Nie alt werden
Der Schnee ist fast vollständig geschmolzen.Es ist Zeit. Zeit wieder ins Auto zu steigen.
Meine 90 jährige Oma hat den felsenfesten Beschluss gefasst, nach dem Schneechaos, das Autofahren wieder aufzunehmen.
Ich bin schon froh, dass sie sich zu ihrem neunzigsten Geburtstag nicht einen Fahrschulkurs für einen 30 Tonner gewünscht hat oder vielleicht doch noch den Motorrad Führerschein machen möchte.
Das Ziel ist klar. Der Supermarkt um die Ecke soll es sein. Ob ich das erste mal nach vier Wochen Abstinenz vom Steuer sie auf dem Beifahrersitz begleite.
Verzweiflung beginnt an mir zu nagen und ich spüre auch einen Anflug von Aggressivität angesichts dieser Uneinsichtigkeit.
Ich schweige und fühle mich schuldig.
Kurz spiele ich noch mit dem Gedanken, die Reifen zu zerstechen oder Wasser in den Tank zu kippen. Das Auto muss unschädlich gemacht werden.
Aber was hilft es, gegen Sturheit und Starsinn anzukämpfen, der das Zusammenleben von Alt und Jung unter einem Dach beinahe unmöglich macht.
Ich kann Altenpfleger verstehen, die oft genug gegen ein Gefühl der Aggressivität kämpfen müssen, weil die Starrheit und Sturheit im Alter jeden Kompromissbereitschaft zu Nichte macht.
Todesmutig steige ich ins Auto. Schnalle mich an und falte die Hände.
Normalerweise bete ich nur am Abend. Auch so eine Angewohnheit, die mir meine Oma vermacht hat. Es sei wichtig an Gott zu glauben, sagt sie immer. Ich habe sie nie gefragt, warum es wichtig ist. Und von sich selbst aus hat sie mir nie erklärt, warum sie jeden Sonntag in die Kirche geht.
In diesem Moment ist es möglicherweise Zeit zum Beten.
In den ADAC Crash Tests sehen die Autos selbst nach einem Frontalzusammenstoß bei 30 Km/h recht zerknautscht aus.
Mein Freund der Airbag wartet auf seinen Einsatz.
Das Gebet wird unterbrochen, der Motor häult auf. Der Drehzahlmesser steht auf 6000 /min.
Wie oft habe ich ihr schon gesagt, dass Sie sich ein neues Hörgerät kaufen soll.
Aber die funktionieren eh alle nicht und sind viel zu teuer.
Wir holpern los. Anfahren im vierten Gang am Berg ist bei dieser Drehzahl durchaus möglich.
Die 110 PS sind einfach zu viel.
Wo denn die Tankanzeige sei? Die bewege sich so schnell.
Ich bitte sie auf die Straße zu schauen und nicht die Funktion des Amaturenbretts und der verschiedenen Anzeigen zu studieren.
Wenn das Auto wieder steht, sei für Erklärungen auch noch Zeit.
Ich erkläre ihr, dass die vermeintliche Tankanzeige die Geschwindigkeit angibt und der Tank rechts oben steht.
Die Anzeige rechts oben sei viel zu klein, die könne sie ohne Brille nicht lesen.
Meine Tonlage wechselt. Ich beginne allmählich die Geduld zu verlieren.
Wir erreichen den Supermarkt.
Sie fasst den Beschluss neben einem Porsche 911 einzuparken. Ich zeige ihr eine andere Parklücke, die viel breiter ist.
Wieso auch immer die Parklücken so schmal sein müssen, klagt Sie. In den USA seien die doppelt so breit. Vielleicht wäre ein Pickup auch das bessere Auto für meine Oma.
Da kann nichts mehr kaputt gehen. Die Autotüren der anderen Fahrer würden maximal bis zur Oberkante des Reifens reichen. Schrammen und Kratzer würden der Vergangenheit angehören.
Fünf Minuten sind seit dem ersten Parkversuch vergangen.
So wahr der liebe Gott will, werden wir heute noch Einkaufen gehen.
Zeit spielt im Alter keine Rolle mehr.
Ein Gefühl von Lethargie umklammert mich. Der Porsche Fahrer kommt zurück. Er beginnt zu gestikulieren, als er bemerkt, dass sein Champagner Bauch nicht durch die Fahrertür passt.
Da hat wohl jemand zu eng eingeparkt. Meine Oma ist schon im Supermarkt, während ich im Auto warte.
Ich zucke die Achseln und tue so, als spreche ich kein Deutsch.
Er beginnt sich umständlich in seinen Porsche zu quälen.
Als meine Oma zurück kommt, ist das Spektakel vorbei.
Wir fahren im zweiten Gang nach Hause.
- Degausser 17.04.2012
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12.01.2011 - 23:33 Uhr
gelbesschaf
chep_b_jordan sagte:
ThomasCrown sagte:
... , aber sie gefährdet sich und andere.
Ich möchte die Betonung auf und andere legen und dir ein schlechtes Gewissen machen. Könntest du mit eben diesem leben, wenn sie jemanden umfährt?
Aber ich weiß auch wie schwer es sein kann. Mein Großvater musste sein letztes Auto erst in den Graben setzen (nix weiter passiert), bevor das schlechte Gewissen aufhören durfte. Mit Einsicht ist hier nicht zu rechnen und der Hilfe des Staates auch nicht. Der freiwillige oder erzwungene Entzug des Führerscheines wird hierzulande schon als Freiheitsberaubung gehandelt. Ab einem gewissen Alter sollte eine regelmäßige medizinische Untersuchung Pflicht werden. Allen wäre geholfen - den Fußgängern, den anderen Autofahrern, radelnden Kindern auf dem Schulweg, den Ärzten, die die Atteste ausstellen sollen. Und die Autoindustrie? Muss man 85-jährigen wirklich noch einen X5 mit 180PS verkaufen?
In der Tat sollte ich alles daran setzen, sie vom Autofahren abzubringen. Aber es ist dem Ganzen mit rationalen Argumenten nicht beizukommen und leider kann man einen mündigen Menschen zu nichts zwingen.
Es sollte ein Pflichttest für ältere Autofahrer in regelmäßigen Abständen eingeführt werden.
Anscheinend hat unsere Autoindustrie den demographischen Wandel noch nicht erkannt. An das Bild von Auto mit Opa und Wackeldackel mit Klorolle in der Heckscheibe werden wir uns gewöhnen müssen.
MorbusBahlsen sagte:
Öh, die Autoindustrie hat das wohl erkannt und mag das auch. Mehr Autos an mehr Leute und mehr geschrottete Autos wegen mehr Unfällen heißt 'mehr Autos' heißt 'mehr Umsatz'. Zu welchem Preis allerdings, das wird woanders entschieden.
Leider sind unsere Autos bisher in keinster Weise altersgerecht gebaut. Das merkt man erstmals, wenn man mit alten Leuten unterwegs ist.
Aber ich habe letztens gehört, dass die Entwicklungsabteilungen neuerdings mit Geriatern zusammenarbeiten.
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12.01.2011 - 23:25 Uhr
gelbesschaf
Leider ist die Geschichte so passiert und jeder Satz wahr. Sogar den Porsche gab es.....