16.02.2011 - 14:30 Uhr

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Der Fall Guttenberg: Plagiate in der Wissenschaft

Text: dirk-vongehlen - c. 2011: Axel Völcker, DerWedding.de

Die Berliner Informatikerin Prof. Dr. Debora Weber-Wulff forscht seit Jahren zum Thema Plagiate in der Wissenschaft. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin hat sie ein Plagiats-Portal aufgebaut und in ihrem Copy, Shake, and Paste-Blog schreibt sie regelmäßig zum Thema. Heute wollte sie eigentlich einen ruhigen Tag im Zug verbringen. Doch dann vermeldete die Süddeutsche Zeitung: Verteidigungsminister zu Guttenberg soll für seine Doktorarbeit fremde Quellen genutzt haben, ohne diese zu benennen. Seitdem wollen viele ihre Einschätzung zum Thema hören.

Wir hatten schon vor der Debatte um den Verteidigungsminister mit Debora Weber-Wulff über Plagiate in der Wissenschaft gesprochen - und ziehen die Veröffentlichung des Gesprächs aufgrund des aktuellen Anlasses jetzt vor.



Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesverteidigungsminister, Foto: dpa

Ganz Deutschland spricht über die Doktor-Arbeit des Verteidigungsministers. Sie befassen sich schon länger mit dem Thema Plagiate und haben auch Software getestet, die Plagiate erkennen soll, würden Sie sagen, dass es bei der Bewertung von wissenschaftlichen Arbeiten heutzutage dazugehören sollte, einen Plagiats-Scann durchzuführen?

Nein. Ich möchte nicht alle Studierenden unter Generalverdacht stellen. Für mich ist es sehr wichtig, dass auch die Kulturwissenschaften den Punkt vermitteln, wo Wissenschaft auf Vertrauen aufgebaut ist. Ich würde aber jedem, der Seminararbeiten korrigieren muss, raten: Wenn man Verdacht schöpft, sollte man es überprüfen.  

Was könnte ein Verdacht sein?

Wenn jemand in einer Arbeit Begriffe verwendet, die man als Korrektor selber nachgucken muss, ist das ein Anzeichen. Entweder lerne ich selber was dabei oder ich stelle anhand dieses Begriffs fest: Hier wurde abgeschrieben. Zu Verdachtsmomenten zählen auch Stil- und Formatierungsbrüche. Studierende haben oft keine Vorstellung davon, dass man den Stil eines Textes wirklich erkennen kann.  

Funktioniert das auch bei Übersetzungen?
Das ist fast unmöglich. Aber oft nutzen die Studierenden, die plagiierend übersetzen Programme, wie Bablefish. Das sind grauenvolle Übersetzungen, aber so findet man durchaus die Quellen, von denen abgeschrieben wurden. 


Das Thema der Debatte: Guttenbergs Doktorarbeit, Foto: reuters

Plagiate gibt es aber nicht nur bei Studierenden ...
... überhaupt nicht. Es sind mehrere Fälle von Doktorarbeiten bekannt, die als Übersetzungen eingereicht wurden. Dabei ist es doch so: Wenn sich ein Dozent auf einem Gebiet spezialisiert, sammelt er alles, was er dazu finden kann. Dem kommt es bekannt vor, wenn jemand eine ganze Arbeit übersetzt.  

Dann steckt aber nicht kriminelle Energie hinter dem Plagiat, sondern auch Dummheit?

Ich weiß es nicht. Es gibt wenig Ursachenforschung zum Thema Plagiate. Wir entwickeln gerade ein Lernspiel für Erstsemsterstudierende, mit dem wir ihnen ein Grundgefühl für das Thema geben wollen: Warum setzt man Fußnoten? Wie zitiert man? Wie vermeidet man Plagiate?  

Es geht also um das richtige Kopieren?
Der Sinn der Wissenschaft ist es doch, sich in ein Bezugssystem einzugliedern. Wir stehen auf Schultern von Riesen, wie der Spruch lautet, der fälschlicherweise Newton zugeschrieben wurde. Dabei ist er bereits bei Bernhard von Chartres im Jahr 1135 zu finden. Es ist aber wahr: Wir stehen auf den Schultern von Riesen und man sollte sagen, auf welchen Riesen man steht.  

Können Sie das erklären?

Es geht darum, die Bezüge klarzumachen: Der hat das gesagt, der hat jenes gesagt und ich meine das dazu. Ich habe unlängst mit einem Studenten gesprochen, der gesagt hat: ,Ich hab gedacht, ich muss alles selbst  machen. Ich dachte es wäre falsch, wenn man Fußnoten setzt.’  

Ist es dann vielleicht wichtiger, eine Kultur des richtigen Zitierens und Kopierens zu zu vermitteln als Software zu entwickeln?
Unbedingt. Man kann mit Software keine sozialen Probleme lösen. Es geht darum, dass wir eine Kultur des Zitierens benötigen in Deutschland. Dass wir eine Atmosphäre bekommen, in der es in Ordnung ist zu sagen: Der hat auch gute Arbeit geleistet, ich beziehe mich darauf.  

Warum gibt es diese Kultur nicht?
Vielleicht liegt es auch an unserer Vorstellung von einem Professor. Wir erwarten, dass Professoren Koryphäen sind, dass sie einzigartig sind auf ihrem Fachgebiet. Dabei ist die Realität  so, dass es sehr viele Professorinnen und Professoren gibt, die der Meinung sind, ihnen gehören alle Arbeiten, die bei ihnen am Lehrstuhl angefertigt werden. Sie setzen ihren Namen mit auf die Arbeit oder sie nehmen kess die ganze Arbeit und reichen sie unter eigenen Namen und ohne Erwähnung der tatsächlichen Urheber ein. 

Studierende können es also nur lernen, wenn sie gute Vorbilder haben.
Wir müssen es denen vorleben. Und wir müssen es denen auch beibringen, denn in der Schule lernen sie es nicht. Es steht zwar im Lehrplan für die neunte Klasse: Umgang mit fremden Texten, aber die meisten wissen es nicht, wenn sie an die Hochschule kommen.

Plagiatsforscherin: Debora Weber-Wulff

In der Debatte wird häufig der Eindruck erweckt, das Problem habe zugenommen. Wie schätzen Sie dies ein?

Wir können es nicht messen. Wir wissen, dass es Plagiate immer gegeben hat – auch schon weit vor dem Internet.  Wir wissen aber nicht, wie viel plagiiert wurde. Vielleicht gehörte es schon immer zu der Art, wie Wissenschaft in Deutschland betrieben wurde: Die Professoren haben von ihren Doktoranden geklaut, die Doktoranten von ihren Diplomanden und die wiederum haben ihre Arbeit aus Büchern abgeschrieben, die andere Professoren von ihren Studenten abgeschrieben haben. Aber im Ernst: Wir wissen nicht, wie viel plagiiert wurde. Und wenn wir etwas nicht messen können, können wir auch nicht sagen, ob es größer oder kleiner geworden ist.  

Aber dann ist das Internet doch eher eine Verbesserung für diejenigen, die ehrlich arbeiten. Man kann Plagiate jetzt einfacher finden.
Je nachdem, welche Metapher Sie wählen wollen: Wir haben ein ebenes Spielfeld oder wir haben Waffengleichheit. Und diejenigen, die glauben, sie schreiben nur aus analogen Quellen ab, die man online nicht finden kann, vergessen, dass es auch Menschen gibt, die korrekt zitieren. Diesen Fall hatte ich unlängst, dass ich dank eines korrekten Zitats bei jemand anderem einen Plagiator überführen konnte.  

Das heißt: Wer korrekt zitiert, hilft mit, Plagiate zu vermeiden?

Ja, so kann man das sagen.   

Mehr zum Thema gibt es im Schwerpunkt bei sueddeutsche.de, das Thema Abschreiben ging genau vor einem Jahr im Fall Hegemann bereits durch die Presse.




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ach_ja
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Mag ich Mag ich nicht

4

16.02.2011 - 15:18 Uhr
ach_ja

"Wir entwickeln gerade ein Lernspiel für Erstsemsterstudierende, mit dem wir ihnen ein Grundgefühl für das Thema geben wollen: Warum setzt man Fußnoten? Wie zitiert man? Wie vermeidet man Plagiate? "

ist der richtige umgang damit wirklich so schwer, dass die armen ein LERNSPIEL brauchen?

sagmalschnellnennamen
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Mag ich Mag ich nicht

0

16.02.2011 - 15:29 Uhr
sagmalschnellnennamen

"ach_ja:
da hast du recht. so schwer ist das doch nicht.

aber, ist gekonntes ablupfern nicht auch irgendwo ein zeichen von können? klar, die moral ist dabei eine andere geschichte, aber wenn jemand es wirklich schafft, die ergebnisse anderer unerkannt als sein eigenen zu verkaufen, der muss doch schon irgendwie was draufhaben.

mebasti
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5

16.02.2011 - 15:32 Uhr
mebasti

Es muss wohl eher heißen: "Plagiate in der Politik"
Wenn man bei der Dissertation der Schröder ehem. Köhler, oder bei der Uschi von der Leyer mal ein bisschen prökeln würde, bröckelt da mit Sicherheit auch der Putz. Und wenn es nicht Plagiate sind, dann parteilich geförderte Produkte von Ghostwritertum. Lebenslaufstyling par excellence.

Frau_Erdmaennchen
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5

16.02.2011 - 15:36 Uhr
Frau_Erdmaennchen

Einerseits wird uns Studenten vom ersten Semester an eingebläut, dass wir ja zitieren sollen usw usf. Andereseits finde ich in einem Aufsatz meiner Professorin ganze Absätze, die inhaltlich komplett aus unserer Hausarbeit sind (da wir eine filmische Untersuchung einer Staffel einer Fernsehsendung bei ihr gemacht haben, war das sehr eindeutig nachvollziehbar) - was soll man denn da noch denken?
Ich finde, es würde einen Prof durchaus zieren, wenn er in der Einleitung zumindest eine Fußnote macht "Ich habe inhaltliche Anregungen aus Seminar XY einfließen lassen" - aber vllt seh nur ich das so

Aporia
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2

16.02.2011 - 15:40 Uhr
Aporia

Wenn man mal in Auswahlgesprächen für Professuren gesessen hat, dann verliert man alle Illusionen über das Gegensatzpaar Wissenschaftlichkeit vs. Karrieredruck.

m23
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3

16.02.2011 - 15:50 Uhr
m23

Einleitung: "Wir hatten schon vor der Debatte um den Verteidigungsminister mit Debora Weber-Wulff über Plagiate in der Wissenschaft gesprochen [...]"

Erste Frage: "Ganz Deutschland spricht über die Doktor-Arbeit des Verteidigungsministers. "

Was jetzt?
Glaushaus - Steine...
('tschuldigung, is ja nicht plagiiert, ist nur erfunden...)

ach_ja
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1

16.02.2011 - 15:54 Uhr
ach_ja

irgendwie kann ich mich des eindruckes nicht erwehren, dass sich auch in diesem bereich etwas geändert hat. natürlich kann man in vielen fächern die welt nicht mehr neu erfinden
insb. in den so beliebten geistespolitischpopulärwissenschaftlichen gebieten, bestenfalls kommt mal eine andere sichtweise dazu, und daher sollte man dazu stehen und so man seine neuen sichtweisen/interpretationen/schlüsse aus vorliegenden arbeiten anderer zu ziehen beabsichtigt, diese dann bitte angeben (s. lernspiel 1. semester, bei uns hieß das noch "proseminar wissenschaftliches arbeiten") über den wirklich wissenschaftlichen wert dieser arbeiten können wir gerndann gern an anderer stell mit einem adäquatengetränk diskutieren.

und frau erdmännchen, du hast völlig recht. aber mei, es menschelt eben.

wollmops
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3

16.02.2011 - 16:29 Uhr
wollmops

Soviel zum Thema: "wir Adligen haben voll die geilen Werte, ey" (http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/...).

lihannon
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Mag ich Mag ich nicht

2

16.02.2011 - 16:41 Uhr
lihannon

wollmops sagte:
Soviel zum Thema: "wir Adligen haben voll die geilen Werte, ey" (http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/...).


Mein Lieblingssatz aus dem besagten Artikel "Ich selber hätte lieber bis an mein Lebensende Latein-Nachhilfeunterricht gegeben, selbst wenn ich in der größten Finanznot wäre."
Man stelle sich vor Latain-Nachilfeunterricht! Da ist es nicht mehr weit bis in die Gosse.

wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

1

16.02.2011 - 16:44 Uhr
wollmops

lihannon sagte:
Mein Lieblingssatz aus dem besagten Artikel ...

ooooh ja, meiner auch :-)

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dirk-vongehlen

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