28.12.2010 - 18:30 Uhr

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Die letzte Elektro-Nische des Jahres

Text: friedemann-karig

Friedemann Karig erzählt von den Kalkbrenner-Brüdern, Daft Punk, Harald Björk, Sven Väth und vielen anderen Elektro- bis Techno-Tüftlern.


Brandt Brauer Frick - "You Make Me Real"
 
 Ich möchte mit einer gelungenen Wohnzimmerisierung der elektronischen Musik beginnen. Der Sound von Brandt Brauer Frick nämlich, von einer vielköpfigen Kapelle unter Mitwirkung genrefremder Instrumente wie Harfe oder Blechbläser eingespielt, lässt sich näherungsweise als Akustik-Techno bezeichnen. Das taugt aber nicht nur zum Distinktionsgewinn müder Feierbären oder hipper Cordhosenträger, „You make me real“ bleibt keineswegs Hintergrundrauschen. Stattdessen manchmal jazzig-sperrige Experimentalmusik, manchmal feiner Teppich für eingängige Melodien, manchmal anstrengend, manchmal entspannt - aber immer hochinteressant und überzeugend arrangiert. Während ich darüber nachdenke, dieses Album meinen Eltern zu schenken, sage ich Brandt Brauer Frick aus genau diesem Grund eine große Karriere voraus.




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Paul Kalkbrenner
 
  Was für eine Geschichte der Mann geschrieben hat: Vom Berliner Szene-DJ zum Filmschauspieler, vom Local Hero zur internationalen Techno-Ikone. Da scheint die obligatorische Kommerz-Anklage und darauf folgende Auslieferung an den verhassten Mainstream nur mehr Formsache. Und jetzt zelebriert er auch noch die bisher für Techno-Künstler schwer erreichbaren Insignien einer großen Pop-Karriere, nämlich Hallen-Tour und zugehörige DVD, überaus erfolgreich. Es wäre einfach, Kalkbrenner dafür zu verdammen und zu vergessen. Beim Betrachten des etwas brav gefilmten und geschnittenen Materials beginnt man jedoch zu zweifeln: Schleicht da statt eines schillernden Stars etwa ein berlinernder Bengel durch die zu bespielende Halle, in ehrlicher Sorge, dass auch jeder der 10.000 Gäste die Leinwand wird sehen können? Bringt der Messias des Massentechno wirklich seine Eltern backstage zum Meet&Greet mit seiner Tour-Familie? Spielt er seinen soliden Tech-House nicht mit echter Freude? Ist er vielleicht doch jener bodenständige Handelsreisende elektronischer Musik, den man immer noch und immer wieder lieb haben kann? Oder ist dieses Image letztlich nur Teil der Kalkbrenner-Marketing-Maschinerie? Es erscheint letztlich ziemlich egal, wie echt Paul Kalkbrenner ist. Und dass mit Part Of The Weekend Never Dies, dem grandiosen Film über Soulwax bzw. 2Many DJs, das Genre der Tour-Dokumentation schon vor Jahren den goldenen Schuss erhielt. Paul Kalkbrenners Musik ist gut, sein Publikum jung, seine Zeit die Gegenwart und Zukunft. Und seine DVD dokumentiert aufs schönste, dass Techno heute Pop ist. Dass DJs Rockstars sind. Und dass das überhaupt nicht schlimm ist. 


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Harald Björk - "Bigfield
 
Bigfield heisst Harald Björks großartiges Debüt-Album, welches mich ins neue Jahr retten wird. Björk macht Techno, wie ich ihn lieben gelernt habe: Vielseitig, emotional, kommod. Songs wie das magische „December“ wärmen Geist, Ohren und Seele mit perfekten Spannungsbögen und unaufgeregter Vierviertelkonsequenz, welcher immer wieder ein gebrochener Kontrapunkt gegenüber gestellt wird. Der Schwede erreicht in seinen besten Momenten eine aufregende Perfektion in der Zusammenführung redundanter Fragmenten, wie ich sie schon lange nicht mehr gehört habe. Eines der besten Techno-Alben des Jahres.  


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