schwesterrollen
Sie haben bei ihrer mutter eine lungenmetastase entdeckt. Das kurz nach der gelungenen operation, nachdem sie wieder entlassen worden war und weihnachten im familienkreis verbringen konnte. Wie war wohl ein weihnachten in dem bewusstsein, dass es das letzte sein könnte? Das frage ich nicht. Wir teilten uns einen tee, weil wir beide kein geld hatten. Tiefrote brühe, die pflaume-zimt sein sollte, aber einen seltsamen kirschigen nachgeschmack besaß. Die bar existierte seit kurzem, hatte ockerfarbene wände mit sympathischen comiczeichnungen, ein langes bücherregal mit vergilbten, zerfledderten romanen und einer tafel in der mitte, auf der kommende konzerte verzeichnet waren. Ich verbringe aus einer abneigung zuhause zu sein heraus, ein wenig zu viel zeit in cafes, aber dieses ist unsere seit langem auserkorene lieblingskneipe.
Ich versuchte ihr die ergebnisse der radiographie, anscheinend ein milchig-opaker punkt an der lungenspitze, als überrest einer gerade überstandenen schweren lungenentzündung zu erklären. Ein jämmerlicher versuch meine eigene verbale unzulänglichkeit zu vertuschen, das wussten wir beide. In ihren augen schimmerte denoch eine gewisse dankbarkeit über die absicht ihr einen deutungsspielraum eröffnen zu wollen. A. hatte schon immer seltsame augen, ihre netzhaut war samtig braun und undurchdringlich. Seit unserer ersten begegnung in einem düsteren dissektionsraum in einem keller des anatomiegebäudes habe ich ihren blick nie deuten können. Sie saß ein jahr an eine wand gelehnt und sprach nicht. Ich nahm sie zum weintrinken und männeraufreißen mit, wir postpubertierten am schwarzmeerstrand, und teilten unser essen, denselben literaturgeschmack und einige neurosen. Sie sah niemandem in die augen, nicht einmal auf fotografien. Sah man sie auf der straße mit ihrem undurchdringlichen blick, der brille und dem schmalen körper, gelang es einem glatt ihre seltsame, zerbrechliche schönheit zu übersehen, die langen braunen haare, die symmetrischen gesichtszüge und ihre wattig leichten mandelaugen, hinter deren sanftheit sich ein analytischer, aber nie abwertender oder zynischer verstand verbarg. Ihr schizophrener vater hatte die familie verlassen als sie kind war. wahrscheinlich daher ihre tiefe verunsicherung was sie selbst betraf. Insgeheim hielt sie mich für die stärkere, ich nahm diese rolle in kindlichen narzissmus gerne an. Ein jahr lang hatte ich eine jüngere schwester, die beraten werden wollte, was verhütung betraf, familie oder die quälenden, zu überwindenden pausen in einem gespräch. Dann erkrankte ihre mutter an einem wirbelsäulentumor. Ich erfuhr es im sommer, als ich sie anrief, noch schmutzig und entzückt von einem festival. Es ging nicht mehr um studentenprobleme, das begriff ich, sondern um ein loch, an dessen ende sich ein tod und konkrete materielle sorgen befanden. Ob ihre mutter die operation übersteht und ob sie genügend geld hatte für ihr studium und das schmiergeld für die ärzte. Nach der operation folgten gute phasen. Wir trafen uns in einer rauchigen kneipe, in der alte filme gezeigt wurden, kochten gemeinsam ravioli und diskutierten über unsere neuentdeckte liebe zu polanski. sie klang am telefon oft erschöpft, selten traurig, ihre einstellung war auf bemerkenswert bis komische art und weise pragmatisch. Ihr freund stabilisierte sie und wir taten alle unser bestes.
Momentan ließ mich der rückschlag sprachlos. Ich habe hunderte von wörtern um leberkrankheiten zu beschreiben oder falsche hoffnungen oder den taumelnden kampf von insekten im regen, aber kein einziges um jemandem das gefühl zu geben nicht allein zu sein. Wahrscheinlich weil es ohnehin eine lüge gewesen wäre und wir das ebenfalls beide wussten. Mein kopf verhinderte das bewusste miterleben ihrer tragödie und wir empfanden es als normal. Also verlor ich mich in meinen persönlichen banalitäten. Wir reden über schmiergeld, sozialstrukturen und die balkanmentalität. Ich erzähle von meinem rückschlag mit einem kerl. Latent verknallt, konkret vermasselt. Also leiden und einsam fühlen angesagt. Es ist ohnehin die jahreszeit dafür. Sie lächelt und wir fischen die fruchtstücke aus dem teebeutel, eine weitere gemeinsame leidenschaft. Wir kommen auf die einsicht, dass man überallhin auswandern kann und dass die hälfte der menschheit aus paarungswilligen männchen besteht, kein mangel und ich merke, dass sich unsere rollen unmerklich verschoben haben. In ihrem blick ist wohlwollen und eine art ihr eigene melancholie und zum ersten mal fühle ich mich wie eine zwölfjährige, die von ihrer großen schwester den gang der welt erklärt bekommt und die tatsache, dass wenig schlimm ist und fast gar nichts tragisch. Früher habe ich mich oft bei der frage ertappt, wie viel der von mir in sie hineininterpretierten probleme, eigentlich im grunde meine eigenen sind. Sie war damals der zarte, seltsam verunsicherte mensch, dem ich die guten worte sagen durfte, die ich selber gerne gehört hätte. Ich erinnere mich daran, sie letzten sommer am meer als wir halbbesoffen und ungeschlafen einen kiesweg abstiegen um zur küste zu gelangen, gefragt zu haben, wieso sie eigentlich immer das bedürfnis verspürte sich selber aus der welt zu streichen. Es war das erste mal als ich sie beinahe beleidigt gesehen habe. „das ist scheiße“ sagte sie, „das bin ich nie gewesen.“
- Leere 05.04.2012
- ...und jetzt herrscht Stille, an einem Ort, das Herz heißt. 28.11.2011
- Geh voraus 09.08.2011
- M. 30.05.2011
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21.01.2011 - 09:35 Uhr
querspieler