23.12.2010 - 18:30 Uhr

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Ein offener Brief an die Schwieger-Familie

Text: penni-dreyer - Illustration: katharina-bitzl

Wer eine langjährige Beziehung führt, der kommt am zweiten Weihnachtsfeiertag kaum um den Besuch bei der Familie des Partners herum. Dass das schlechte Laune macht, ist klar. Aber: wie sagt man's den Schwiegereltern?

Liebe Schwiegereltern,

nehmt mir bitte meine Laune nicht übel, ich versuche mich schon seit meiner Ankunft in eurem Heim zusammenzureißen und gute Miene zum zweiten Weihnachtsfeiertags-Spiel zu machen. Und ich weiß, dass ihr euch fragt, was denn jetzt schon wieder mit mir los ist und warum ich allen Anwesenden die auslaufenden Weihnachtsfeiertage mit meiner Sauertopf-Miene verderben muss.

Lasst euch versichert sein: Es liegt nicht an euch. Es liegt an mir. Obwohl... es liegt auch nicht an mir, es liegt eher an den Umständen. Denn ihr seid alle zusammen und einzeln wirklich ganz liebe Menschen.

Nur - ich habe schon einen kompletten Satz Verwandtschaft. Und die hat mir, bis ich euren Sohn kennenlernte, durchaus gereicht. Ich habe Eltern, deren Aufgabe darin besteht, mich zu nerven, rühren und umsorgen und meine Entscheidungen kritisch zu hinterfragen. Ich habe Geschwister, mit denen ich mich immer noch pubertär auseinandersetzen muss. Und ich habe ein buntes Sammelsurium an Tanten, Onkeln, Großtanten, Cousins und Cousinen, die von absolut indiskutabel bis Lieblings-Verwandte eigentlich das gesamte Spektrum abdecken. Und bis vor kurzem hatte ich ein absolut überschaubares Maß an verwandtschaftlichen Pflicht-Terminen, die ich jährlich absolvieren musste.

Und das habe ich jetzt alles auf einmal doppelt, seitdem euer Sohn und ich vor einem Jahr zusammengezogen sind. Weil unsere Beziehung in die Ernsthaft-Straße einbog, hat unsere Umwelt anscheinend beschlossen, dass die vielen schönen Aspekte auch durch ein paar nervige ergänzt werden müssen. Und das kulminiert jährlich im Besuch bei euch, der anderen Familie, am zweiten Weihnachtsfeiertag.

Kneifen gilt da nicht. Man soll mich ja um Himmels willen nicht für eine undankbare Person, gedankenlose Fast-Schwiegertochter oder hinterhältige Diebin des einzigen Sohnes halten. Dieser Besuch, damit wir uns da klar verstehen, ist keine freiwillige Veranstaltung, der ist Pflicht. Das erklärt vielleicht teilweise, warum sich mein Enthusiasmus am heutigen Tage in Grenzen hält.

Zudem kommt, dass ich das Gefühl habe, meine gesamte Verwandtschafts-Toleranz schon für die meine aufgebraucht zu haben. Denn die ist, dass wir uns da nicht falsch verstehen, kein bisschen besser, als eure. Ich kenne sie nur schon seit Jahrzehnten, weiß, dass Onkel Charly nach dem zweiten Weißbier zur feuchten Aussprache neigt, Tante Maria mit ihrer passiv-aggressiven Art schon immer für interessante Diskussionen unterm Weihnachtsbaum gesorgt hat, und die kleine Cousine Johanna nun mal einen ausgesprochen schrägen Männergeschmack hat, der irgendwie mit ihrer verkorksten Vater-Tochter-Beziehung zu tun hat. Aber bei meiner Verwandtschaft hatte ich jahrelang Zeit, Strategien zu entwickeln, mit diesen unschönen Attributen umzugehen.

Nun ist mir eure Familiendynamik noch weitgehend unbekannt und es erschreckt mich immer noch, wenn du, werter Herr Schwiegerpapa, mich zum Dessert eines Kreuzverhörs bezüglich meiner beruflichen Pläne unterziehst. Und wenn mein Freund in seinem Elternhaus auf einmal zum Mini-Pascha wird, der keinen Finger rührt, ehe er nicht fünf Mal dazu aufgefordert wurde. Und wenn Tante Magda plötzlich weinerlich wird, so ganz ohne offensichtlichen Grund und nicht mehr aufhört, sich die Augen feucht auszuwischen.

Das könnte möglicherweise die chronische Erschöpfung erklären, unter der ich seit meiner Ankunft leide.

Ich weiß, es ist kein Trost, aber vielleicht rückt es meine leicht feindselige Aura in ein barmherzigeres Licht, wenn ich euch zum Schluss noch erzähle, dass nach meiner Erfahrung eigentlich jeder Mensch in meinem Alter ein mehr oder minder großes Problem mit seiner Schwieger-Familie hat. Bei manchen ist das Problem offensichtlich, da sind die Schwiegereltern unverschämt, proletig oder gemein zu ihrem eigenen Kind. Bei anderen sind die Schwierigkeiten etwas subtiler, vielleicht auch eingebildet und selbstgemacht.

Aber keiner, wirklich keiner meiner Freunde findet seine Schwiegereltern uneingeschränkt super-nett. Das gehört wohl einfach dazu.

Und ihr? Gebt es zu: Wir sind euch insgeheim eh nicht gut genug. Stimmt's? Na also, dann wären wir ja auch wieder quitt.

Und wer weiß, vielleicht wird das Weihnachtsfest in zehn Jahren, wenn wir uns und unsere Macken so richtig gut kennen,  ja auch ganz entspannt? Darauf ein Schlückchen Dornkaat!

Eure Penni




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Azaki
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Mag ich Mag ich nicht

8

23.12.2010 - 22:26 Uhr
Azaki

"Aber keiner, wirklich keiner meiner Freunde findet seine Schwiegereltern uneingeschränkt super-nett. Das gehört wohl einfach dazu."

Eine statistische Meisterleistung. Daher rührt dann wohl auch:

"Wer eine langjährige Beziehung führt, der kommt am zweiten Weihnachtsfeiertag kaum um den Besuch bei der Familie des Partners herum. Dass das schlechte Laune macht, ist klar."

Ich komme mit den Schwiegermonstern auch nicht klar, aber ich bin mitnichten der Ansicht, dass das jedem so geht. Also nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich sage: Was für eine beschränkte Ansicht.

Begunje62
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Mag ich Mag ich nicht

5

24.12.2010 - 08:20 Uhr
Begunje62

da bin ich wohl die ausnahme von der regel. ich freue mich auf weihnachten mit der schwiegerfamilie. klar haben da auch alle ihre marotten, aber ich fühle mich viel weniger persönlich beteiligt und bin so in vielerlei hinsicht entspannter.

ich frage mich auch, ob man überhaupt irgendjemanden "uneingeschränkt super-nett" finden kann, den man etwas näher kennt. haben doch alle ihre fehler, ist doch auch gut so. ich hab ja auch meine die die anderen aushalten müssen.

-wolkenkatze-
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Mag ich Mag ich nicht

11

24.12.2010 - 09:13 Uhr
-wolkenkatze-

ich frage mich, woher dieses schwiegereltern-sind-schrecklich-klischee kommt und kann mir nicht vorstellen, dass wirklich so viele sich nicht mit ihren schwiegereltern verstehen...meine in spe sind absolut nicht schrecklich sondern eine überaus nette ergänzung meiner eigenen familie.

MojoMenges2
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.12.2010 - 09:58 Uhr
MojoMenges2

Kann ja sein, dass Ihr Eure Schwiegereltern total nett findet. Aber Ihr solltet mal hören, was sie so über Euch reden, wenn Ihr nicht dabei seid.

Cios
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Mag ich Mag ich nicht

1

24.12.2010 - 11:35 Uhr
Cios

Tja, kenne diese Gefühle ganz gut, deswegen fahre ich auch nicht mehr hin.

Ich gehöre einer anderen Religion an und wir feiern Weihnachten später (7.Januar). Zwei Mal habe ich bei der Familie meines Freundes "mitgefeiert" am 24.12, dieses Jahr lasse ich es bleiben. Mir gefallen diese Weihnachtsdiskussionen und Streitereien nicht, ich möchte ehrlich gesagt Weihnachten in Ruhe, Harmonie und einer freundlichen Atmosphäre feiern. Da will ich nicht zum 100. Mal erzählen was ich doch für einen dummen Job habe oder warum ich noch nicht heiraten will/schwanger werden möchte und so weiter. Ich möchte einfach in Ruhe feiern, lachen, schöne Dinge erzählen.

Wir feiern Weihnachten mit vielen Bräuchen und Spaß, aber bei den Familien hier, die ich kennen lernen durfte, ging es nur um Diskussionen, Geschenke und wann man wieder so schnell wie möglich a) abhauen und b) jemandem noch einen reindrücken kann. Schlechte Gefühle sollten Weihnachten einfach nicht da sein.

Cheers :) Frohe Weihnachten!

lara79
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Mag ich Mag ich nicht

6

24.12.2010 - 12:05 Uhr
lara79

Wer einen offenen Brief an seine Schwiegereltern schreibt, hat wohl ein grö0eres Problem - mit sich. Ansonsten finde ich dieses selbstverliebte Geblubber ziemlich öde.

John_Rebus
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Mag ich Mag ich nicht

6

24.12.2010 - 12:31 Uhr
John_Rebus

Etwas weniger Egoismus und etwas mehr Selbstdisziplin. Mit Heoflichkeit und Anstand meistert man gesellschaftliche, als laestig empfundene Termine. Es ist, wenn-es-ernst-wird eben doch eine Allianz zweier Familien und man fuegt sich in das neue Verwandschaftsgefuege eben ein. Oder auch nicht.

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Mag ich Mag ich nicht

4

24.12.2010 - 12:32 Uhr
John_Rebus

Offener Brief an die Schwiegereltern und dann das Pseudonym Penny Dreyer. Feigheit vor dem eigenen Courage?

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

4

24.12.2010 - 12:46 Uhr
alcofribas

lara79 sagte:


Wer einen offenen Brief an seine Schwiegereltern schreibt, hat wohl ein grö0eres Problem - mit sich. Ansonsten finde ich dieses selbstverliebte Geblubber ziemlich öde.


John_Rebus sagte:


Etwas weniger Egoismus und etwas mehr Selbstdisziplin. Mit Heoflichkeit und Anstand meistert man gesellschaftliche, als laestig empfundene Termine. Es ist, wenn-es-ernst-wird eben doch eine Allianz zweier Familien und man fuegt sich in das neue Verwandschaftsgefuege eben ein. Oder auch nicht.



zweimal grün.

uppercut
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Mag ich Mag ich nicht

4

24.12.2010 - 13:15 Uhr
uppercut

Ich persönlich finde ja, ein Teil des Erwachsen-Werdens beinhaltet, seine ganz persönliche Beziehung zur eigenen Familie und eben auch zur erweiterten Familie und deren Traditionen/Bedürfnissen etc. zu definieren. Grenzen zu setzen zwischen mach ich mit und mach ich nicht mit.

Wenn man denn Dinge wie Weihnachtsbesuch bei Schwiegereltern in spe unter mach-ich-mit einordnet, dann begegnet man den (nervigen) Eigenheiten, die alle Familien haben mit den angemessenen Reaktionen wie Gelassenheit, Humor, Höflichkeit, Dankbarkeit, Bescheidenheit oder auch Opposition je nach individueller Einschätzung.

Was nicht geht, ist mitmachen und dann im Nachhinein hier so einen Artikel schreiben. Das zeugt meiner Meinung nach von mangelnder Reife.

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