Klostein
Um 2:55 sollte der Flieger abheben.
Hat er aber nicht, Zeit genug, um den Restroom aufzusuchen.
Ich trete durch die Tür, auf der ein androgynes Männchen abgebildet ist.
Der Geruch von Klostein schlägt mir penetrant entgegen.
Eigentlich wollte ich nur pissen gehen.
In der Ecke sitzt ein Mensch, leicht zusammen gesunken. Er wirkt erschöpft.
Vor ihm steht auf dem Waschbecken ein Porzellan Untersetzer mit zwei Scheinen darauf.
Ob das alles ist, was er heute bis 2:56 bekommen hat?
Die Neonlampen flackern etwas und ich traue mich nicht, in den Spiegel zu schauen.
Ich bin müde. Eigentlich wollte ich nur pissen gehen.
Ich kann diesen Menschen nicht ignorieren, nicht einmal um diese Uhrzeit.
Er schaut mich aus großen braunen Augen an. Er lächelt. Sein Lächeln ist jung, unverbraucht. Vielleicht nicht einmal 25 Jahre alt. Ich bin zu müde, um verschämt wegzuschauen. Nicht wie es alle Leute tun, die sich an ihm vorbei zum Pissen verdrücken.
Es ist 2:57 Uhr. Boarding time war vor 30 Minuten.
Es ist ein Gefühl aus Mitleid und Zorn, das mich befällt. Dass dieser junge Mann hier sitzen muss, vielleicht hatte er keine andere Möglichkeit. Wahrscheinlich brauchte er das Geld.
Muss eine Familie ernähren oder die Eltern unterstützen.
Während ich darüber nachdenke, wieviel Kraft ein solches offenes Lächeln pro Pisser kostet, verrichte ich meine Notdurft.
Es war kein Scheißegal Lächeln, das er mir entgegen gelächelt hat. Dieser Gesichtsausdruck war offen und warmherzig.
Er wird in seinem Leben noch viel Lächeln. Es werden die Menschen an ihm vorbeigehen, ohne einen Schein auf den Porzellanuntersetzer zu legen.
Sie werden seine Dienstleistung für selbstverständlich halten.
Es ist 3:00 Uhr. Ich habe ungewöhnlich lange gebraucht.
Beim Händewaschen sitzt er neben mir und sieht mir zu.
Er führt sicherlich Statistik, wieviele sich die Hände waschen und wieviele auch nicht.
Er lächelt und hofft. Den letzten Schein, den ich in der Hosentasche finde lege ich auf den Untersetzer.
Ich zahle für all die anderen tausend Pisser an diesem Tag mit.
Es ist 3:02 Uhr, als die Durchsage zum Einsteigen durch die Lautsprecher ertönt.
Als ich durch die letzte Sicherheitsschleuse gehe, schaue ich zur Restroom Tür zurück.
Der junge Mann steht lässig an der Tür gelehnt und schaut den Leuten zu, die an ihm vorbei gehen. Ob er jemals hier wegfliegen wird.
Weg von diesem Ort, an dem ein Lächeln so verdammt teuer ist.
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