Was, wenn wir jetzt sterben? Unsere Zeit und ein Tag
Jetzt willst du dich ändern, aber für wen willst du dich denn jetzt noch ändern?
Du hast mich kennen gelernt, da war ich gerade im Begriff, Christopher zu verlassen. Du standest mit ihm vor dem Haus, Marcos Kotze habt ihr aufgewischt und ausgewrungen, weil ihr euch beide darin ähnelt, auf Partys aufzuräumen. Auch ich habe aufgeschnappt, dass es da dieses Mädchen gab, Alina, das du zurück haben wolltest, ihr hattet euch gerade getrennt. Auf dem Heimweg hast du mich Huckepack getragen und gerufen, ich wäre leicht wie eine Bonbontüte. Und wir ahnten beide nicht, dass es mit uns gar nicht leicht werden würde wie eine Bonbontüte.
Du sagst ein letztes Mal „Es tut mir Leid“ und ich sage „Ich weiß“, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll, für ein Drama habe ich keine Kraft mehr und Adrian sitzt im Nebenraum, wartet. Später wirst du finden, dass ich nett war bei unserer letzten Begegnung, dabei bin ich einfach gar nichts. Ich bin nüchtern, mein Kopf ist leer, mein Magen, der hat sich auch umgedreht. Nur, dass diesmal niemand da war, der aufgewischt hat. Dann sag ich „Ciao“ und du sagst „Tschüs“. Einfach so. Ganz bedeutungslos. Das, unsere letzte Begegnung? Hinter mir fällt die Tür ins Schloss. Jetzt bin ich allein.
Eine Zeitlang waren wir richtig gute Freunde. Ich war noch sehr schüchtern und verschlossen und du hast dir Zeit genommen. Fandest mich süß und unschuldig und hast einen Schlüssel gefunden, mit dem du an mich ran kamst. Einmal ging es mir nicht gut, da bist du den ganzen Weg von Köln-Ossendorf nach Köln-Sülz mit dem Fahrrad gefahren. Es hat eine Dreiviertelstunde gedauert und obwohl es mitten in der Nacht war, habe ich dich nicht gefragt, ob du bei mir schlafen willst und du nicht, ob du darfst. Du bist irgendwann einfach wieder gefahren und ich dachte, dass du ein sehr guter Freund bist.
Ich liege wach und weiß, dass du jetzt auch wach liegst. Du weißt, dass ich mir größere Sorgen mache als du und deshalb machst du dir die größten Sorgen um mich. Du bist verstört, denn du erkennst dich nicht wieder, wie ich dich schon eine ganze Zeit nicht wieder erkannt habe. Du bist jetzt an dem Punkt, an dem ich schon lange war. Ich denke an Kreta und wie wir gemeinsam über die Felsen geklettert sind, an deinen Lieblingsmoment. Und in meinem Kopf ist nur eine Frage: Wieso wolltest du unser schönes Leben eintauschen gegen so eine Scheiße? Was, wenn wir jetzt sterben?
Der Sex war unvermeidlich von der ersten angeheiterten Nacht an, die wir nebeneinander und auch ein bisschen aufeinander rumrutschend verbrachten und dennoch schafften wir es, ihn noch über einen Monat hinauszuschieben, während wir uns eifrig einredeten, heavy Petting ja, ganz und gar nein. Denn dafür sind wir nicht so der Typ.
Ich stehe in der S-Bahnstation Oranienburger Straße und brülle in mein Handy, als wäre ich asozial. Ich brülle alle Schimpfwörter, die ich kenne oder die mir einfallen, am öftesten „verfickt“. Und auch das kommt mir lächerlich inadäquat vor. Dreimal sind dir diese blöden Dinger geplatzt, gibst du später noch zu, als sowieso schon alles egal ist. Ich hasse dich, sage ich, während du was von ihrem negativen HIV-Test, drei Monate warten und Blutspenden stammelst. Hasse dich dafür, dass dir deine Befriedigung wichtiger ist als mein Leben, was nur die Spitze des Eisberges der vergangenen Monate darstellt: dass du dir wichtiger bist als wir.
Es war gekommen, wie es kommen musste, Frauen verknallen sich in Männer, mit denen sie ins Bett gehen. Und Männer bekommt man erst, wenn sie Angst haben, dass sie einen verlieren könnten. Und so bekamst du mich und ich bekam dich. Auch wenn es Zweifel gab und manchmal Enttäuschungen, denn keiner von uns war einfach, war es doch sehr gut. Unsere Zeit war sehr gut. Es war irgendwie fest, aber nicht abgeklärt, vertraut, aber nicht langweilig, alltäglich, aber nicht oberflächlich. Alles war gut.
Den ganzen Tag habe ich nur darüber nachgedacht, ob ich schwanger sein kann und was das dann bedeuten würde. Das andere, das zweite, das man immer bedenken muss, kommt mir erst in den Sinn, als ich schon im Bus sitze. Schon nach deiner ersten Antwort, auch wenn da nichts drinsteht, ist mir alles klar. Du bist nicht safe. Du bist nicht safe! Und hast nichts gesagt. Ich sitze da, verziehe keine Miene nur dahinter bricht alles zusammen. „Lass uns das gemeinsam durchstehen“, bettelst du, der mich schon längst verlassen hat. „Ich will dich in den Arm nehmen und deine Haare streicheln“, behauptest du, der monatelang die Chance dazu hatte. „Ich habe auch Pläne“, gibst du zu, der mich immer für meine Pläne belächelt hat. „Ich will dabei sein, wenn du alt wirst“, sagst du und weinst, dabei hast du immer Nein gesagt, wenn ich dich gefragt habe. Du hast mich alleine gelassen und jetzt lässt du mich mit der Angst allein. Vielleicht wäre es der einzige oder letzte richtige Zeitpunkt gewesen, es endlich zu sagen. Dass du mich liebst und dass du mich von jetzt an nie mehr alleine lässt. Aber das sagst du nicht.
Warum wir uns getrennt haben, haben die meisten nicht verstanden. Auch ich habe es nicht richtig verstanden. Warum du Vertrautheit gegen Abwechslung, Nähe gegen Neues, Liebe gegen Verknalltheit eintauschen wolltest. Etwas, das da war, gegen etwas, das vorbei ging. Der Tausch war nicht gut. Jetzt gab es viele, die dich kennen lernten, aber niemanden mehr, der dich kannte. Auch ich kannte dich nicht mehr. Zwischen uns war immer etwas gewesen. Als wir uns begegneten, als wir Freunde, Geliebte, Partner, Getrennte waren. Aber wenn du davon sprachst, dass dir die egal wären, die jetzt an deiner Seite schliefen, da wurdest du mir so fremd. Bist du jetzt der, der du dir als kleiner Junge zu werden gewünscht hast?
Zwischen uns ist immer etwas gewesen. Als wir uns begegneten, als wir Freunde, Geliebte, Partner, Getrennte waren. Und deshalb habe ich an diesem Morgen mit dir geschlafen, als du nach Monaten zum ersten Mal wieder neben mir aufgewacht bist, wie du so oft neben mir aufgewacht warst. Weil ich an diesem Morgen beides für dich sein konnte, Vertrautheit und Abwechslung, Nähe und Neues, Liebe und Verknalltheit. Weil ich dich früher einmal kannte und weil wir uns vielleicht noch einmal kennen lernen konnten. So fremd, dass ich geahnt hätte, dass ich dir nicht vertrauen kann, warst du mir noch nicht.
(Lustig, ich hab nen ähnlichen Text geschrieben.)









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22.02.2011 - 15:33 Uhr
lea2
(kotze wirklich auswringen? ich stells mir lieber nicht vor)