20.01.2011 - 23:01 Uhr

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Ausverkauf der Liebesbeziehung: Ein Plädoyer

Text: NinIQ

Es gibt das Sprichwort, Gegensätze zögen sich an, obwohl auch alle wissen, dass dies jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt.
Mein Freund und ich treffen nach objektiven Kriterien absolut auf das Sprichwort zu.
Meine Mutter als Alleinerziehende mit dem Motto 'Das Kind soll es mal besser haben' und er, dessen Eltern nach so vielen Blagen auf jeden Fall auch mal Zeit für sich beanspruchen. Er, als Letzter von fünf Jungs, kommt aus dem Rheinland und wohnt noch immer dort. Ich als Einzel- und Mittelstandskind komme aus Westfalen und bin nach München gezogen. Er hat aus jugendlicher Renitenz, aus Trotz und Liebe zu Graffiti und Alkohol die Schule abgebrochen, ich studiere mit Stipendium an der Uni in der teuersten Stadt Deutschlands. Ich treibe Sport, er schaut viel fern; mein Freund ist groß und schlaksig und ich wäre, würde ich nicht ab und an Bewegung in meinen Tag einbauen, aufgehen wie ein Hefeteig. Er ernährt sich von Lasagne, und ich achte mit Vollkorn und Tofu auf meine Gesundheit– Die Liste ist nahezu beliebig ausweitbar.
Uns eint: Unser Humor, unsere nächtlichen langen Ausflüge und: Dass wir uns lieben.

Jüngst betitelte ein renommiertes Print-Magazin für meine Zielgruppe einen Artikel mit:
'Verliebtsein ist eine Illusion'.
Darin werden psychologische Grundlagen erklärt, denen zufolge Verliebtsein nichts anderes als das Schönreden kleiner Macken und Fehler des Partners seien (-> grüne rosa Brille).
Und auch sonst sieht es schlecht aus für die Beziehungsgattung 'Liebespaar': Unsere abgeklärte Gesellschaft voller Hedonisten und Menschen, denen ihr Tun individuell angerechnet wird, hat keinen Platz mehr für das längst überholte Modell der Langzeitbeziehung. Wie die Patchwork-Biographie ist auch Liebe bloß ein Baustein eines Lebens, dass wie nie zuvor ganz allein von einem selbst bestimmt werden kann.
Das ist jedenfalls, was wir landläufig hören; und dass Medien daran eine erhebliche Mitschuld tragen, ist nicht erst seit Elisabeth Noelle-Neumanns Erkenntnissen zur Schweigespirale bekannt. Kurz: Wir denken, was Meinungsmacher, Medien und Mehrheiten uns zu denken erlauben und vorgeben. Im Falle der Liebe wäre das also zur Zeit: Die Liebe hat ausgedient. 
Nicht umsonst erfährt die Diskussion um die Nichtigkeit und Anti-Priorität der Liebesbeziehung momentan höchste mediale Beachtung, nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts die bürgerliche Normalfamilie mit der starken Emotionalisierung der Beziehungen einen absoluten Boom erfuhr. Soziologen erkannten bereits Anfang der 1950er Jahre, dass lange Beziehungen  durchaus nicht aus Liebe, sondern aus Mangel an Alternativen eine bemerkenswerte Zeitlichkeit erreichten. Und heute glauben auch viele Nicht-Soziologen, dass man sich mit einer Beziehung im klassischen Sinne primär einen dicken Klotz ans Bein bindet. 
Bei all dem Negativbericht, all dem Realismus, den wir täglich eingepflanzt bekommen, bleibt die Frage nach Romantik auf der Strecke. Und ich sage: Wirklich auf der Strecke.

Natürlich gibt es die ewigen Opportunisten, die ihre mangelhafte Beziehung zu ihrem On-/Off Toy-Boy/Girl  aus Gutglauben und/oder Bequemlichkeit nicht beenden. Natürlich gibt es die ewigen Jungfern, und es gibt die grenzenlosen Romantiker, die auch nach dem zehnten gebrochenen Herz nicht daran zweifeln mögen, dass die ewige, einzige und wahre Liebe irgendwo da draußen auf sie wartet.
Statistisch gesehen kann der Ausverkauf der Liebe nicht an dem mangelnden Verlangen nach Nähe liegen; in keinem anderen Jahr erfuhren Partnerbörsen wie parship.de einen so deutlichen Zuwachs wie in 2010.
Die Zusammenhänge, wieso es der Liebe und ihren Beziehungsformen so sehr an den Kragen geht, sind so komplex wie unbegreiflich. Der pluralistische Mensch mit seinen vielen Rollen, Wertevorstellungen und Luxuansprüchen gibt sich schließlich nicht mit irgendetwas respektive irgendjemandem zufrieden. 

Mein einziges Anliegen, das mir daher in diesem Moment so sehr am Herzen liegt, ist, dass wir nicht vergessen sollten, was Liebe bedeutet, und das nicht im psychosozialen Kontext mit den drei Komponenten emotionale Nähe, körperliche Attraktivität und das dritte habe ich vergessen.

Sondern: 
Du gehst über die Straße, und hast Dir verschlafenerweise einen Kaffee mit viel Zucker drin geholt. Und während Du dich in allerbester Augenringe-Manier zur Arbeit schleppst, begegnest Du an diesem so banal normalen Tag dem Menschen, der in einer Millisekunde Dein Leben verändert. 
Du triffst eine Person, bei der Dir Hören und Sehen vergeht, bei der Du an nichts weiter denken kannst als an die schöne Haut und den guten Sex, an das warme Lachen und die Stunden, die Du mit dem Menschen (oder mit mehreren Menschen, je nach Vorliebe) im im Bett, unter der Dusche, in der Küche und an anderen für Intimverkehr ungeeigneten Orten verbracht hast. 
Du willst für diesen Moment, in dem Du seit so langer Zeit Dein Herz im wahrsten Sinne pochen hörst, alles geben. Kein materieller Zwang dieser Welt könnte Dich an einem anderen Ort als dem Deiner Liebe halten. Und wie sehr es Dir egal ist, dass es draußen in Strömen regnet, wenn der Weg auf kurz oder lang dorthin führt, wo Du ohnehin die ganze Zeit ohne nasse Kleider am Leib sein kannst!
Wie Du dir die Zeit mit dem bloßen Gedanken an Eure nächste Begegnung vertreibst, wie sich die Stunden und Tage zäh dahinschleppen, und sie mit nichts weiter als den ewig gleichen, heißen Gedanken gefüllt werden.
Die Sehnsucht nach dieser Nähe, eine Sucht, die wie jede andere starke Abhängigkeit Entzugserscheinungen nach sich zieht, die Dich schreien und weinen lassen vor Wut darüber, dass die Zeit zu kurz war. Die an Deinem Körper ziehen und Dir da wehtun, wo Du doch sonst schon so viel Traurigkeit und Emotionen angesammelt hast: Im Herzen. 
Und als Du Deinen anderen Teil dann wiedersiehst, so ist es, als sei es das Normalste der Welt, das banalste Treffen, so, als wäret Ihr niemals auseinander gewesen. Ihr tut tagelang nichts Anderes als immer nur das Gleiche, und das Beste daran? Es wird niemals langweilig.

Und deshalb ist dieser ganze Text nichts mehr als ein Aufruf, einfach mal auf alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie es schon Rapper Dendemann machte, einen 'sogenannten Fick' zu geben. Einfach mal drauf zu scheißen. Alle Klischees beiseite zu lassen. Und dann verdammt nochmal eine richtig gute Zeit zu haben. 



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8 Kommentare

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Vonundzuisnich
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Mag ich Mag ich nicht

1

18.01.2011 - 23:07 Uhr
Vonundzuisnich

Peng, voll in die Fresse! Kann ich da nur sagen. Sehr gut getroffen. Ich persönlich hatte heute einen ähnlichen Gedankengang. Bei mir drehte es sich jedoch darum, wie unnütz eigentlich chemisches Wissen über die Herkunft von Gefühlen ist. Und das es doch eigentlich nichts, undzwar rein garnichts, daran ändert, dass und was wir fühlen.

Wirklich sehr gelungener Text muss ich sagen.
Grüße Vonundzuisnich

NinIQ
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Mag ich Mag ich nicht

0

18.01.2011 - 23:09 Uhr
NinIQ

ja, wie irre sind denn alle momentan mit ihrem gequatsche über liebe, die bloß gesellschaftliche illusion ist?? gehts noch??
ich glaube, die hatten in ihrem leben bloß noch nie anständigen sex.

blablablaX3
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Mag ich Mag ich nicht

1

19.01.2011 - 15:44 Uhr
blablablaX3

Und warum soll das Wissen um die chemischen Vorgänge im Gehirn Quatsch sein?
Im Biologieunterricht habe ich zum Beispiel gelernt wie Nahrung in meinem Körper verdaut wird. Und? Hab ich dadurch aufgehört zu essen? Finde ich Essen dadurch ekelhaft oder dergleichen? Nicht im Geringsten. Etwas zu wissen und zu durchschauen bedeutet nicht automatisch eine Einschränkung und/oder Verzicht.
Genauso sehe ich es auch mit Gefühlen. Nur weil ich weiß welche Botenstoffe in meinem Körper freigesetzt werden, die zur sog. "Verliebtheit" führen, heißt es nicht dass ich aufhöre dieses Gefühl zu empfinden (und bewusst steuern kann ich es sowieso nicht, selbst wenn ich weiß welche Stoffe daran beteiligt sind)
Die Relevanz solcher Erkenntnisse mag für jeden anders sein, aber das bloße Wissen darum ist nicht gleich "schlecht".
Man sollte das nicht gleich als Angriff auf seine Beziehung sehen, und einfach mal locker nehmen.

NinIQ
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Mag ich Mag ich nicht

1

19.01.2011 - 17:24 Uhr
NinIQ

deshalb handetl der artikel ja auch nicht von biologischen und chmischen substanzen, sondern um mediale darstellung -> agenda-setting/ framing

und dass dadurch der eindruck entsteht, liebe als solche sei ein rein gesellschaftliches phänomen.

Engelsgestalt
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Mag ich Mag ich nicht

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03.05.2011 - 19:20 Uhr
Engelsgestalt

Ich kenne die Liebe und kannte die Liebe.

Liebe.
Liebe.

(-) * (-) = (+)

LIEBE.

panzerjunge
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Mag ich Mag ich nicht

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13.02.2012 - 23:48 Uhr
panzerjunge

Genau!

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Mag ich Mag ich nicht

0

13.02.2012 - 23:49 Uhr
panzerjunge

Genau!

aufzeichnungenausdemkellerloch
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Mag ich Mag ich nicht

0

29.02.2012 - 13:35 Uhr
aufzeichnungenausdemk…

das gehört auf die startseite.
gefällt mir.


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