Auf Geisterjagd
„Da hinten ist bestimmt eine Straße“, sagt Alex. „Das sind Autoscheinwerfer.“ Überzeugt klingt er nicht. „Wir müssen nachsehen“, sagt Doris. „Bis Mitternacht sind wir an der Kapelle zurück.“ Die fünf marschieren in den Wald. Es wird dunkler, die Kälte kriecht jetzt in die kleinen undichten Stellen der Kleidung hinein und lässt einen von innen erschaudern. Dort ist es wieder! Ein kleiner silberner Blitz am Ende des Weges. Dani atmet schwer. Weiter, tiefer in den Wald hinein. Alex versucht einen Witz zu machen, aber jetzt lacht niemand mehr. Dunkelheit würde die fünf vollends verschlucken, hätten sie nicht Taschenlampen bei sich, erstklassige Geräte, versichtert Alex. Schemenhaft zeichnen sich Baumstämme am Wegesrand ab. Doris redet jetzt auf Dani ein, doch die zittert nur noch, kann nicht mehr auf Worte reagieren. Spürt sie etwas? Dani antwortet nicht. Weiter immer, weiter durch den Wald. Da blitzt es wieder, diesmal deutlicher, heller. Die nächsten Minuten ist nichts zu hören außer Schritten auf dem Feldweg und Danis schwerem Atem. „Es dauert zu lange“, sagte Alex. Die Luft ist eiskalt. Die Gruppe kehrt um und will den Weg mit dem Auto zu Ende fahren.
Nach zehn Minuten erreichen sie eine Teerstraße. Ein Auto fährt vorüber. Alex lacht, weil er wieder einmal Recht hatte: Das Licht der Autoscheinwerfer bricht sich an den zahllosen Baumstämmen, aus der Ferne sieht man nur ein kurzes Aufblitzen. Dani atmet tief durch und zündet sich eine Zigarette an. Es ist 23.45 Uhr, sie machen sich auf den Rückweg, um rechtzeitig an Mitternacht wieder an der Kapelle zu sein. Vielleicht haben die Aufnahmen in der Zwischenzeit etwas ergeben.
Als sie die Kapelle erreichen, sind dort Lichter, Autoscheinwerfer, Taschenlampen. Stimmen. Sie steigen aus. Plötzlich blicken sie in zwei Dutzend Augenpaare. „Wer seid ihr?“, fragt eine tiefe, aggressive Stimme. „Was wollt ihr hier?“ Sie gehört einem dunkelhaarigen Jungen mit grauem Kapuzenpulli. Mädchen kichern. „Wir sind Geisterjäger“, stellt sich Alex vor. „Verarsch uns halt nicht!“, sagt der Junge. „Seid ihr auch wegen der weißen Frau hier?“ Der Junge heißt Serkan. Er und seine Freunde sind zu elft mit zwei Autos aus Neuperlach hierhergekommen. Jemand hat ihnen die Sage von der weißen Frau erzählt. Die elf Leute quetschen sich wieder in ihre zwei Autos und fahren in die Nacht davon. An einer anderen Stelle im Forst soll es mysteriöse Irrlichter geben, da wollen sie hin. Zurück bleibt Kevin, 20, aus Daglfing, der mit seinen drei Freunden hier ist – nicht zum ersten Mal. Er sagt, er sei die letzten fünf Tage immer um Mitternacht hier gewesen. Die weiße Frau habe er noch nicht gesehen. „Aber dafür treffe ich jede Nacht andere Leute hier. Irgendjemand kommt immer.“ In Kevins Kofferraum lagern ein paar Leinentücher, die hat er immer dabei, um Leute zu erschrecken. „Manchmal“, sagt er, „reicht es schon, das Tuch irgendwo an einen Ast zu hängen. Die Leute kriegen so einen Schreck, dass sie nicht einmal mehr nachschauen.“
Die Ghosthunter haben in der Zwischenzeit ihre Geräte eingesammelt. „Da brauchen wir auch nicht mehr messen“, sagt Alex. „Da traut sich ja kein Geist raus bei so vielen Leuten.“
Nachtrag:
Die Auswertung der Messungen der Ghosthunter dauert einige Tage. Dann schreibt Alex alias „Trasgu“ eine Email: „Wir können nicht vollkommen ausschließen, dass es an der Kapelle im Ebersberger Forst keine paranormalen Aktivitäten vorkommen. Zum Zeitpunkt der PU wurden allerdings keine Aktivitäten festgestellt. Die Lichter wurden eindeutig als vorbeifahrende Autolichter identifiziert.“
Dirk Anders arbeitet seit drei Jahren bei der Polizei Ebersberg und kennt die Geschichte von der weißen Frau. Er sagt: „Auf dieser Strecke durch den Forst ereignen sich im Jahr zwischen zehn und 15 Unfälle.“ Das sei verhältnismäßig wenig. Von einer Aussage, wonach ein Autofahrer vor einem Unfall eine weiße Frau gesehen habe, wisse er nichts. Meist seien Wildübergänge oder waghalsige Überholmanöver für den Unfall verantwortlich.
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