empfehlen kann.
2differ sagte:
*Schnell reagiert. Finde ich gut, wenn auf diese Weise, die Kompetenzen und Ressourcen des Kosmos genutzt werden.
@drolli: Wodurch entstand bei deinem Sommerschulaufenthalt der Eindruck, in Japan "gut" leben zu können, will sagen: worin besteht in Japan das gute Leben?
Wenn man ein Stueck aus Tokyo raus ist, ist man sehr schnell in einer Umgebung in der es viel Natur hat. Entgegen anderlautender Geruechte ist Japan nicht klein und komplett mit Beton bebaut, sondern nur einige Regionen, naemlich die im Flachland an der Kueste sind dicht besiedelt. Sobald man in den Huegeln ist, relativiert sich das alles ganz erheblich. Auf der anderen Seite ist der Nahverkehr so gut dass man sehr leicht in die Grossstadt kommt wenn man etwas braucht. Wenn man direkt in Tokyo/Yokohama lebt kommt dazu dass man eine unglaubliche Menge an Freizeitangeboten und (sehr internationalen) Communities hat (was aber wenn man ein Stueck weg ist, schon nicht mehr gilt). Last but not least hat es flaechendeckend convenience-stores und auch der naechste Supermarkt ist nicht so weit, d.h. man braucht kein Auto und muss nicht so viel planen; wenn man etwas groesseres kauft gibt es immer einen delivery service den man benuetzen kann (fuer ein paar Euro). Alles in allem ist es staerker Dienstleitungsorientiert (geringe Steuern). Wenn man hochqualifiziert ist, verdient man genug (was ich nicht fuer alle hier unterschreiben wuerde), profitiert von geringen Steuern und auch meist von einer billigen Firmenwohnung. Was ich auch geniesse ist die Sicherheit; es hat wenig Schusswaffen und keinerlei no-go Areas; zumindest Deutsche bleiben von direkten xenophonen Angriffen verschont (und geniessen in Japan ein sehr hohes Ansehen, was heist dass sie vielleicht nur Buerger 2.ter Klasse sind anstelle 3. Klasse wie die meisten Auslaender hier).
Jedenfalls hat mich ein Interview letztens im Spiegel zu diesem Thema nachdenklich gemacht (mit dem Glos von der CDU). Ich bin mir nicht sicher, ob es so gut ist, wenn nur studierte Berufspolitiker im Bundestag sitzen...
ich neige da vermutlich zu einer normativen präferenz-orientierung, will sagen: wenn ich tragende gesellschaftliche und/oder politische zustände unsympathisch finde, vermeide ich das land. aber ich räume gern ein, dass ich da eine ausnahme bin.
@tamuna: das wichtige wäre, dass mehr von jenen menschen politiker würden, die ein echtes demokratisches bewusstsein leben, die für sich wirklich demokratie als notwendigkeit und beste aller kompromissmöglichkeiten empfinden. solche menschen haben aber in der landschaft der politischen parteien nur wenig chancen, an eine hervorgehobene position zu gelangen.
tamuna sagte:
meinst Du, dass es hilfreich wäre, wenn mehr Naturwissenschaftler Politiker würden? Ich finde ja, dass A.Merkel ja nicht unbedingt gerade die besten Ideen hat, wenn es um Wissenschaft geht. Und war M.Thatcher so eine gute Politikerin? Ich denke nicht, dass es unbedingt hilft wenn die Leute mit Sachverstand die Lage besser beurteilen könnten, weil sie es offensichtlich nicht _tun_.
Jedenfalls hat mich ein Interview letztens im Spiegel zu diesem Thema nachdenklich gemacht (mit dem Glos von der CDU). Ich bin mir nicht sicher, ob es so gut ist, wenn nur studierte Berufspolitiker im Bundestag sitzen...
Es ist ganz sicher wichtig auch Naturwissenchaftler im der Politik zu haben. Die suchen sich ja oft die richtigen Ausschuesse aus, in denen sie Beitragen koennen. Und dort haben sie wenigstens das Potential sich direkt gegen falsche Argumente zu wehren. Ich glaube, wenn jemand in der Lage ist eine Ueberschlagsrechnung auszufuehren bevor der Sprecher gerade sein Lobbyblatt vorgelesen hat und ihn dann gleich richtig angeht, kann das der Debatte nur helfen.
Und ob man jetzt das mag was Thatcher getan hat oder nicht, sie ist viele Probleme frontal angegangen. Insofern hat sie vielleicht nicht die Politik gemacht die ich gut faende, ist aber sicher eine gute Politkerin gewesen.
Und zum Thema studierte Berufpolitiker: Das sind meistens die Juristen/Historiker. Naturwissenschaftler die Berufspolitiker und das von vorneherein als Karriere anstreben sind findet man selten.
24.03.2011 - 12:23 Uhr
drolli
2differ sagte:
@drolli: danke. verstehe die perspektive, die du hattest.
ich neige da vermutlich zu einer normativen präferenz-orientierung, will sagen: wenn ich tragende gesellschaftliche und/oder politische zustände unsympathisch finde, vermeide ich das land. aber ich räume gern ein, dass ich da eine ausnahme bin
Das ist auch einer der Gruende warum ich hier keinenfalls Kinder haben moechte oder meinen Lebensmittelpunkt dauerhaft hier haben moechte. Insoferen sind wir uns da schon eins. Wie die gesellschaftliche Lage ist habe ich aber nicht so ganz in der Sommerschule mitbekommen.
Selbst wenn man bereit ist, das Land nach den Kinder-Positiv-Gesichtspunkten auszusuchen, wird man feststellen, dass etwas, das für viele Kinder eine gute Umgebung ist, für manche Kinder grundverkehrt ist. Und wie die eigenen Kinder dann sind, weiß man ja nie vorher.
24.03.2011 - 12:33 Uhr
2differ
Hat vielleicht auch etwas mit der grundsätzlichen Zurückhaltung gegenüber Fremden zu tun. Mein Sohn, ein ziemlicher Japan-Fan, findet da jedenfalls für jeden noch zu drehenden Film tolle Kulissen.
2differ sagte:
@drolli: da spielen ja auch sehr persönliche Werthaltungen und Einstellungen eine Rolle. Und manches verändert sich für einen erst mit dem Erleben.
Selbst wenn man bereit ist, das Land nach den Kinder-Positiv-Gesichtspunkten auszusuchen, wird man feststellen, dass etwas, das für viele Kinder eine gute Umgebung ist, für manche Kinder grundverkehrt ist. Und wie die eigenen Kinder dann sind, weiß man ja nie vorher.
Naja. In Japan haben sie die Alternative in der Auslaendercommunity gross zu werden oder durch das Japanische Erzhiehungsystem zu gehen. Beides halte ich fuer suboptimal.
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23.03.2011 - 18:36 Uhr
2differ
@drolli: Wodurch entstand bei deinem Sommerschulaufenthalt der Eindruck, in Japan "gut" leben zu können, will sagen: worin besteht in Japan das gute Leben?